Orgel ist Instrument des Jahres 2021

Mit Fingerkraft und Technik zum guten Ton

Kirchenmusiker Frank Kirchhoff inspiziert auch regelmäßig die Pfeifen der Kirchenorgel. Dabei hat er auch schon einmal ein Vogelnest entfernt.
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Kirchenmusiker Frank Kirchhoff inspiziert auch regelmäßig die Pfeifen der Kirchenorgel. Dabei hat er auch schon einmal ein Vogelnest entfernt.

Mehrere Landesmusikräte haben die Orgel für 2021 als erstes Tasteninstrument zum Instrument des Jahres gekürt. Die Orgel gilt als Königin der Instrumente und ist das größte aller Musikinstrumente, das tiefste und höchste, das lauteste und leiseste. Seit 2017 bereits sind Orgelmusik und Orgelbau durch die Unesco als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. Wir haben uns eine Kirchenorgel in Werdohl angeschaut und erklären lassen.

Werdohl ‒ Die Orgel der Friedenskirche in Eveking kennt Frank Kirchhoff wie seine Westentasche: „Sie hat 28 klingende Register mit annähernd 2000 Pfeifen, “, sagt der 45-Jährige. Auch auf den Zimbelstern weist er hin. Und auf das Kalkantenglöckchen, eine Art Ladenklingel, mit der früher die Balgentreter (Kalkanten), die die Luftversorgung des Instruments sicherstellten, aufgefordert wurden, ihre Tätigkeit aufzunehmen. Die Grunddisposition der Pfeifenorgel sei eher barock, beschreibt Kirchhoff den Charakter der Orgel, aber durch Renovierung und Erweiterung in den vergangenen Jahren habe sich die Klangfarbe etwas in Richtung Romantik verschoben.

Frank Kirchhoff ist eigentlich Bankkaufmann. Als nebenberuflicher Kirchenmusiker begleitet er auf der Orgel, die der Orgelbauer Gustav Steinmann aus Vlotho 1951 gebaut und 1958 um drei Regiester erweitert sowie der baden-württembergische Orbelbauer Wolfgang Braun 2001/02 renoviert und 2007/08 noch einmal erweitert hat, die Gottesdienste. Was dabei an Musik normalerweise gefragt ist, spielt Kirchhoff „aus dem Effeff“, wie er sagt.

Doch das Berufsbild des Kirchenmusikers habe sich gewandelt, gibt er zu bedenken. „Ein Kirchenmusiker muss heute offen sein für moderne Lieder, und das Klavierspiel nimmt einen immer gößeren Raum ein“, erklärt er und spricht von einem Spagat zwischen der Tradition und den Erwartungen junger Menschen. Deshalb verlässt Kirchhoff seinen Platz auf der Orgelbank auch immer öfter, um unten im Kirchenraum die Gemeinde auf dem E-Piano zu begleiten.

Wird die Kirchenorgel überflüssig?

Wird die Kirchenorgel deshalb irgendwann überflüssig? Nein, das glaubt Frank Kirchhoff nicht, auch wenn er einräumt, dass das größte aller Instrumente im Gottesdienst nicht mehr die musikalische Hauptrolle spielt. Schließlich habe die Orgel in den Jahrhunderten ihres Bestehens schon so manchen Umbruch mit- und überlebt.

„Nur die Orgel erreicht diese große Bandbreite an Tönen und Klangfarben.“

Frank Kirchhoff, Kirchenmusiker

Wenn Frank Kirchhoff, der seine Prüfung zum Kirchenmusiker mit C-Abschluss 1992 abgelegt hat, über die Orgel spricht, spürt man, dass er ein Fan dieses Instruments ist. „Nur die Orgel erreicht diese große Bandbreite an Tönen und Klangfarben“, behauptet er. Schon als Kind habe ihn „der prächtige und mächtige Klang der Orgel fasziniert“, erzählt der 45-Jährige. Er nahm an der Musikschule zunächst Unterricht auf einer Heimorgel und kam dann über das Klavier zur Pfeifenorgel. Die Klavierstunden seien eine gute Vorbereitung auf den Dienst an der Kirchenorgel gewesen, weiß er heute. Denn die Steinmann-Braun-Orgel in Eveking ist eine vollmechanische Orgel. „Das Spielen darauf erfordert schon Fingerkraft und Technik“, versichert Kirchhoff.

Neuer Trend bei Kirchenorgeln

Moderne Orgeln verlangen so etwas nicht mehr. Kirchhoff registriert, dass es einen Trend zu Hybridorgeln gebe, die die Verfahren der digitalen und klassischen Klangerzeugung kombinieren. „Die liefern dann eine enorme Bandbreite und Vielfalt zu verhältnismäßig kleinen Preisen“, nennt der Kirchenmusiker einen Vorteil, der vor allem finanzschwache Gemeinden aufhorchen lassen könnte. Den Preis für eine klassische Pfeifenorgel in einer mittleren Dorfkirche geben Fachleute mit mindestens 150.000 Euro an, bei einer Domorgel geht es sogar in die Millionen. Hybridorgeln gibt es schon für rund 50.000 Euro.

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