Verärgerung über Schulministerin

Maskenpflicht nach den Ferien: So gehen die Schulen in Werdohl und Neuenrade damit um

+
Corona-Schutzmasken sollen für Schüler von weiterführenden und Berufsschulen in NRW zunächst bis Ende August im Unterricht und in den Pausen Pflicht sein. Lehrer, aber auch Elternvertreter aus Werdohl und Neuenrade sehen das skeptisch bis kritisch.

Werdohl/Neuenrade – Würden heimische Schulleiter NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer ein Zeugnis für ihren aktuellen Corona-Erlass ausstellen, hätte die FDP-Politikerin keinen Grund zum Jubeln.

„Das Verantwortlichen hatten jetzt fünf Wochen Zeit, um etwas Vernünftiges auszuarbeiten. Müsste ich das Ergebnis in Schulnoten ausdrücken, läge es bei Vier bis Fünf“, erklärt Klaus Giljohann, Geschäftsführer der Waldorfschule Neuenrade. Auch von Eltern gibt es kritische Stimmen. 

Nachdem Schulministerin Gebauer am Montag unter anderem verkündet hatte, dass die Maskenpflicht für Schüler ab der fünften Klasse zumindest bis Ende August auch während des Unterrichts im Klassenraum gelten soll, sind die Schulleiter und ihre Kollegien vor Ort für die Umsetzung verantwortlich. 

Realschulleiter hat Entscheidung erwartet

Bei den Werdohler Schulleitern hält sich die Kritik an der Maskenpflicht in Grenzen. Er habe das erwartet und finde es „insgesamt auch richtig“, sagt Oliver Held, Leiter der Realschule. Sven Stocks, Leiter der Albert-Einstein-Gesamtschule (AEG), zeigt sich allenfalls überrascht von der Vorschrift, die Masken auch im Unterricht zu tragen. Auf eine Pflicht, die Mund-Nase-Bedeckung auf dem Schulgelände und im Gebäude außerhalb der Klassenräume zu tragen, habe sich die AEG hingegen eigentlich schon eingestellt gehabt, sagte er. 

Die am Montag bekannt gewordene Vorschrift zum Tragen des Schutzes auch im Unterricht sei „nicht einfach in der Umsetzung und für alle auch eine hohe Belastung“, meint Stocks, räumt jedoch auch ein, dass es aus Infektionsschutzgründen wohl notwendig sei. Allerdings sei die Regelung auch nicht widerspruchsfrei, übt er leise Kritik etwa an der Befreiung von der Maskenpflicht, wenn Schüler in der Mensa gemeinsam an einem Tisch essen. Das gemeinsame Mittagessen ist eine Besonderheit an der als Ganztagsschule geführten AEG. Weil Essen und Maskenpflicht aber nun einmal schwer miteinander vereinbar sind, werde die AEG das Mittagessen in zwei Sitzungen ausgeben. „So kommen wenigstens nicht alle Schüler auf einmal zum Essen“, erklärt Stocks. 

Fenster lassen sich nicht komplett öffnen

Ein kleines Problem entsteht in der Gesamtschule, weil sich die Fenster der Klassenräume nicht ganz öffnen lassen. Stoßlüften ist folglich nicht möglich. Stocks schildert, welche Lösung die AEG gefunden hat: „Wir werden alle Fenster in den Klassenräumen dauerhaft auf Kippstellung lassen, die Türen öffnen und die Fenster auf den Fluren ganz öffnen. Dann ist die Lüftungssituation zwar nicht optimal, aber es ist immerhin ein gewisses Maß an Querlüftung möglich.“ 

Solche Probleme gibt es an der Realschule nicht. „Wir können alle Räume ordentlich lüften“, berichtet Schulleiter Held, der die Maskenpflicht auch im Unterricht für grundsätzlich richtig hält. „Wenn man auf den regulären Schulbetrieb nicht verzichten will, muss man alles tun, um das Infektionsrisiko zu senken und ein gewisses Maß an Sicherheit zu gewährleisten“, sieht er das Spannungsfeld zwischen schulischer Normalität und dem Schutz vor einer Infektion mit dem Coronavirus. „Das ist nicht angenehm, aber wir müssen das gemeinsam schaffen“, lautet seine Devise. Die Realschule, die auf den Lehrerpulten noch zusätzliche Acrylglaswände zum Schutz vor Tröpfchenflug aufstellen werde, wolle die Eltern noch kurzfristig darüber informieren, wie Schulbetrieb und Infektionsschutz in Einklang gebracht werden sollen. 

Elternvertreterin ist skeptisch

Ob Gesamtschule oder Realschule – auch ein Unterricht im Freien sei grundsätzlich denkbar, sagen die Werdohler Schulleiter. Für Oliver Held ist das an der Realschule „zwar organisatorisch nicht ganz einfach“, aber es spreche nichts dagegen, zu prüfen, ob es nicht möglich ist, durch eine Verlegung der Schulstunde ins Freien einmal für eine Stunde auf die Masken zu verzichten. Auch für AEG-Leiter Stocks ist das „bei gutem Wetter und vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern eine Option“, obwohl dann natürlich die Mindestabstände eingehalten werden müssten. 

