Jahrhundertregen in Werdohl

Mitarbeiter müssen 30 Stunden in Firma ausharren

Uwe Linde, Pförtner bei Superior Industries in Werdohl, hat wie viele seiner Kollegen die Nacht zum Donnerstag im Unternehmen verbracht.
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Uwe Linde, Pförtner bei Superior Industries in Werdohl, hat wie viele seiner Kollegen die Nacht zum Donnerstag im Unternehmen verbracht. Im Hintergrund laufen die Aufräumarbeiten.

Am Tag nach dem schlimmen Unwetter liegt Stille über dem Industriegebiet Dresel zwischen Werdohl und Altena. Nur in ganz wenigen Betrieben wird gearbeitet – und wenn gearbeitet wird, werden die Spuren des vergangenen Tages beseitigt: Wasser, Schlamm, Geröll, Holzreste.

Werdohl – Wer es von den Arbeitnehmern in den vielen Betrieben am Mittwoch noch hinausgeschafft hat aus diesem Überschwemmungsgebiet, konnte sich glücklich schätzen. Denn nicht alle haben sich nach getaner oder abgebrochener Arbeit noch auf den Heimweg machen können. Die Bäche und Rinnsale, die zu reißenden Flüssen geworden waren, hatten mit dem, was sie mitgerissen haben, die Straßen unpassierbar gemacht. Ein Erdrutsch blockierte die Bundesstraße 236 in Richtung Altena, in Richtung Werdohl hatte der Höllmecke-Bach meterhohe Geröllberge auf die Fahrbahn befördert.

So kam es, dass beim Alufelgenhersteller Superior Industries, mit rund 500 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber Werdohls, ein Teil der Belegschaft über Nacht bleiben musste. Zu ihnen gehörte auch Pförtner Uwe Linde, an dessen Arbeitsplatz das Wasser zeitweise gut 70 Zentimeter hoch stand und damit über die Schreibtischkante schwappte. „Einige Kollegen waren seit Mittwochmorgen, 6 Uhr, hier“, berichtete der Lüdenscheider am späten Donnerstagmorgen. Auch er selbst hat zu diesem Zeitpunkt schon einen ganzen Tag und die Nacht in der Firma zugebracht. „Zwischendurch habe ich mal drei Stunden im Auto geschlafen“, erzählt er. Auch andere Kollegen hätten sich in der Nacht mal für einige Zeit ins Auto gelegt.

Juli-Hochwasser in Werdohl

Hochwasser am 14./15. Juli in Werdohl.
Hochwasser am 14./15. Juli in Werdohl.
Hochwasser am 14./15. Juli in Werdohl.
Hochwasser am 14./15. Juli in Werdohl.
Juli-Hochwasser in Werdohl

Was sollten sie auch sonst machen? Die Wassermassen, die der Drewescheider Bach aufs Firmengelände befördert hatte, hatten die Produktion weitestgehend zum Erliegen gebracht. Nur die Verwaltung und der gerade erst zum Teil fertig gestellte Neubau seien von der Flut verschont geblieben, berichtet ein anderer Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden möchte. Die Feuerwehr habe „gepumpt und gepumpt, bis sie es irgendwann aufgegeben hat“. Bei Superior Industries ging es nur um Sachwerte, an anderer Stelle waren Menschenleben in Gefahr, dort die Hilfe der Feuerwehr dringender.

Also rückte die Feuerwehr irgendwann ab, die Mitarbeiter in der Aluminiumgießerei blieben zurück. Immerhin hatte die Kantine noch ausreichend Proviant gebunkert, um sie am späten Mittwochabend und am Donnerstagmorgen zu verpflegen. „Es gab Schnitzel und Pommes, Kaltgetränke und Tee“, berichtet der namenlose Mitarbeiter. Pförtner Linde erzählt noch, dass ein Kollege von Bekannten, die in der Nähe wohnen, belegte Brote besorgt habe. Gemütlich dürfte die Nacht nach dem Unwetter für die Zurückgebliebenen dennoch nicht gewesen sein. Erst am Donnerstagmittag konnten sie das Industriegebiet über eine Nebenstraße verlassen – einige nach mehr als 30 Stunden.

Auf der anderen Seite des Industriegebietes ist an diesem Donnerstagmorgen Ulrich Kirchhoff, Inhaber und Geschäftsführer der Härterei Kirchhoff, mit Reinigungsarbeiten beschäftigt, Wie auch sein Geschäftsführer-Kompagnon Isa Latifaj und ein paar andere der insgesamt rund 25 Mitarbeiter versucht er, zumindest den Schlamm aus der Lagerhalle zu befördern, den die Wassermassen tags zuvor hineingetragen haben.

