Wo fängt Gewalt an?

+
Sabine Fröhlich begleitete die Lesung mit Violinstücken. ▪

WERDOHL ▪ Viel zu geringe Resonanz fand am Sonntag eine Lesung in der Stadtbücherei, deren Besucherzahl einstellig blieb. Dabei hatten Anja Bilabel und Sabine Fröhlich viel zu bieten: Eine Lesung auf hohem Niveau, eine Geige mit ergänzenden Musikstücken und Literatur zu einem sehr interessanten Thema: „Häusliche Gewalt“.

Am Anfang dieses Programms unter der schönfärberischen Überschrift „In Blumenhäusern“ (frei nach Truman Capote) stand ein Auftrag des Frauenhauses Münster, das das Thema „Häusliche Gewalt“ einmal anders angehen wollte. Dabei sollte gar nicht so sehr körperliche Gewalt im Mittelpunkt stehen.

Unter der Fragestellung „Wo fängt Gewalt an?“ sollte vielmehr auch Komisches zu Wort kommen und das Problem der Bemäntelung von Gewalt thematisiert werden. Den Auftrag für die Zusammenstellung des Programms bekam die Münsteranerin Anja Bilabel – eine Entscheidung, die aufgrund des hohen Unterhaltungswertes und der Qualität ihrer Lesung sofort nachvollziehbar war. Doch auch die Texte spielten ihr in die Hände: Wunderbar, wie Truman Capote in seiner Erzählung „Das Blumenhaus“ mit einem Satz wie diesem das kommende Elend einer Ehe ankündigt: „Sie waren ungefähr fünf Monate verheiratet, als Royal alles das tat, was er vor der Heirat getan hatte.“ Ihre Ankündigung wegzulaufen, beantwortet er lapidar: „Dann müsste ich gehen und dich zurückholen.“

Wahrlich meisterlich stellte auch Anton Cechov das kaum noch subtil zu nennende Herrschaftsgefälle zwischen einem Mann und einer Frau dar: Krasnocin, die männliche Hauptfigur seiner Erzählung „Psst!“, „weckt seine Frau und sagt ‚Gib mir noch Tee!“ Keine Schläge, keine Prügelei, aber offensichtlich subtile Gewalt und eine schreiende Ungleichbehandlung.

Denn wenige Sätze später heißt es über das Ruhebedürfnis des Patriarchen: „Sein Schlaf ist ein Heiligtum, für dessen Schändung der Schuldige teuer bezahlen muss.“ Verstärkt wurde die Wirkung solcher beziehungsmäßiger Missklänge noch durch die sparsam, aber sehr wirkungsvoll eingesetzte Geige von Sabine Fröhlich.

14 Texte las Anja Bilabel. Den Besuchern wurde eine vollständige Liste mit auf den Weg gegeben. Wer nicht dabei war, und sich anhand dieser Aufstellung auf eine sehr spannende Literaturreise begeben möchte, dürfte in der Stadtbücherei noch fündig werden. Zu viele Exemplare des Wegweisers blieben übrig.

Von Thomas Krumm

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare