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Missbrauchsprozess gegen Werdohler: Die beiden Stieftöchter sagen aus

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Von: Thomas Krumm

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Im Missbrauchsprozess gegen ein Werdohler mussten jetzt die beiden Opfer aussagen, weil der Angeklagte beharrlich schweigt.
Im Missbrauchsprozess gegen ein Werdohler mussten jetzt die beiden Opfer aussagen, weil der Angeklagte beharrlich schweigt. © DPA

Im Prozess gegen einen 55-jährigen Werdohler hat die heute 23-jährige Hauptbelastungszeugin im Landgericht Hagen von einem zum Alltag gewordenen sexuellen Missbrauch berichtet: „Das hat sich über die Jahre aufgebaut und ist irgendwann zu Normalität geworden“, erklärte sie.

Angefangen hätten die Übergriffe bei der Körperpflege – als sie acht oder neun Jahre alt war. Etwa zwei Jahre später habe ihr Stiefvater ihr erstmals sexuelle Handlungen im engeren Sinne aufgezwungen. Diese intensivierten sich im Laufe der Jahre immer mehr: „Es war für mich eine Art Routine.“ Nur scheinbar spielte das Kind dabei mit: „Wenn ich das nicht tat, gab es Schläge.“ Die Zeugin beschrieb den Angeklagten als einen „sehr gewalttätigen Menschen“, der sie und ihre kleineren Geschwister geschlagen habe.

Ihre Mutter sei psychisch von ihm abhängig gewesen und habe ihren Kindern keinerlei Schutz geboten: „Sie hat sich immer mehr vor ihren Mann gestellt und war nicht für ihre Kinder da.“ Auch sie bekam offenbar häufig Prügel. Bei einer Gelegenheit habe der Angeklagte sogar „gefilmt, wie er meine Mutter geschlagen hat und wie sie weinend am Boden lag“. Hintergrund dieses familiären Elends war das Trinken: „Dieser Mann und meine Mutter sind starke Alkoholiker“, stellte die Zeugin fest. „Er hat seinen Flachmann morgens mit zur Arbeit genommen.“ Dass er als Lastwagenfahrer arbeitete, habe ihn nicht davon abgehalten.

Auch die 13-jährige Schwester muss aussagen

Er sei allerdings auch derart an Alkohol gewöhnt, dass ihm sein Alkoholpegel oft gar nicht anzumerken war. „Nach den Jahren kenne ich keinen Unterschied mehr, ob er getrunken hat oder nicht“, erklärte ihre 13-jährige Schwester, die wegen des Schweigens des Angeklagten ebenfalls aussagen musste. Sie bestätigte, dass der Angeklagte sich nach dem Auszug ihrer Schwester in abgeschwächter Form auch an ihr vergangen habe.

Der Fall

Der angeklagte 55-jährige Werdohler soll jahrelang die Tochter seiner Lebensgefährtin und später deren kleinere Schwester sexuell missbraucht haben. Tatort war laut Anklage eine Wohnung in Werdohl, in der der geschiedene Angeklagte mit seiner neuen Partnerin und deren beiden Töchtern zusammenlebte. Die Anklage geht auf der Grundlage von Hochrechnungen von 580 Taten aus.

Trotz der Schilderung einer entsetzlichen Familiennormalität, die auf Außenstehende wie ein Bericht aus der Vorhölle wirkte, bezeichnete die 23-jährige Hauptbelastungszeugin das Verhältnis zu ihren Stiefvater als „ein ganz normales Vater-Tochter-Verhältnis – so skurril sich das auch anhört“. Sie habe sich „nie so in der Opferrolle gesehen“. Als sie volljährig wurde, zog sie dennoch sofort aus, um dem Grauen zu entrinnen: „Sobald ich 18 Jahre alt war, war ich da raus.“

Die Sorgen um die Schwester treiben das Opfer zur Polizei

Zur Polizei ging sie erst, als sie sich Sorgen um ihre kleine Schwester machte, die noch immer im Haushalt ihrer Mutter und ihres Stiefvaters lebte. Sie habe ihr gesagt, „dass sie keine Angst haben muss, die Wahrheit zu sagen“. Und: „Wir müssen sehen, wie wir dich da raus holen.“

Die erste polizeiliche Vernehmung der älteren Schwester habe zweieinhalb Stunden gedauert, berichtete ein Kriminalbeamter.

In psychologischer Behandlung

Beeindruckend war der Auftritt der 23-Jährigen vor Gericht vor allem dadurch, dass sie trotz der vielen Prozessbeteiligten und des Publikums im Schwurgerichtssaal scheinbar sehr aufgeräumt und in klaren, detailreichen Worten von einer zur „Normalität“ gewordenen Familienkatastrophe berichtete. Zunächst habe sie das Ganze weggepackt: „Ich war nie in psychologischer Behandlung.“ Der Strafprozess sei dann der Auslöser dafür gewesen, dass alles auf sie „herabprasselt wie ein ganz großer Scheißhaufen“. Aufgrund von Depressionen und Angstzuständen sei sie mittlerweile in psychologischer Behandlung.

Termin: Der Prozess wird am Dienstag, 29. März, ab 10.30 Uhr im Landgericht fortgesetzt.

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