Allgemeinmediziner Thomas Greif kritsiert die Krankenkassen

„Lügenmärchen der Kassen“

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Der Werdohler Mediziner Thomas Greif referierte bei den IG-Metall-Senioren – und machte dabei seinem Ärger Luft.

WERDOHL - „Wenn sie mit ihrer Krankenkasse sprechen, erzählen die ihnen nur die üblichen Lügenmärchen: ,Das entscheidet alles der Apotheker’“, ereiferte sich der Mediziner Thomas Greif bei seinem rund zweistündigen Vortrag bei den IG-Metall-Senioren der Lenneschiene am Montagabend in der Gaststätte Ütterlingser Krug.

Tatsächlich seien es aber die Krankenkassen selbst, die mit Rabattverträgen, die sie mit den Pharma-Herstellern alle drei Monate neu schlössen, entschieden, welche Medikamente ein Patient bekäme. „Das ist absolut intransparent. Und das Schlimme ist: Wir wissen nie, was unser Patient für ein Arzneimittel bekommt – und was da dann drin ist“, verdeutlichte der Allgemeinmediziner die Problematik vor mehr als 30 Anwesenden.

Greif, seit 13 Jahren als Hausarzt tätig, erklärte weiter: „Den Reibach an ihrer Medizin machen die Krankenkassen und nicht die ‘ach so bösen’ Pharma-Hersteller.“ Am Beispiel zahlreicher Medikamente erläuterte er, dass die Abgabepreise in einer Apotheke weder hoch seien noch weit auseinander liegen würden. Alle genannten pendelten zwischen elf und zwölf Euro – und zwar ganz gleich, welche Packungsgröße nun gewünscht werde.

Er griff ein Präparat heraus: Davon kosteten 30 Kapseln 11,38 Euro. Die Großpackung mit 100 Kapseln schlage mit gerade einmal 11,52 Euro zu Buche. Ein Apotheker bekäme aber für jede heraus gegebene Packung eine gesetzlich verankerte Pauschale in Höhe von fünf Euro.

Auch zum Thema Beipackzettel äußerte sich der Hausarzt kritisch. Im Grunde sei auf jedem Beipackzettel das selbe zu lesen – egal ob es sich um ein Medikament gegen Fußpilz oder gegen Kopfschmerzen handele. Der einzige Zweck all dieser Hinweise sei, den Hersteller vor Klagen der Patienten zu schützen.

Dann ging der Allgemeinmediziner auf die Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland ein – mit den Privatpatienten auf der einen Seite und den Kassenpatienten auf der anderen. Greif warnte jedoch auch vor einem allzu unkritischen Umgang mit den Privatkassen: „Bei manchen ist der Patient nur ein Objekt der Wertschöpfung.“

Doch auch bei einer gesetzlichen Kasse müssten der Patient wie auch der Arzt wachsam sein. So berichtete Greif von einem Fall, in welchem eine Krankenkasse schriftlich die Übernahme von Behandlungskosten zugesichert habe. Anderthalb Jahre später habe sie gleichwohl vom Arzt Regress gefordert – mit der Begründung, sie habe zwar die Kostenübernahme zugesichert, nicht jedoch zugesagt, den Mediziner nicht zu verklagen.

Die Möglichkeit, Ärzte in Regress zu nehmen, gebe es weltweit nur in Deutschland.

Dann blickte der Hausarzt in die Zukunft: 30 Prozent aller angehenden Mediziner würden das Studium abbrechen. 60 Prozent derjenigen, die das Studium zu Ende bringen, seien Frauen. Diese wollte – zu Recht – Familie und Beruf unter einen Hut bringen, also später nur Teilzeit arbeiten. „Wir steuern also auf einen Ärztemangel zu“, zog Thomas Greif ein düsteres Fazit.

Von Michael Koll

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