Diagnose Mittelstand

Mittelstand in Werdohl selten so stark wie heute

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Gut gelaunt präsentierten Sparkassen-Vorstand Mike Kernig (rechts) und Firmenkundenberater Hartmut Tetling (links) ihre Diagnose zum Zustand des heimischen Mittelstandes.

Werdohl - Man könnte ja auf den Gedanken kommen, der Mann wolle eine Beruhigungspille verabreichen, um aufkommende Nervosität in der Wirtschaft im Keim zu ersticken. Doch Mike Kernig ist überzeugt von dem, was er sagt. „Unser Mittelstand war selten so stark wie heute!“, erklärt er.

Das Vorstandsmitglied der Vereinigten Sparkasse im Märkischen Kreis zieht seinen Optimismus aus der „Diagnose Mittelstand“ des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands und ist sicher, dass vieles aus dieser bundesweiten Analyse auch auf die mittelständische Wirtschaft in Werdohl zutrifft. 

Der Aufschwung im Mittelstand setze sich weiter fort, berichtet Kernig, schränkt allerdings ein: „Aber nicht mehr in dem hohen Tempo wie zuletzt.“ Das Umsatzwachstum sei 2018 gegenüber dem Vorjahr zwar um 1,4 Prozent zurückgegangen, sei mit 4,9 Prozent aber immer noch beachtlich und die Umsatzrendite mit 6 Prozent stabil. Die Auftragsbücher seien immer noch gut gefüllt, Anzeichen für eine Rezession gebe es derzeit nicht.

Wirtschaft ist "sehr effizient" geworden

„Unsere Wirtschaft ist sehr effizient geworden“, hat Kernig gemerkt. Das macht er an der Anlageneffizienz fest, also am Umsatz im Verhältnis zu den Sachanlagen: „Mit einem Euro Sachanlagen machen unsere Unternehmen 2,21 Euro Umsatz, das sind noch einmal 2 Cent mehr als im Jahr zuvor“, berichtete der Sparkassen-Vorstand. Eine wesentliche Ursache dafür sieht er in den Unternehmenspolitik der Mittelständler, die ihr Kapital gerne im Unternehmen belassen. Der typische Mittelständler setze gerne „Speck für schlechtere Zeiten an“, sagt Kernig. „Und diese Zeiten werden kommen, aber dafür ist der Mittelstand dann auch gut gerüstet“, lobt er das Nachhaltigkeitskonzept der kleinen und mittleren Unternehmen, die oft auch noch familiengeführt sind. 

Eigenkapitalrendite von 14,7 Prozent

Gründe dafür, die Zukunft nicht allzu schwarz zu sehen, liefern dem Sparkassen-Chef die Bilanzen der Unternehmen. Sie wiesen eine durchschnittliche Eigenkapitalausstattung von 39,1 Prozent und eine Eigenkapitalrendite von 14,7 Prozent auf, berichtet Kernig. Finanziell sind die meisten Betriebe also gut ausgestattet. Herausforderungen und Risiken sehen sie ebenso wie die Sparkasse eher auf anderen Gebieten. 

Natürlich sei der Mittelstand längst weltweit vernetzt, zumindest aber von Entwicklungen auf dem Weltmarkt abhängig, weiß Kernig und spricht auch die Exportabhängigkeit der deutschen Unternehmen an. Strafzölle und Handelskriege könnten deshalb „Bremsspuren nach sich ziehen“, formuliert er, wie sich beispielsweise Streitigkeiten zwischen den USA und China auch auf die Entwicklung heimischer Unternehmen auswirken könnten. Trotzdem will Kernig keine Panik verbreiten: „Die Gefahr besteht zwar, aber das heißt ja nicht, dass es so kommen wird.“

Verflechtung ist Chance und Risiko

Auch Hartmut Tetling, Firmenkundenberater der Sparkasse, sieht die internationalen wirtschaftlichen Verflechtungen als Chance und Risiko zugleich. Auch der Ausstieg Großbritanniens aus der EU – wann und zu welchen Bedingungen auch immer – spiele eine Rolle. „Der Brexit ist aber nicht das größte Problem für die heimische Wirtschaft“, sagt der Experte und zitiert die Sparkassen-Chefvolkswirte, die davon ausgehen, dass dieses Szenario das Wirtschaftswachstum um vielleicht 0,5 Prozent senken könnte. Tetling hält das für überschaubar. 

Auch die Unwägbarkeiten, die die Diesel-Debatte insbesondere für die Automotive-Betriebe in der Region mit sich bringt, dürfte den Mittelstand nach Ansicht der Sparkassen-Experten nicht aus der Bahn werfen. Tetling sieht die Unternehmen „innovativ und technisch gut aufgestellt“, Kernig glaubt: „Der Mittelstand stellt sich darauf ein!“ Gleichwohl gelte es aufzupassen, um bei der Entwicklung von alternativen Antriebskonzepten für Kraftfahrzeuge nicht den Anschluss zu verpassen. 

Fachkräftemangel wird immer problematischer

Die wirklichen Risiken und Probleme liegen für die Mittelständler nach Einschätzung der Sparkasse in anderen Bereichen. Kernig nennt den Fachkräftemangel, der mittlerweile bedrohliche Formen annehme, aber auch das „zu komplexe Steuersystem“. Ein möglicher Zinsanstieg bereite den Unternehmen dagegen keine Sorgen, glaubt er. Die „Diagnose Mittelstand“ stützt diese These: Der weit überwiegende Teil der Unternehmen hat sich für Investitionen langfristige Kredite zu günstigen Zinssätzen gesichert. „Und etwa 40 Prozent der Unternehmen setzen auf weiterhin günstige Finanzierungsbedingungen und nutzen diese wieder vermehrt zur Finanzierung von Investitionen“, berichtet Kernig.

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