Auch Latifaj und andere Beschäftigte sind seit mittlerweile rund 30 Stunden vor Ort, Kirchhoff noch nicht ganz so lange. „Wir haben mal drei oder vier Stunden im Auto geschlafen, einige haben sich im Aufenthaltsraum auf die Couch legen können“, berichtet Kirchhoff, wie die tapferen Kämpfer gegen das Hochwasser zwischendurch mal neue Kraft getankt haben. Er selbst habe die ganze Nacht Wache gehalten. Sein Vater habe irgendwann mal Bockwürstchen vorbeigebracht.

„Wir sind wohl mit einem blauen Auge davongekommen“, zieht Kirchhoff am Tag nach der Katastrophe eine erste Bilanz. Zwar stehe seine Lagerhalle knöcheltief unter Wasser. Er sei aber heilfroh, dass die Produktionshalle nicht geflutet worden sei. „Darin haben wir einige zigtausend Liter Öl in großen Wannen. Wenn das Wasser da hineingelaufen wäre...“ Kirchhoff muss den Satz nicht zu Ende bringen, man kann sich ausmalen, was es bedeutet hätte, wäre dieses Öl mit weggeschwemmt worden.

Der Werdohler Unternehmer Ulrich Kirchhoff versuchte am Tag nach dem Unwetter zumindest den Schlamm aus seiner Lagerhalle zu fegen, den die großen Wassermassen hineingetragen hatten.

Der Unternehmer hatte die Gefahr rechtzeitig erkannt und die Feuerwehr alarmiert, die dann mit Unterstützung des benachbarten Transportunternehmens NBTK Ulbrich einen Sandwall vor dem großen Rolltor aufbaute. „Ich kann der Feuerwehr nur meinen größten Dank aussprechen“, ist Ulrich Kirchhoff auch am Tag danach noch die Erleichterung darüber anzumerken, dass diese Maßnahme Früchte getragen hat.

Gearbeitet wird in der Härterei, abgesehen von den Aufräumarbeiten, aber am Tag nach dem großen Unwetter noch nicht. „Wir könnten eigentlich produzieren, aber unsere Mitarbeiter können nicht herkommen“, sagt Kirchhoff, woran die Wiederaufnahme der Arbeit scheitert. Wie der Härterei Kirchhoff geht es vielen Arbeitgebern in Dresel an diesem Tag eins nach dem großen Regen.

Viele Privatleute haben dagegen alle Hände voll zu tun, die Spuren des Unwetters an ihren Häusern zu beseitigen. In etlichen Kellern steht auch noch Wasser, die Feuerwehr ist noch einmal gekommen, um es abzupumpen. Doch die Helfer sind vorsichtig: Obwohl die Hausbesitzer die Stromzufuhr abgestellt haben, befürchten sie in den überwiegend alten Häusern entlang der B 236, dass noch irgendeine Leitung Strom führen könnte. So geht es nur langsam voran mit dem Auspumpen der Keller.

Solche Wassermassen habe ich noch nie gesehen.

Siegfried Hülle (77), Anwohner in Dresel

Ebenfalls am Rande des Industriegebiets Dresel wohnen Silvia Palla und ihr Mann Siegfried Hülle. Sie sitzen an diesem Donnerstagmittag wieder auf der Terrasse ihres kleinen Fachwerkhäuschens an der Husberger Brücke, nur einen Steinwurf von der Lenne entfernt. Die Wassermassen des Flusses haben am Abend vorher einen Teil der Uferböschung vor dem Haus weggerissen. Es habe einen großen Knall gegeben, mit dem Erdreich sei auch einiges an Gerätschaften in die Fluten gestürzt, berichtet Silvia Palla. „Solche Wassermassen habe ich noch nie gesehen“, ist Siegfried Hülle am Tag nach den Ereignissen noch schwer beeindruckt. Das will etwas heißen, denn Hülle ist 77 Jahre alt und hat in seinem Leben schon so manches Hochwasser miterlebt.

Nachdem die Böschung abgerutscht sei, habe die Feuerwehr vorbeigeschaut, berichtet das Paar weiter. Es sei darum gegangen, ob sie und der Rest der Familie in dem Haus am Lenneufer noch sicher seien. Die Bewohner wollten kein Risiko eingehen und nahmen ein Hilfsangebot des benachbarten Transportunternehmens Schlotmann an. „Mit der ganzen Familie und dem Hund haben wir dann in der Firma übernachtet. Und das, obwohl auch dort der ganze Hof unter Wasser stand“, erzählt Silvia Palla und ihren Worten klingt Dankbarkeit mit.

Inzwischen sitzen Silvia Palla und Siegfried Hülle wieder daheim beim Mittagessen. Auch sie haben mit den Aufräumarbeiten begonnen. Es gibt aber noch viel zu tun, denn das Hochwasser hat einigen Schaden angerichtet.

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