Umbau von Lenne, Verse und Soppe

Millionen Euro investiert: Werdohl hat alle Wasserschutzaufgaben erledigt

Ein Blick aus der Drohnenkamera auf die Sohlgleite: Rechts ist sehr gut die Fischaufstiegshilfe zu erkennen. Die tonnenschweren Steine waren schwierig zu beschaffen und mussten unter Aufsicht von Fisch-Ökologen strömungsgünstig korrekt eingebaut werden.
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Ein Blick aus der Drohnenkamera auf die Sohlgleite: Rechts ist sehr gut die Fischaufstiegshilfe zu erkennen. Die tonnenschweren Steine waren schwierig zu beschaffen und mussten unter Aufsicht von Fisch-Ökologen strömungsgünstig korrekt eingebaut werden.

Mehrere Millionen Euro sind in den vergangenen Jahren in Renaturierung und Ökologisierung von Lenne, Verse und Soppe gesteckt worden.

Tiefbauabteilungsleiter Martin Hempel, der das Projekt in großen Teilen vom pensionierten Peter Erwig übernommen hat, darf zum Jahreswechsel Vollzug vermelden. Stand aktueller Vorschriften und Maßnahmenkataloge sei die Stadt Werdohl mit der Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) fertig.

„Wir gehören damit zu den wenigen Kommunen, die alle Maßnahmen der WRRL umgesetzt haben,“ so Hempel. Die Ehre der Verkündung gehöre Peter Erwig. Dass die Stadt heute so weit ist, sei „ausschließlich“ ihm zu verdanken. Die Millionen Euro, die Hempel auf die Schnelle gar nicht beziffern kann, stammen zu mehr als 90 Prozent aus Fördertöpfen. Hempel: „Das ist schon wahnsinnig viel Geld. Aber die Ausgleichstöpfe sind voll.“

Erhalt der lebenswichtigen Ressource Trinkwasser

Sinn und Zweck der ökologischen Verbesserung der Fließgewässer ist der Erhalt der lebenswichtigen Ressource Trinkwasser. In Zeiten immer stärkerer Trockenheit und des verursachenden Klimawandels eine Aufgabe von zentraler Bedeutung.

Tiefbauabteilungsleiter Martin Hempel steht vor der fertig eingerichteten Sohlgleite in der Lenne und zeigt eine Zeichnung für das Modellprojekt der Diffusorplanung im Auslauf des Wasserkraftwerkes.

Hempel war zur Lenne gekommen, um mit der Sohlgleite unterhalb der Lennebrücke das letzte Großprojekt im Rahmen der WRRL abzuschließen. Vieles hing dort miteinander zusammen. Wegen des geplanten Brückenneubaus mussten zunächst die Versorgungsleitungen quer durch den Obergraben und quer durch die Lenne verlegt werden. Gleichzeitig musste der private Obergraben der Lenne und das ebenfalls private Laufwasserkraftwerk der Itany-Nachfolger ertüchtigt werden.

Oft ein Interessenskonflikt

Früher gab es oft einen Interessenkonflikt zwischen sauberer Stromgewinnung für die erneuerbaren Energien, dem kommerziellen Interesse des Betreibers und der Fisch-Ökologie. Fluss und Staustufe waren so unglücklich konzipiert, dass bei Vollbetrieb der Stromerzeugung die Lenne trocken fiel und die Fische zwischen den Steinen verendeten.

Modellprojekt Diffusorplanung für Laufwasserkraftwerke

Mit einer besonderen Hilfsmaßnahme für die Lenne hinauf wandernde Fische beschäftigen sich der Lehrstuhl und das Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Uni Aachen.

Dabei geht es um das „Modellprojekt Diffusorplanung“, dessen Grundlagenermittlung für 100 000 Euro von der Stadt an das Bielefelder Büro für Umweltplanung, Gewässermanagement und Fischerei vergeben wurde. Die Aachener Wissenschaftler und die Bielefelder Planer wollen herausfinden, wie Fische flussaufwärts so zu leiten sind, dass sie nicht von unten in den Auslauf des Untergrabens des Wasserkraftwerkes schwimmen. Fische folgen flussaufwärts der stärksten Strömung, das ist ihre Leitströmung. Die Strömung aus dem Wasserkraftwerk heraus ist stärker als die der Lenne. An diesem Zusammenfluss von Untergraben und Lenne – der Diffusorbereich – werden verschiedene Einbauten im Wasser getestet, um für die Fische eine Leitströmung lenneaufwärts zu erzeugen.

