Bahn frei für Lenne-Intercity

Mit dem Intercity aus dem Lennetal an die Nordsee: Dann rollt der erste Zug

Der doppelstöckige Intercity der Deutschen Bahn wird ab Dezember kommenden Jahres acht Mal am Tag an allen Bahnhöfen auf der Lenneschiene halten. Damit ist ein jahrelanger Streit zwischen Nah- und Fernverkehr zugunsten der Fahrgäste entschieden worden.
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Der doppelstöckige Intercity der Deutschen Bahn wird ab Dezember kommenden Jahres acht Mal am Tag an allen Bahnhöfen auf der Lenneschiene halten. Damit ist ein jahrelanger Streit zwischen Nah- und Fernverkehr zugunsten der Fahrgäste entschieden worden.

Das ist ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk für die Menschen auf der Lenneschiene: Ab Dezember 2021 wird die Deutsche Bahn mit mehreren Intercity-Zugpaaren täglich direkt die Metropolen Dortmund und Münster anfahren. Einmal am Tag geht es sogar durch bis zur Nordsee.

In die andere Richtung ist Frankfurt das Ziel. Die Ausschreibung zur Anerkennung von Nahverkehrstarifen im Fernverkehr ist jetzt nach fünf Jahren Streitigkeiten rechtssicher entschieden worden.

Uli Beele, der Sprecher des Zweckverbands Nahverkehr Westfalen-Lippe, sprach gegenüber unserer Redaktion von einem bundesweit sehr seltenen Verfahren. Jahre habe man auf dieses Ergebnis gewartet, die Entscheidung der Vergabekammer Westfalen ist gerade eben erst getroffen worden. Schon 2015 war zwischen NWL und Deutscher Bahn abgesprochen worden, dass die Bahn ihren IC 34 ab 2019 auf der Ruhr-Sieg-Strecke fahren lassen sollte. Auf dem Einspruchswege durch Wettbewerber kam die jetzt erfolgte Vergabe zustande.

Vergabeverfahren: Nur ein einziger Bieter

Beele schilderte den Ausgang des Vergabeverfahrens so: Es habe mit der DB Fernverkehr nur einen einzigen Bieter im Vergabeverfahren des NWL gemeinsam mit dem Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) gegeben. Die Deutsche Bahn darf demnach alle zwei Stunden insgesamt acht Zugpaare am Tag auf der Ruhr-Sieg-Strecke fahren lassen. Bis auf Welschen-Ennest werden alle Haltepunkte bedient. Der Auftrag gilt nur für den Bereich zwischen Dillenburg in Hessen und Iserlohn-Letmathe. Beele: „Wir hätten das gerne auf weitere Haltepunkte über Letmathe hinaus ausgedehnt, doch der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr wollte nicht mitmachen.“

Sechs Zugpaare täglich fahren über die gesamte Lenneschiene und weiter über Letmathe nach Witten, Dortmund und Münster. Damit sind die Metropolen Dortmund und Münster unmittelbar unter anderem an Altena, Werdohl und Plettenberg angeschlossen. Eines dieser sechs Zugpaare fährt über Münster mit weiteren Haltepunkten durch bis nach Norddeich-Mole. Von dort sind die Nordsee-Inseln über Fähren zu erreichen. Für Altena bedeutet das eine Verbindung zum ehemaligen Schullandheim auf Juist. Auch die beliebten Häuser auf Norderney können ohne Umstiege im Schienenverkehr erreicht werden. Zwei der insgesamt acht Zugpaare täglich fahren über die Lenneschiene bis Letmathe und dann weiter über Schwerte, Unna und Hamm bis Münster.

Insgesamt acht Zugpaare der Deutschen Bahn

Die insgesamt acht Zugpaare der Deutschen Bahn ersetzen ab Dezember alle zwei Stunden die Züge von Abellio. Damit Inhaber von Nahverkehrs-Tickets auch weiterhin alle halbe Stunde auf der Lenneschiene fahren können, werden diese Fahrscheine im Fernverkehr der Deutschen Bahn anerkannt. Das war der tiefere Sinn der Ausschreibung, nämlich die Anerkennung von Nahverkehrstarifen im Fernverkehr. Die Deutsche Bahn bekommt dafür Ausgleichszahlungen, mit Abellio ist schon in einem früheren Verkehrsvertrag in einer Option die zukünftige Regelung festgeschrieben worden.

Der Abellio wird ab Dezember 2021 nicht mehr so oft auf der Lenneschiene unterwegs sein. Acht Zugpaare täglich werden von der Deutschen Bahn übernommen, die bis Dortmund, Hamm und Münster fährt. Nahverkehrs-Tickets werden bei der Bahn akzeptiert.

Für alle Seiten gehen damit lang gehegte Wünsche und Forderungen in Erfüllung. Die Deutsche Bahn hatte schon vor Jahren für mehrere Regionen in Deutschland das Ziel ausgegeben, diese an die jeweiligen Metropolen direkt anzubinden. In Bezug auf die Ruhr-Sieg-Strecke war das problematisch, weil eben nur ein Zugpaar zur selben Zeit auf der zweigleisigen Strecke fahren kann. Bei viergleisigen Trassen ist das kein Problem, der Fernverkehr fährt auf einem anderen Gleis als der Nahverkehr.

Intercity hält an jeder „Milchkanne“

Der einzige Nachteil – das der schnellere Intercity zumindest im Lennetal an jeder sprichwörtlichen Milchkanne hält – wird im Sinne der besseren und direkten Anbindung in Kauf genommen. Im Intercity 34 werden ab Dezember 2021 Fahrscheine vom Westfalentarif und aus dem NRW-Tarif akzeptiert. Wer hingegen nur im Fernverkehr mit der Deutschen Bahn nach Münster oder bis an die Nordsee fahren möchte, muss ein Ticket von der Bahn kaufen.

Die Bahn wird die Strecke vermutlich mit dem doppelstöckigen IC2-Modell befahren. Zu den technischen Problemen dieses Modells und den Lieferschwierigkeiten des Herstellers Bombardier konnte Uli Belle vom NWL nichts sagen, das ist Sache der Bahn. Dort hat man aber bislang noch keine genaue Sprachregelung für eine gemeinsame Mitteilung gefunden.

Nur die Bahn hat genügend Züge

An dem Bieterverfahren hätten sich auch Abellio oder theoretisch sogar Flixtrain beteiligen können. Vor zwei Monaten war aber klar, dass nur die Bahn genügend Züge hat, um die Strecke ab dem kommenden Jahr zu befahren. Beele erkannte auch einen zunehmenden Preiskampf unter den Anbietern im Nahverkehr, der zum Beispiel auch Abellio unter immer härtere wirtschaftliche Zwänge stellt. Der NWL-Sprecher forderte rechtssichere und nachhaltige Lösungen durch das Bundesverkehrsministerium: „Wir brauchen bundesweite Regelungen, damit die privaten Bahnbetreiber nicht in die Insolvenz rutschen.“

Corona werde das Mobilitätsverhalten vor allem von Berufspendlern beeinflussen. Auch das müsse bei der zukünftigen Vergabe von Nahverkehrsleistungen berücksichtigt werden. Nach Ende der Pandemie würden sicher mehr Menschen als sonst aus dem Homeoffice heraus arbeiten und weniger mit dem Zug zur Arbeit fahren.

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