Beeindruckenden Begegnungen

Begeisternde Uhu-Sichtungen in Werdohl

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Der Uhu ließ sich in aller Seelenruhe auf dem Balkongeländer vor dem Wohnzimmer der Familie Weinbrenner an der Borghelle nieder. Er saß dort stundenlang und ließ sich auch von der großen Kaffeetafel nicht stören, die an dem Gast ihre Freude hatte.

Werdohl -  „Auf einmal kam ein riesiger Schatten über uns und dann saß der imposante Vogel lange Zeit auf dem Dachfirst“, erzählt Rüdiger Klocke. Mehrere Leser beobachteten in den vergangenen Wochen einen Uhu, der sich ganz offensichtlich mitten im Stadtgebiet niedergelassen hat. Das eindrucksvolle Tier ließ sich bereitwillig fotografieren.

Die Nachbarschaft an Brüderstraße und Rudolfstraße war im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Häuschen, als der Schatten über die Terrasse von Klockes am Köstersberg glitt. Der Uhu landete auf dem Dachfirst von Horst Jacke in der Abendsonne Ende August. Auch Nachbar Peter Rittinghaus beobachtete das Tier.

Klocke: „Der hat sich kaum bewegt und schien überhaupt nicht scheu.“ Mit den orangenen Augen habe der Vogel zwar immer wieder zu den Menschen geschaut, die ihn in aller Ruhe fotografieren konnten, das habe ihn aber nicht beeindruckt. Auch die Turmfalken von St. Michael konnten ihm nichts anhaben. Die Falken empfanden den riesigen Raubvogel als Bedrohung ihrer Jagdgründe und wollten ihn offensichtlich mit Anflügen vertreiben.

Auf dem Dach sitzend wurde der Uhu von Wanderfalken vom Kirchturm St. Michael angeflogen. Das störte den Vogel aber nicht

Klocke: „Der Uhu hat nur den Kopf eingezogen und sich nicht weiter an den Falken gestört.“ Daraufhin hätten die Falken ihre Anflüge aufgegeben. Klocke und seine Nachbarn meinen, dass der Uhu aus dem Wald am Köstersberg gekommen sei. Klocke ist immer noch begeistert: „So einen Vogel kennt man nur aus dem Zoo. Das war ein tolles, beeindruckendes Erlebnis.“ Der Vogel sei sehr zahm gewesen, vielleicht sei er ja von Menschen aufgezogen worden. Nachbar Peter Rittinghaus meint, den Vogel aus dem Hang bei VDM oder von der Altenaer Straße kommend gesehen zu haben. Dort in der Nähe seien zwei Steinbrüche.

Der Uhu saß lange auf dem Balkongeländer an der Borghelle.

Ähnlich beeindruckt war auch Familie Weinbrenner, die an der Borghelle wohnt. Vor gut zwei Wochen hatten sie den Vogel stundenlang beobachten können. Er war auf dem Balkongeländer gelandet und störte sich überhaupt nicht daran, dass hinter der Scheibe im Wohnzimmer sechs Leute beim Kaffeetrinken saßen. Der Uhu ließ sich ebenfalls unbeeindruckt von allen Seiten fotografieren, bis er irgendwann wegflog.

Kein Einzelgänger

Dass der imposante Vogel garantiert kein Einzelgänger ist, unterstreicht Friedrich Petrasch, Pressewart des Nabu (Naturschutzbundes) Märkischer Kreis: „Uhus leben immer mit ihrem Partner zusammen.“ Besonders selten seien die gefiederten Nachtjäger inzwischen nicht mehr, erklärt der Vogelfachmann – auch wenn er bisher noch nichts von einem Brutpaar im Raum Werdohl gehört hat. „Der letzte Uhu in Westfalen ist im Jahr 1909 hinter Brilon abgeschossen wurde. Seit den 1980-er-Jahren gab es dann viele Bemühungen zur Wiedereinbürgerung des Uhus“, erzählt Petrasch auf Nachfrage unserer Redaktion. Inzwischen habe der Bestand dieser größten Eulenart auch in der heimischen Region wieder deutlich zugenommen, berichtet der Nabu-Pressesprecher. „Die Tiere haben ihre alten Lebensräume wieder besiedelt. Im Hönnetal, wo viele Felsen zu finden sind, leben schon länger wieder Uhus“, erklärt er.

Petrasch hat eine Vermutung, an welchem Ort sich der Werdohler Uhu gemeinsam mit seinem Weibchen – beziehungsweise seinem Männchen – eingenistet haben könnte: „Man kann davon ausgehen, dass in jedem Steinbruch ein Uhu-Paar lebt.“ Und das gelte nicht nur für still gelegte Steinbrüche: „Die Tiere passen sich an die jeweiligen Gegebenheiten an. Man hat sogar beobachtet, dass Junguhus eine Deckung aufsuchen, wenn ein Sprengsignal zu hören ist.“

Im Altertum galt die Begegnung mit der Großeule – die damals auch Jutzeule, Huw, Auf, Huher, Nachthuri, Adlereule, Großherzog oder Herrscher der Nacht genannt wurde – als Omen für Hunger, Tod und Verderben – und war gefürchtet. Doch auch wenn der Vogel mit einer Körperlänge von bis zu 75 Zentimetern und der Flügelspannweite von bis zu 1,70 Meter höchst beeindruckend ist – die Werdohler müssen sich vor ihm nicht fürchten: „Der Uhu ist nicht aggressiv und flüchtet normalerweise vor dem Menschen“, stellt Friedrich Petrasch fest. Gefährlich wird der Nachtjäger dagegen Igeln, Hasen, Tauben, Krähen, Ratten und sogar sehr jungen Kitzen: Diese Tiere stehen nach den Worten des Nabu-Fachmanns auf der Speisenkarte der Großeule.

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