Das soll in Werdohl mustergültig für alle nordrhein-westfälischen Laufwasserkraftwerke herausgearbeitet werden. Nach den Messungen vor Ort wird in Aachen ein reiner Laborversuch gestartet.

Auf diese Weise soll eine große Lösung für möglichst viele Fischarten gefunden werden.

Konflikte zwischen dem Anlagenbetreiber und den Fischereivereinen waren an der Tagesordnung. Hinzu kam, dass die Fischaufstiegshilfe nicht richtig funktionierte und die Tiere nicht ungehindert flussaufwärts ihre Wanderungen gemäß ihrer Lebensart unternehmen konnten.

Wegnahme der Staustufe

Mit der Wegnahme der Staustufe, der Einrichtung der rauen Rampe als Sohlgleite und einem ausgeklügelten Wasserstandssystem soll die Problematik jetzt der Vergangenheit angehören.

Der neue Fischaufstieg mit tonnenschweren Steinen wird durch einen geregelten Mindestabfluss permanent mit Wasser versorgt. Zwischen den Steinen können sich die Fische den Fluss aufwärts bewegen. 140 große Störsteine sind präzise verbaut worden. Bis zu sieben Tonnen wiegt ein Stein, es konnten so immer nur ein paar zur Baustelle geliefert werden.

Permanent die Strömungsgeschwindigkeit gemessen

Was für ein Aufwand: Beim Einbauen der Brocken wurde permanent die Strömungsgeschwindigkeit zwischen den Steinen gemessen. Die Steine aus Kleinhammer wurden quasi von Hand einzeln ausgesucht. „An der Stelle hätte das Projekt durchaus gestoppt werden können“, wird Hempel ernst. Nur durch die engagierte Zusammenarbeit aller Beteiligten und dem gemeinsamen Interesse, die Baustelle voran zu bringen, sei am Ende ein „sehr schönes Ergebnis“ herausgekommen. Ingenieure für Wasserbau und für Ökologie hätten Hand in Hand gearbeitet.

Die alte Staustufe aus Beton war gut erkennbar, als das Wasser durch den Obergraben abgeleitet wurde und die Lenne weitgehend trocken fiel.

Auch die Arbeiten an der Sohlgleite waren eindrucksvoll. 2000 Kubikmeter Boden wurden bewegt, 12,5 Tonnen Steine als 75 Zentimeter hohes Steinbett im Fluss ausgelegt. Dass am Anfang das Wasser komplett in der Sohlgleite versickerte, sei erwartet worden. Erst mit der Zeit sollen Sedimente die Hohlräume zwischen den Steinen verfüllen. Dadurch wird das Wasser gesiebt und gefiltert, die Wasserqualität steigt.

Wasser fließt ganz sanft: Kinder können spielen

Nebenbei fließt das Wasser weiter unterhalb so sanft am Westpark vorbei, dass dort Kinder am Wasser spielen können. Die frühere Betonstufe, die für einen kleinen Wasserfall sorgte, hatte ökologisch überhaupt keinen Wert.

Sorgenvoll beobachtet Hempel den niedrigen Wasserstand der Lenne. Der mittlere Abfluss liege bei 19 Kubikmeter pro Sekunde. „Im Augenblick dümpeln wir bei 6,5 Kubik“, so Hempel. Es sei kaum noch Grundwasser vorhanden, die Auswirkungen sehe man im vom Borkenkäfer zerfressenen Fichtenbestand ringsum.

Dank an alle Beteiligten

Hempel dankt ausdrücklich allen Beteiligten. „Wenn wir den Obergraben nicht hätten nutzen können, hätten wir halbseitig in der Lenne arbeiten müssen.“ Das hätte die insgesamt 1,1 Millionen teure Baumaßnahme um 200 000 Euro verteuert.

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