Lothar Peiser und Heinz-Werner Emme schließen Radio Lüling Ende des Monats

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Lothar Peiser (65) an einem der verwaisten Werkstatt-Arbeitsplätze von Radio Lüling: „Das Reparieren hat mir immer Spaß gemacht.“ In besten Zeiten setzte er 70 Videorekorder in der Woche instand. Das ist alles lange vorbei.

Werdohl - Lothar Peiser und Heinz-Werner Emme, die Inhaber von Radio Lüling an der Wilhelmstraße, schließen ihr Geschäft zum Ende des Monats. Montag werden die Reste aus den Regalen verkauft, danach wird ausgeräumt.

Der Blick in die Werkstatt gerät zu einer Zeitreise in die Anfänge der Unterhaltungselektronik. 

Peiser trägt auch heute noch mit Stolz seinen weißen Kittel. Der 65-jährige Werdohler erzählt: „Mein erstes Spielzeug war ein Drehkondensator. Radio- und Fernsehtechniker war damals ein Traumberuf. Ich gehörte zum letzten Berufsschuljahrgang, in dem noch die Röhrentechnik unterrichtet wurde.“ Unfassbar für heutige Zeiten: „Ich weiß noch ganz genau, wie wir zum ersten Mal am Remmelshagen das zweite Fernsehprogramm empfangen konnten.“ 

Doch noch weiter zurück: Gerhard Lüling gründete 1963 sein Geschäft am Bredder Weg an der Neustadtstraße. Dieser Laden war vorher das Radiogeschäft Ziegler. Fernsehen spielte da noch kaum eine Rolle. Lüling zog mit seinem Geschäft an die Bahnhofstraße, später an die Wilhelmstraße. Die heutigen Inhaber Emme und Peiser hatten beide bei Lüling gelernt. Während Peiser ununterbrochen bis heute seit 50 Jahren im Betrieb ist, machte Emme nach seiner Ausbildung einige andere berufliche Stationen. 

Heinz-Werner Emme (63) ist ebenso wie sein Geschäftspartner Peiser froh, mit Aufgabe des Geschäfts an der Wilhelmstraße in den Ruhestand gehen zu können.

Als Gerhard Lüling 1987 in Rente ging, übernahmen seine beiden ehemaligen Lehrlinge Peiser und Emme das Geschäft. Jetzt, dreißig Jahre nach der Übernahme, schließen die beiden aus Altersgründen. In den 1980er und 1990er Jahren lief der Laden fantastisch. Zwölf Mitarbeiter und drei Servicefahrzeuge hatte Radio Lüling. Alles drehte sich um Radios, Fernseher, Videorekorder und Antennen. „Wir haben immer alles repariert“, so das Credo. Peiser erzählt, dass er in besten Zeiten 70 Videorekorder in der Woche repariert habe. „Ich kam da zu nichts anderem“, erinnert sich. 

Wegwerfen und neu kaufen statt Reparatur

Heutzutage wird kaum noch etwas repariert. Die Technikerstunde ist oft teurer als das ganze Gerät. Die Hersteller böten längst nicht mehr für alle ihre Produkte Ersatzteile an. Wegwerfen und neu kaufen ist bei vielen Geräten günstiger als die Reparatur. Ältere Geräte ließen sich oft viel besser zerlegen als heutige. Am modernen Flachbildschirm ist nicht mehr viel zu reparieren, Display oder Board zu tauschen lohnt sich häufig nicht. „Klar, dass man dafür keine zwölf Mann mehr braucht,“ so Peiser. 

Überhaupt habe sich das Kundenverhalten grundlegend geändert. „Viele lassen sich im Fachgeschäft ausführlich beraten, dann bestellen sie im Internet. Und wenn es Probleme mit dem Teil gibt, kommen sie wieder zu uns“, erzählt Peiser. Aber vom reinen Reparaturbetrieb könne der Fachhandel eben nicht überleben. Deshalb sind die beiden Männer froh, das Geschäft regulär aus Altersgründen aufgeben zu können. Lothar Peiser hat eine Leidenschaft fürs Reparieren und Basteln. „Meine Kurzwellenempfänger habe ich mir immer selbst gebaut“, erzählt er beiläufig. 

Kein Urlaub seit 15 Jahren

Der Lötkolben bleibt Hobby.

Kurzwellenempfänger – ein Gerät aus anderen Zeiten. „Ich werde die Finger nicht vom Lötkolben lassen“, sagt Peiser. Aber nur als Privatvergnügen: „Das Gewerbe gebe ich vollständig ab.“ Auf den Ruhestand freut er sich, ebenso wie sein Partner Emme. Seit 15 Jahren keinen richtigen Urlaub mehr, jeden Tag lange im Geschäft. Der kleine klassische Einzelhandel verlangt hohes Engagement. Geld verdienen könne man in der Branche kaum noch, meinen beide. 7000 Läden würden pro Jahr schließen, der Internethandel sei zu mächtig. 

Nur noch mit der Einkaufsgemeinschaft Euronics, zu der zum Beispiel auch Berlet gehört, habe man überhaupt bei den Preisen mithalten können. Emme: „Die Hersteller unterstützen unsere Betriebstypen nicht mehr.“ Im Internet wird billiger verkauft als es der Einzelhandel im Einkauf von der Industrie bekomme. Die Weiterführung des Ladens mache so keinen Sinn. „Wir drehen den Schlüssel rum und dann ist es vorbei“, sagt Peiser. Schon vor einem Jahr hatten sie das Ladenlokal gekündigt und kaum noch Neuware bestellt. 

„Jetzt rufen die Leute an und bedanken sich“, ist Peiser gerührt. Vergangene Woche kamen sogar Blumensträuße. „Wir sind gar nicht so böse darum, dass wir schließen“, sind sich beide sicher, rechtzeitig zur Rente die Kurve bekommen zu haben. Und wer könne das heute noch sagen: „Es hat wirklich immer Spaß gemacht.“

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