Tatjana Pulter, Elternpflegschaftsvorsitzende der Realschule Werdohl, blickt dem Schulbeginn mit einem flauen Gefühl entgegen. Dass Kinder und Jugendliche den ganzen Tag eine Schutzmaske tragen sollen, ist für sie schwer vorstellbar. „Wie sollen die essen, wie sollen sie trinken?“, wirft sie Fragen nach der praktischen Umsetzung auf. 

Und sie weist auf die Probleme von Brillenträgern hin, fragt, wie die denn überhaupt dem Unterricht folgen sollen, wenn ihnen aufgrund der Maskenpflicht die Gläser beschlagen. „Ich habe auch große Bedenken, was die Busfahrten angeht: Werden unsere Kinder dann zusammengepfercht?“, fragt Pulter vor dem Hintergrund, dass die Schüler von Grund- und weiterführenden Schulen ganz wie zu normalen Zeiten wieder gemeinsamen in Bussen zur Schule und wieder nach Hause fahren müssen. Einen eingeschränkten Unterricht ungefähr bis Ende August hätte die Elternvertreterin für vernünftig gehalten. „Das ist doch jetzt wieder so ein Versuchsding“, glaubt sie, ass das Konzept, nachdem alle Kinder wieder gleichzeitig zur Schule gehen sollen, nicht durchdacht ist. 

Noch viele Fragezeichen

Die Umsetzung der Maskenpflicht sei nicht gerade einfach und mit vielen Fragezeichen versehen, stellt Eva Päckert fest: „Ich tue mich schwer damit, dass die Kinder und Jugendlichen durchgehend von 8 bis 16 Uhr eine Maske tragen sollen“, sagt die Leiterin der Hönnequell-Schule. „Wie und wann sollen sie denn beispielsweise essen und trinken?“ Darüber habe sich im Ministerium offensichtlich niemand Gedanken gemacht. Darüber ärgert sich auch Klaus Giljohann. „Diese Regeln haben nichts mit der Praxis zu tun.“ Auch sei es schlicht nicht machbar, dass die Schülerinnen und Schüler bei sommerlichen Temperaturen von 30 Grad und mehr im Unterricht eine Maske tragen müssten. „Das ist irgendwann der Gesundheit auch nicht mehr zuträglich.“ 

Ob und wie die Ministeriumsregeln am Remmelshagen umgesetzt werden, solle am Donnerstag von allen Verantwortlichen gemeinsam entschieden werden. „Wir sind eine Schule in freier Trägerschaft und deshalb nicht an die Anweisungen aus dem Schulministerium gebunden“, berichtet Giljohann. Allerdings seien bisher jeweils alle Coronaschutz-Vorgaben erfüllt worden, um die Gesundheit der Schüler und des Kollegiums zu schützen. 

Weiterer Unterrichtsausfall befürchtet

Gerade deshalb ärgere er sich darüber, dass sich im Ministerium offenbar niemand überlegt habe, wie einzelne Punkte praktisch funktionieren können. Das gelte auch für die Überlegung, den Lehrern alle 14 Tage einen freiwilligen Corona-Test zu ermöglichen. „Die Idee an sich ist ja gut. Allerdings werden solche Proben, die im Labor untersucht werden müssen, in der Regel morgens genommen.“ Und vormittags seien die Pädagogen bekanntlich in der Schule beschäftigt. „Dann würde wieder Unterricht ausfallen, denn auch Lehrer müssen im Wartezimmer sitzen“, stellt Giljohann fest, der sich aktuell um eine Test-Lösung für das gesamte Kollegium bemüht. 

Eva Päckert hofft darauf, dass alle Hönnequell-Schüler einsichtig sind und die Maskenpflicht umsetzen. Allerdings könne man mit Blick auf die zahlreichen Corona-Demonstrationen und die zunehmende Corona-Regel-Kritik nicht einschätzen, wie sich die Situation in den Elternhäusern und somit auch die Meinung der Schüler verändert habe. „Auf jeden Fall wollen wir im Kollegium überlegen, welche Abstandsregelungen wir auch künftig beibehalten. Auch, wenn sie vielleicht nicht mehr gefordert werden.“ So wolle sie Gedränge in den Fluren der Schule auch künftig unbedingt vermeiden. 

Erlass "Wort für Wort" durchgehen

Den Erlass des Ministeriums möchte Päckert mit ihrem Team noch einmal „Wort für Wort“ durchgehen. Auch weitere Fragen, zum Beispiel zum Sportunterricht, müssten geklärt werden. Denn der Sportunterricht solle „möglichst im Freien“ und ohne Maske stattfinden. Ob dieser Unterricht beispielsweise ausfällt, wenn es in Strömen regnet, müsse die Fachschaft Sport entscheiden. Was mit Beginn des Schuljahres zu beachten ist, solle den Eltern der HQS-Schülern schnellt vor Schulbeginn mitgeteilt werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare