Hohe Kosten, kaum Wirkung

Mehrwertsteuersenkung: Steuerberater übt deutliche Kritik

+
Steuerberater Peter-Wilm Schachta glaubt nicht, dass die ab 1. Juli geltende Senkung der Mehrwertsteuer auf 16 Prozent große positive Auswirkungen auf das Kaufverhalten der Bürger haben wird.

Werdohl – Eine vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer ist Teil des milliardenschweren Konjunkturpakets, mit dem die Regierungskoalition die durch die Corona-Krise gebeutelte Wirtschaft stützen will.

Vom 1. Juli an bis Jahresende sollen Kunden nur 16 statt 19 Prozent an Mehrwertsteuer zahlen. Der reduzierte Steuersatz soll von sieben auf fünf Prozent sinken. Dadurch verspricht sich die Bundesregierung Kaufanreize und damit ein größeres Plus in den durch die Corona-Krise stark geschwächten Unternehmenskassen. Der Werdohler Steuerberater Peter-Wilm Schachta hält nicht viel von diesen Plänen. 

Auf den ersten Blick sieht die Senkung der Umsatzsteuer – so lautet der steuerrechtlich korrekte Begriff – wie ein Geschenk an Unternehmen und Verbraucher aus: Weil weniger Steuer anfällt, werden Produkte billiger, man bekommt also mehr fürs Geld. 

Ersparnis liegt maximal bei 180 Euro

Doch Peter-Wilm Schachta hat die Ersparnis für einen Durchschnittshaushalt auf die Schnelle durchgerechnet: „Die Ersparnis beläuft sich für das halbe Jahr der Steuersenkung auf rund 180 Euro“, lautet sein Ergebnis. „Das gilt aber nur, wenn der Einzelhandel die Steuersenkung auch an die Kunden weitergibt“, schränkt der Steuerspezialist ein. Genau das bezweifelt Schachta aber. „Beim Endverbraucher wird davon nicht viel ankommen“, prophezeit er vielmehr, dass das Geld in die Taschen von Händlern, Wirten und anderen fließen wird. 

Schachta sagt das ganz ohne Groll. Viele von denen hätten ja auch arg unter den Corona-Einschränkungen gelitten oder immer noch zu leiden, bringt er durchaus Verständnis auf für diese Geschäftsleute. Nur eben die Kalkulation der Regierung, dass durch die Steuersenkung mehr Geld im Portemonnaie der Verbraucher sei, gehe nicht auf. 

Viele Tücken und Fallstricke

Für den Steuerberater ist das aber noch das kleinste Problem. Er sieht viele Tücken und Fallstricke, die gerade Unternehmen das Leben mit den reduzierten Steuersätzen schwer machen könnten. Gaststätten und Einzelhändler hätten eher keine Probleme, weil für sie in aller Regel der Zeitpunkt der Leistungserbringung auch der Zeitpunkt der Rechnungsstellung ist. Ab 1. Juli rechnen sie also zu neuen Steuersätzen ab, fertig! 

Doch nicht alle Unternehmen machen so klar Geschäfte zu einem bestimmten Zeitpunkt. Schachta nennt den Handwerker, der ein Bad renoviert, als Beispiel. Dessen Arbeit kann sich über Tage, wenn nicht Wochen hinziehen. Folglich müsste er teilfertige Arbeiten, die bis zum 30. Juni erbracht werden, mit dem alten, später erbrachte Leistungen mit dem neuen, niedrigeren Steuersatz abrechnen. „Vielleicht hat der Handwerker auch schon Vorschüsse mit 19 Prozent angefordert. Die müssen später auch mit 19 Prozent abgerechnet werden, während der Rest mit 16 Prozent zu behandeln ist“, entwirft der Steuerberater ein verwirrendes Zahlenszenario. 

Ärger mit dem Finanzamt droht

Er fürchte, dass da bei einigen Betrieben etwas schief laufen werde, Ärger mit dem Finanzamt sei vorprogrammiert. „Letztendlich kostet das den Handwerker alles Geld“, ahnt Schachta, dass von dem erhofften Plus in den Unternehmenskassen nicht viel übrig bleiben wird. Und er warnt, dass manche (unbeabsichtigte) Fehler bei der komplizierten Rechnungsstellung erst Jahre später bei Betriebsprüfungen auffallen könnten. Dass sich Unternehmer dadurch verloren gegangenes Geld dann noch bei ihren Kunden holen, hält er für unwahrscheinlich. Handwerkern und anderen Unternehmern empfiehlt Schachta deshalb neben einem Gespräch mit ihrem Steuerberater vor allem, zumindest alle schon fertigen Arbeiten bis zum 30. Juni auch abzurechnen. 

Hinzu komme, gibt Schachta zu bedenken, dass gewiefte Kunden vielleicht jetzt schon geplante Aufträge noch einige Wochen zurückhalten, um ein paar Prozent zu sparen. Dem Unternehmer fehle dadurch jetzt der Auftrag, den er in der zweiten Jahreshälfte dann zum reduzierten Steuersatz berechne. Seine Kosten liefen jedoch weiter. 

Großzügige Übergangsregel als Wunsch

Es ist also alles gar nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht. Immerhin: „Die Politik hat schon angedeutet, dass es ein paar Vereinfachungen geben soll“, sagt Schachta und schiebt ein „Hoffentlich“ hinterher. Eine große Vereinfachung wäre nach seiner Einschätzung eine großzügige Übergangsregel. „Jede Rechnung, die ab dem 1. Juli geschrieben wird, wird mit den neuen Steuersätzen erstellt, ganz egal, wann die Leistung erbracht worden ist“, schlägt er vor. Und das müsse natürlich auch für die Rückkehr zu den alten Steuersätzen am 1. Januar gelten. 

Aber unterm Strich, das betont der Steuerberater noch einmal, werde der Effekt der Steuersenkung durch den Mehraufwand aufgefressen. Er erinnert sich an frühere Änderungen der Mehrwertsteuersätze in den Jahren 1983 und 1998, die ebenfalls mitten im Jahr vorgenommen worden sind. „Was haben wir damals geflucht! Die Abstimmungsarbeiten und die Kosten dafür waren immens“, blickt er zurück. Ein bisschen Hoffnung hat Schachta aber noch, denn das angekündigte Konjunkturpaket muss ja von Bundestag und Bundesrat erst noch beschlossen werden. 

Nur noch zwei Sitzungswochen

Allerdings kommt das Parlament nach bisheriger Planung bis zur Sommerpause nur noch zu zwei Sitzungswochen zusammen, die Länderkammer trifft sich nur noch ein Mal, am 3. Juli. Wahrscheinlich sind also sogenannte beschleunigte Verfahren notwendig, um schnell voranzukommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare