Werdohl in alten und futuristischen Ansichten

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So stellte man sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts Werdohls Zukunft vor: Auf der Lenne verkehren Passagierdampfer, darüber tummelt sich allerlei futuristischer Klimbim, vom fliegenden Sanatorium bis zur Schwebebahn.

Werdohl - „Die bauliche Entwicklung Werdohls lässt sich anhand dieser Aufnahmen sehr gut nachvollziehen“, sagt Manfred Smigalski, wenn er über seine Postkarten-Sammlung spricht. Etwa 250 verschiedene Motive füllen die Alben des 68-jährigen gelernten Malers und Lackierers.

Die Sammelleidenschaft hat Manfred Smigalski vor rund 20 Jahren gepackt. „Ursprünglich war ich Briefmarkensammler. Dadurch bin ich dann irgendwann auf die Ansichtskarten gekommen“, erzählt der Werdohler, der anfangs zu Ansichtskartenbörsen ins Ruhrgebiet gefahren und einige Exemplare für viel Geld gekauft hat.

Mittlerweile kauft er Karten praktisch nur noch über das Internet, allerdings nicht zu jedem Preis: „Manche Karten werden inzwischen richtig teuer gehandelt, da schreckt man dann doch zurück.“ Zunächst habe er praktisch alles gesammelt, was ihm an Postkarten in die Hände fiel, erzählt der Philokartist. „Dann habe ich mich irgendwann ganz auf Werdohl konzentriert. Das ist aber auch genug, wenn man sich intensiv damit befasst“, hat er festgestellt.

Teils vergessene Perspektiven

Auch deshalb hat der Sammler seine Ansichtskarten auch nach räumlichen Kriterien geordnet: Dorf, lenneaufwärts, lenneabwärts, Versetal und Höhenlagen heißen die Rubriken, in denen Werdohl aus ganz unterschiedlichen und teils schon vergessenen Perspektiven gezeigt wird. Auch eine Rubrik mit Besonderheiten gibt es. Sie enthält unter anderem eine Silvester-Karte aus Werdohl. Das Besondere daran sind zwei schwarze Felder: Hält man die Karte gegen eine starke Lichtquelle, schimmert ein Neujahrsgruß hindurch.

Manfred Smigalski (links) und Udo Böhme geben einen Einblick in eine umfangreiche Ansichtskartensammlung.

Außerdem hat Smigalski sein Sammelgebiet zeitlich eingegrenzt: Zunächst hat er alle Karten gesammelt, die bis zum Zweiten Weltkrieg auf den Markt gekommen sind, dann hat er den Zeitraum auf die 1960er-Jahre ausgeweitet. Seine älteste Karte ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienen.

Auch Ortsheimatpfleger Udo Böhme ist von der Vielfalt, die Smigalskis Sammlung zu bieten hat, überrascht: „Ich hätte nie gedacht, dass es so viele verschiedene Ansichtskarten von Werdohl gibt“, sagt er und bezeichnet dies als einen Glücksfall für die Erforschung der Stadtgeschichte. „Früher hatte ja kaum jemand eine Kamera. Ohne diese Postkarten hätten wir also viele alte Stadtansichten heute gar nicht mehr!“

In der Tat waren Fotografien um die Wende des 19./20. Jahrhunderts noch sehr selten und teuer. Landschaftsaufnahmen oder Stadtansichten kamen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Mode. Fotografen reisten damals durch das Land und machten mit großformatigen Ortsansichten für ihre Kunst Reklame. Doch auch in Werdohl gab es mehrere Verlage, die Ansichtskarten herstellten.

Augenzwinkernder Silvestergruß aus Werdohl: Hinter den nachtschwarzen Feldern verbirgt sich die eigentliche Grußbotschaft, die aber nur vor einer starken Lichtquelle sichtbar wird.

Wegen der langen Belichtungszeiten sind auf den Landschaftsaufnahmen nur ganz selten Menschen zu sehen. Auch sollten die Gegenden selbst eindeutig „schön“ sein, sie zeigen deshalb eine Idylle, die in dieser Form auch damals nur noch selten der Realität entsprochen haben dürfte. Und doch geben die historischen Bilder den gemächlichen Pulsschlag der „guten, alten Zeit“ wieder. So mancher Gruß auf den Vorderseiten – die Rückseiten durften damals nicht beschrieben werden – verstärkt diesen Eindruck noch. Ein „Gruß aus Werdohl“ durfte damals ruhig erst nach einigen Tagen beim Empfänger ankommen.

Selbst für kleinste Ortsteile gab es Ansichtskarten, wie man an dieser Jugendstil-Lithographie erkennen kann. Zu sehen ist unten rechts das ehemalige Gasthaus Brinker, das im Volksmund auch „unter der Egge“ hieß.

Unter Manfred Smigalskis Ansichtskarten finden sich einige echte Schätze, wie auch Udo Böhme findet. Beispielsweise zeigt eine vermutlich in den 1920er-Jahren entstandene Karte die „Erfrischungshalle Krumscheid“, einen Kiosk, dessen Standort bis heute rätselhaft geblieben ist. „Vielleicht stand sie irgendwo am Sand“, vermutet Böhme.

Auch der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) ist längst auf Smigalskis historische Bilddokumente aufmerksam geworden. „Für solche Aufnahmen sind wir immer dankbar“, sagt Udo Böhme, der die Internetseite des HGV pflegt und die alten Postkarten demnächst genau dort der Öffentlichkeit vorstellen möchte.

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