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Mit kraftvoller Stimme: Künstlerin Siiri veröffentlicht ihr Debüt-Album

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Von: Michael Koll

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Stimmungsvoll in Szene gesetzt wurden Siiri und ihre Band auf der Bühne.
Stimmungsvoll in Szene gesetzt wurden Siiri und ihre Band auf der Bühne. © Michael Koll

Siiri unterschreibt seit einer halben Stunde unzählige CDs und Autogrammkarten. Sie posiert für Selfies mit ihren Fans. Immer wieder blickt sie sich zwischendurch unsicher um im Hagener Werkhof Kulturzentrum. Es scheint ganz so, als suche sie Hilfe.

Werdohl/Hagen – Doch ihr altes Leben ist nicht mehr da. Das hat die junge Sängerin im 80-minütigen Konzert, welches sie gerade anlässlich ihrer ersten CD-Veröffentlichung gegeben hat, hinter sich gelassen.

Der Abend beginnt zwei Stunden zuvor damit, dass die fünf Musiker ihrer Band vor ausverkauftem Haus die als Scheune dekorierte Bühne betreten. Dann flammt ein Strahler von hinten auf. Vor diesen tritt Siiri, ist nur dunkel und schemenhaft zu erkennen. Einen Augenblick bleibt sie stehen, scheint nicht so recht zu wissen, wohin mit sich selbst. Dann hebt sie beide Hände, winkt dem Publikum schüchtern zu.

Kaum hat sie sich zwei Schritte weiter vorn auf den Hocker gesetzt, die Gitarre in der Hand und die ersten Zeilen gesungen, ist es, als wäre sie zurück auf sicherem Terrain. Dabei ist das alles neu für sie und ihr Lampenfieber nur allzu verständlich.

Vor fünf Jahren schmiss die damals 23-jährige Werdohlerin ihr Maschinenbau-Studium, um fortan Musik zu machen. Sie trat in Gottesdiensten und beim Neujahrsempfang ihrer Heimatstadt auf und tourte bis zum Beginn der Pandemie-Jahre durch die Fußgängerzonen der gesamten Republik. Dann nutzte sie die Covid19-Zeit, um ein erstes Album zu produzieren. Alle Songs und alle Texte hat sie selbst geschrieben. Und die singt sie heute Abend.

Als Künstlerin mit erst einem Album, gelingt es Siiri nicht, ein ganzes Konzert mit eigenem Material zu füllen. So interpretiert sie etwa auch „Wanted dead or alive“ von Bon Jovi – und es klingt wie einer ihrer eigenen Songs. Nur, als sie in einem Song von Sheryl Crow davon singt, High Heels zu tragen, nimmt der Zuhörer ihr das nicht ab – ist sie doch viel zu bodenständig für hochhackiges Schuhwerk. Die Cowboy-Stiefel, die sie auf der Bühne trägt, stehen ihr viel besser.

Mit ihrer kraftvollen Stimme und ihrer besonderen Ausstrahlung wusste die Musikerin zu begeistern.
Mit ihrer kraftvollen Stimme und ihrer besonderen Ausstrahlung wusste die Musikerin zu begeistern. © Michael Koll

Los geht der Auftritt mit „Independence“, dem Song, dessen Internet-Video bereits zigtausendfach angesehen wurde und der ihrem Album den Namen gibt. „Unabhängigkeit“ demonstriert die junge Frau auch auf der Bühne, die live mit ihrer Band viel energiegeladener und entschlossener klingt als im Clip zum Lied. Die anfängliche Unsicherheit ist längst verflogen.

Mit dem Auftakt-Stück hat Siiri die Zuschauer gleich für sich gewonnen. Sie johlen und pfeifen. Und als die Sängerin vor dem zweiten Lied sagt: „Ich hoffe, wir haben einen schönen Abend miteinander“, ruft ihr einer aus dem dunklen Saal sauerländisch-pragmatisch entgegen: „Jau!“

Später, mit brüchiger Stimme, den Tränen nah, erklärt Siiri den Text des folgenden Liedes. Es gehe darum, niemals aufzugeben. „Ich weiß, das ist leicht gesagt, aber umso schwerer getan“, gibt sie zu. Und doch ist diese Künstlerin der lebende Beweis für die Richtigkeit dieses Credos.

Sie wisse sehr wohl, dass ihre Entscheidung für die Musik und gegen das Studium „riskant“ gewesen sei – vor allen Dingen in finanzieller Hinsicht. Dennoch bereue sie den Schritt nicht. Dann singt Siiri „Money against heart“, ein Stück, welches laut der Künstlerin „ein Lied von meinem zweiten Album“ ist – am Abend der Veröffentlichung ihres Debüts.

Bei diesem so persönlichen Lied ist sie wieder allein auf der Bühne. Ganz ohne Band – so wie damals als Straßenmusikerin – singt sie von der Herzensentscheidung gegen den vermeintlich sicheren Job. In diesem Moment begreift sie wohl ganz langsam, dass sie die Fußgängerzonen nun hinter sich lassen wird.

Als sie schließlich die Zugabe des Konzertes spielen will, ist ihre Gitarre plötzlich verstimmt. Siiri gesteht: „Da ist wohl der Stein, der mir gerade vom Herzen geplumpst ist, drauf gefallen.“ In einem Text ihrer Lieder wünscht sich Siiri: „Alles, was ich brauche, sind ein paar Freunde, um eine Welle loszutreten.“ In Hagen hat sie nun genau das getan.

Neues Album „Independence“ umfasst elf Lieder: Eine Rezension der CD

In Kritiken von Alben, die etablierte Künstler auf den Markt bringen, heißt es nicht selten, diese seien gereift – und auf ihrem jeweiligen Debüt sei ihre Klasse erst in Ansätzen zu erkennen gewesen. Die Newcomerin Siiri indes ist auf ihrem Erstlingswerk bereits fertig. Ihre Kompositionen und ihr Sound sind schon jetzt auf Erst-Liga-Niveau. Bleibt es nur zu hoffen, dass die junge Musikerin ihren Fans in den kommenden Jahren noch viel zu sagen haben wird.

43 Minuten lang verwöhnt Siiri – die weder einen Nachnamen trägt, noch braucht – die Zuhörer ihrer CD mit ausgefeilt produziertem Country-Rock. Das Americana genannte Musik-Genre hat es der Werdohlerin angetan. Und sie beherrscht es meisterlich. Mit ihrem Debüt wird sie zu nicht weniger als dem weiblichen Springsteen. Die Produzenten haben aus den Songs der einstigen Straßenmusikerin Kleinode gemacht, wie sie für gewöhnlich nur auf großen Alben vermeintlicher Top-Acts zu hören sind. Feinheiten in den Arrangements wie ein mal im Refrain gesprochen eingeschobenes „I guess“, oder eine Stelle in einer Strophe, an welcher Siiri sich selbst mit Chorgesang begleitet, oder ein Song-Finale, welches von Handclaps vorangetrieben wird, sind liebevoll gesetzte Details, die die Lieder aus der Masse herausstechen lassen.

Auch in ihren Lyrics weicht Siiri vom üblichen „Ich liebe Dich“-Gesäusel ab. Im „Song for women“ heißt es etwa: „Wir (Frauen) müssen nicht hässlich sein, um intelligent sein zu können.“ Und im weiteren Strophenverlauf betont die Werdohlerin, dass es sich bei diesem Statement nicht um Emanzipation handelt, sondern schlicht um Selbstbehauptung. An anderer Stelle tappt Siiri allerdings textlich in die Country-Klischee-Falle. Im Song „Life or death“ heißt es (übersetzt): „Nur die Kojoten entscheiden, ob wir am Leben bleiben.“ Das sei ihr aber verziehen.

Der Käufer von „Independence“ begrüßt beim ersten Hören jedes der elf Stücke wie einen alten Bekannten – so schnell schließt er die Lieder in sein Herz. Das Fazit lautet also: Deutschland sucht seit 2002 den Superstar – Werdohl hat ihn womöglich jetzt in Siiri gefunden.

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