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Missbrauchsprozess wird zum Familiendrama mit vielen Beteiligten

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Von: Thomas Krumm

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Im Missbrauchsprozess gegen einen 55-jährigen Werdohler sagte in dieser Woche dessen Lebensgefährtin aus. Sie versuchte dem Gericht zu erklären, dass es keine häusliche Gewalt durch den Angeklagten gegeben habe.
Im Missbrauchsprozess gegen einen 55-jährigen Werdohler sagte in dieser Woche dessen Lebensgefährtin aus. Sie versuchte dem Gericht zu erklären, dass es keine häusliche Gewalt durch den Angeklagten gegeben habe. © Silvia Marks

Der Missbrauchsprozess gegen einen 55-jährigen Werdohler enthüllt immer weitere Aspekte eines Familiendramas mit vielen Beteiligten.

Es habe keine häusliche Gewalt seitens des Angeklagten gegeben, hatte die Mutter der beiden Hauptbelastungszeuginnen vor Gericht erklärt. Der Angeklagte habe sie nie geschlagen. Da ihre älteste Tochter zunächst nicht als Zeugin geladen war, hatte die 31-Jährige die Aussage ihrer Mutter im Gerichtssaal verfolgt. Als Zeugin widersprach sie ihr vehement: „Die hat hier komplett das ganze Gericht belogen.“ Von Anfang an habe sich ihre Mutter nur darum bemüht, die Anzeige aus der Welt zu schaffen und den Angeklagten zu schützen. Die Zeugin zitierte sie mit den Worten: „Was müssen wir machen, damit sie (die Hauptbelastungszeugin, also ihre zweite Tochter, Anm. d. Red.) die Anzeige zurücknimmt?“

Die 31-Jährige zeichnete das Bild einer Frau, die den Gewaltexzessen des Angeklagten nichts entgegenzusetzen hatte: „Sie hat keine eigene Meinung, und sie kann nicht alleine leben.“ Die Hauptbelastungszeugin hatte bereits geschildert, wie der jahrelange sexuelle Missbrauch durch ihren Stiefvater zu einer entsetzlichen Normalität geworden sei.

Nur am Wochenende mal ein Bierchen getrunken?

Ihre ältere Schwester machte deutlich, dass zur Schreckensherrschaft ihres Stiefvaters auch die Prügel gegenüber seiner „grün und blau“ geschlagenen Partnerin gehört hatten. Auch der kleine Bruder sagte vor Gericht aus, dass er von dem Angeklagten nicht geschlagen worden sei. Und Papa habe nur am Wochenende mal ein Bierchen getrunken. Seine älteste Schwester zählte hingegen diverse Gewalthandlungen und Demütigungen auf. „Natürlich hat der auch gelogen“, kommentierte sie die Aussage ihres kleinen Bruders vor Gericht.

Der Fall

Der angeklagte 55-jährige Werdohler soll jahrelang die Tochter seiner Lebensgefährtin und später deren kleinere Schwester sexuell missbraucht haben. Tatort war laut Anklage eine Wohnung in Werdohl, in der der geschiedene Angeklagte mit seiner neuen Partnerin und deren beiden Töchtern zusammenlebte. Die Anklage geht auf der Grundlage von Hochrechnungen von 580 Taten aus.

All diesen Problemen gegenüber habe sich ihre Mutter taub gestellt, erklärte die Zeugin und zitierte ihre eigenen Worte, mit denen sie ihre Mutter hatte umstimmen wollen: „Wir sind deine Kinder. Du musst uns erstmal zuhören.“

Der Stiefvater in Haft, die Mutter trinkt weiter

Die Zeugin schilderte die paradoxen Folgen der Inhaftierung ihres Stiefvaters: In der Untersuchungshaft müsse er ohne Alkohol auskommen und sei mittlerweile trocken. „Meine Mutter säuft weiter.“ Die Alkoholsucht ihrer Mutter und ihres Stiefvaters veranlassten die 31-jährige Zeugin zum völligen Verzicht auf Alkohol. Die Gewalterfahrungen hatten auch ihr zugesetzt. Ihrem ebenfalls gewalttätigen ersten Ehemann hatte sie zunächst nicht viel entgegenzusetzen. „Ich habe damals gedacht, das ist normal, wenn man als Frau geschlagen wird.“

Als hilfreich erwies sich eine zweijährige Psychotherapie, in der die 31-Jährige sich von den gemachten Erfahrungen zu distanzieren lernte. Ihr neuer Partner wurde ebenfalls als Zeuge befragt. Er bestätigte das Bild einer äußerst problematischen Familiensituation bei seiner Schwiegerfamilie.

Leibliche Tochter setzt sich für ihren Vater ein

Die leibliche Tochter des Angeklagten bestritt den exzessiven Alkoholkonsum ihres Vaters. Auch sie war bei der Polizei gewesen und hatte dort Berichte ihrer Halbschwestern über „sexuelle Belästigungen“ zu Protokoll gegeben. Davon wollte sie vor Gericht nichts mehr wissen: „Ich habe da gelogen.“ Sie begründete ihren Sinneswandel mit einem angeblichen Irrtum, dem sie damals erlegen sei: „Ich dachte, dass mein Vater über die Jahre so schlimm geworden ist und die Kinder darunter leiden.“

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