Messerstecher-Prozess: Gutachter attestiert Angeklagten psychische Vorerkrankung

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Werdohl - Nach dem bisherigen Verlauf des Strafverfahrens gegen einen 34-jährigen Asylbewerber aus Algerien konnte es nicht überraschen, dass auch der psychiatrische Gutachter dem Angeklagten eine schwere psychische Vorerkrankung attestierte.

Zusammen mit dem in der Tatnacht in Mengen genossenen Alkohol habe diese die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten in der Tatnacht beeinträchtigt. Von deren völliger Aufhebung ging der Gutachter aber nicht aus. 

Bei der Auseinandersetzung am 9. März in einer Flüchtlingsunterkunft in Werdohl, in der es wohl um ein Handy-Geschäft ging, rammte der 34-jähriger Algerier einem 38-jährigen Mann aus Marokko ein großes Messer in das Brustbein und verletzte ihn dabei lebensgefährlich. Der Marokkaner überlebte nur durch eine Notoperation.

Bei der Rekonstruktion der katastrophisch verlaufenen Lebensgeschichte des Algeriers musste der Gutachter von dessen Angaben ausgehen. Demnach wurde der 34-Jährige in Algier geboren. Sein Vater sei sehr hart zu ihm gewesen, berichtete er. Gegenüber dem Gutachter sprach der Angeklagte davon, dass sein Vater für ihn „die Hölle“ gewesen sei – er habe zuweilen in der Toilette übernachten müssen. 

Obdachloser Markthändler 

„Als 14-Jähriger lebte er als Obdachloser auf der Straße und versuchte, als Markthändler zu überleben“, wusste der Gutachter. Darüber hinaus berichtete der Angeklagte von einem sexuellen Missbrauch im Alter von 15 Jahren und einem ersten Fluchtversuch nach Spanien – da war er 20. Die zweite Flucht nach Europa brachte ihm auch nicht mehr Glück: Fünf Jahre habe er wegen Eigentumsdelikten in griechischen Gefängnissen verbracht. 

2015 kam er in ein Aufnahmelager in Sigmaringen. Dort fiel er in einer „tumultartigen Massenschlägerei“ und durch „wiederkehrendes gewalttätiges Verhalten gegenüber Mitbewohnern“ auf. Unter anderem soll er eine Gruppe pakistanischer Asylbewerber mit einem Teppichmesser angegriffen haben. 2016 kam der Algerier nach Werdohl – mit den bekannten Folgen. Seine Alkohol- und Drogenabhängigkeit wertete der Gutachter als Folge der zugrunde liegenden Persönlichkeitsstörung. 

"Keine Hinweise auf psychotisches Erleben"

Seine Hinweise, dass der Angeklagte an einer schweren Persönlichkeitsstörung leide, schränkte der Gutachter an einem Punkt entscheidend ein: Der 34-Jährige habe zwar Symptome einer Schizophrenie-Erkrankung geschildert. Davon sei aber nicht auszugehen: „Es gibt keine Hinweise auf psychotisches Erleben.“ Der Angeklagte habe verstanden, was er erzählen müsse, um psychiatrisch behandelt zu werden. 

Wenig könne eine Klinik für den Angeklagten tun – auch wegen dessen fehlenden Sprachkenntnissen. Der Gutachter plädierte allerdings wegen zu erwartender weiterer Taten für die Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik. 

Mit den Plädoyers und dem Urteil soll der Prozess am 10. Oktober ab 14 Uhr zu Ende gehen.

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