Mehr Besucher in Gottesdienste locken

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War im Gemeindehaus der Friedenskirche zu Gast: Birgit Winterhoff. ▪

WERDOHL ▪ „Wir werden weniger und bekommen immer stärkere Konkurrenz.“ Birgit Winterhoff, Pfarrerin und Leiterin des Amtes für missionarische Dienste in der Evangelischen Kirche Westfalen, ist alarmiert. Und die Schäfchen laufen davon. „Die Individualisierung religiöser Sehnsüchte hat zugenommen“, weiß sie.

Und viele Menschen hätten diese Sehnsüchte schlicht nicht mehr. „Konfessionslosigkeit ist vielfach Normalität“, weiß Winterhoff. „Christen werden belächelt und wenn sie am Wochenende den Gottesdienst besuchen, müssen sie sich bei ihren Mitmenschen dafür entschuldigen“, erläuterte die Pfarrerin im Gemeindehaus der Evekinger Friedenskirche zu Beginn eines Diskussionsabends am Mittwoch zum Thema, wie mehr Gläubige in die Gottesdienste zu bekommen seien.

Damit hatte sie eine Grundlage für das Gespräch geschaffen, das folgen sollte. Doch zunächst einmal unterfütterte sie ihre einleitenden Worte mit Zahlen. Da waren einerseits jene Angaben, die die rund 30 Anwesenden positiv gestimmt haben dürften: 87 Prozent aller Christen fänden den Gottesdienst persönlich wichtig. 67 Prozent wünschten sich aber einen „aktiven“ Gottesdienst, keinen allzu traditionalistischen.

„Die Gottesdienste müssen aber gastfreundlich sein und sensibel für die Belange der Menschen“, erklärte Winterhoff. „Wissen Sie eigentlich“, fragte die Referentin die Anwesenden, „dass die Gottesdienstzeit am Sonntag um 10 Uhr an den Melkzeiten der Bauern orientiert ist?“ Richtiger sei längst eine Messe am Sonntag um 18 Uhr – nach Abschluss der Wochenend-Tätigkeiten: „Das ist viel praktikabler.“ Denn der Sonntagmorgen sei für die meisten Menschen die einzige Gelegenheit auszuschlafen, mit der Familie zu frühstücken und Gemeinschaft zu erleben.

Aber: „Ein Gottesdienst, der alle anspricht, ist eine Illusion.“ Denn: „Die Definition der Menschen läuft über die Musik.“ Und es gebe so viele Stile. So habe sich bei ihr einmal jemand beschwert, dass neuere Lieder englische Texte hätten. „Aber“, fragte Winterhoff rhetorisch, „lateinische Verse gehen?“ Geschmäcker seien unterschiedlich und: „Die Gesellschaft steht vor einer neuen Unübersichtlichkeit.“

Dann folgten die Zahlen, die bei den Anwesenden sicher Sorge auslösten: Gemäß einer Studie aus dem Jahr 2010 vom Mannheimer Unternehmen Sinus unter 2 074 Katholiken erreiche ein Gottesdienst heute von zehn Gesellschaftsgruppen lediglich die „bürgerliche Mitte“. Und bei denen sei Gott gerade einmal für 37 Prozent wichtig. Bei den evangelischen Gemeinden sehe es wohl genauso aus.

Um die anderen neun gesellschaftlichen Gruppen (vom „Traditionalisten“ bis hin zum „Experimentalisten“) anzusprechen, brauche es verschiedene Arten von Gottesdiensten, „aber bitte keine Gemischtwaren-Konzeptionen“. Stattdessen müsse sich jede der vier evangelischen Werdohler Kirchen auf einen anderen Ansatz spezialisieren, wünschte sich Winterhoff. „Die Gläubigen in den Großstädten gehen längst nicht mehr in die Kirche, die ihnen am nächsten ist, sondern in die, wo ihnen der Gottesdienst gefällt.“

Doch damit erntete die Pfarrerin enormen Widerspruch: „Das kann nicht unser Ziel sein“, brachte einer der Anwesenden die Stimmung auf den Punkt. Mehrheitlich sprachen sich die Werdohler dafür aus, das Konzept der Bezirks-Gemeinden mit fester Kirche beizubehalten. Und auch der Gast aus Bielefeld plädierte für klare Profile: „Müssen wir nur Sachen machen, bei denen die Leute applaudieren?“, fragte sie und fügte hinzu: „Wenn jemand sagt 'Dieses Gedöns tue ich mir nicht an', dann ist das völlig in Ordnung.“ Alternative Gottesdienste seien kein Muss.

Einen Ansatz brachte ein Diskussionsteilnehmer zum Schluss der gut anderthalbstündigen Veranstaltung ein: Man müsse bei Kleinkindern anfangen, sie an die Gemeinde zu binden, erklärte er. Michael Koll

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