Extra-Zeit zum Lernen

Lernen in den Ferien, aber Schüler haben dennoch Spaß

Hündin Emma wartet auf das nächste Leckerli, das fällig wird, wenn die Fünftklässler eine Aufgabe von Lehrer Yannis Dahlmann gelöst haben. Für die Kinder ist das eine Extra-Motivation, sich anzustrengen.
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Hündin Emma wartet auf das nächste Leckerli, das fällig wird, wenn die Fünftklässler eine Aufgabe von Lehrer Yannis Dahlmann gelöst haben. Für die Kinder ist das eine Extra-Motivation, sich anzustrengen.

Ein zufällig vorbeikommender unwissender Besucher könnte das Treiben in der Schule für eine Ferienspaß-Aktion halten: Kinder und Jugendliche spielen Theater, schöpfen Papier oder schauen sich Filme an. Dahinter steckt aber tatsächlich ein ernsthaftes Anliegen: Die Schülerinnen und Schüler sollen Lernstoff aufholen, den sie im abgelaufenen Schuljahr verpasst haben. Dass dabei aber trotzdem der Spaß nicht zu kurz kommt, ist Teil des Konzeptes.

Werdohl – An der Städtischen Realschule Werdohl haben sich knapp 40 Schüler für diese „Extra-Zeit zum Lernen“ angemeldet, wie das Programm des NRW-Schulministeriums heißt, an dem sich die Schule beteiligt. An fünf Tagen pro Woche, von montags bis freitags, kommen sie von 8 bis 15 Uhr in die Schule, um Defizite aufzuholen und Wissenslücken zu schließen, die in den vergangenen Monaten entstanden sind. In der Zeit des Distanzlernens und Homeschoolings haben nicht alle den Lernstoff so gut verinnerlicht, dass sie nach den Ferien gut vorbereitet ins nächste Schuljahr starten könnten.

Was die Realschule diesen Schülern anbietet, hat aber wenig mit klassischer Nachhilfe zu tun. „Es muss eine gelungene Mischung aus Spaß und Ernst sein“, beschreibt Schulleiter Oliver Held das Konzept, nach dem den Ferien-Schülern Wissen vor allem in den Hauptfächern Deutsch, Englisch und Mathematik vermittelt werden soll. In kleinen Gruppen studieren Schüler der Jahrgangsstufen 6 und 7 beispielsweise Schattentheater ein und lernen dabei nebenbei etwas über die deutsche Grammatik und Rechtschreibung. Die Acht- und Neuntklässler erstellen eine digitale Zeitung oder lösen im Escape-Room Deutsch-Aufgaben, um sich damit die „Freiheit“ zu erkaufen.

Oberstufenschüler Moritz Held bringt Schülern englische Versuchsanleitungen näher.

Für Siebtklässler verbindet die Realschule die Durchführung von physikalischen und chemischen Experimenten mit Übungen in englischer Sprache. Die Aufgabe besteht darin, englische Versuchsanleitungen zu verstehen und umzusetzen. Eher unterhaltenden Charakter hat die Aufgabe, Folgen der englischen Fernsehserie „Hetty Feather“ anzuschauen und anschließend Fragen zu der Handlung zu beantworten.

Nicht immer begegnen die Schüler in der Extra-Lernzeit den schon aus dem Schulunterricht bekannten Pädagogen. An der Realschule sind auch Lehramtsstudenten und Schüler aus der gymnasialen Oberstufe im Einsatz. Insgesamt sind es etwa zwölf Lehrkräfte, deren Arbeit in den Ferien natürlich vergütet wird. 80 Prozent der Kosten übernehmen Land und Bund, 20 Prozent muss die Stadt Werdohl als Schulträger zahlen. Mit den Fördermitteln kann die Realschule auch zwei- bis dreimal pro Woche für kulinarische Highlights sorgen. Dann werden für die Mittagspause Pizza oder Döner geordert. „Das war uns wichtig, dass wir das auch finanzieren konnten“, sagt Schulleiter Held.

An der Albert-Einstein-Gesamtschule, wo sich etwa 60 Schülerinnen und Schülern zum Aufholen des versäumten Lernstoffs angemeldet haben, geht es ähnlich zu, das Konzept besteht auch dort in der Wissensvermittlung mit Spaß. Das kommt vor allem bei den jüngeren Jahrgängen sehr gut an, wie man in der Englisch-Gruppe des 5. Jahrgangs erleben kann, wo die Hündin Emma der heimliche Star ist und die Kinder zum Lernen animiert: Für jede richtige Antwort auf eine der Aufgabe, die Lehrer Yannis Dahlmann stellt, erhält der Hund ein Leckerli. Die Sorge, dass Emma nach drei Wochen kugelrund sein könnte, ist nicht unbegründet, denn die Fünftklässler arbeiten begeistert mit. Ob sie wohl merken, dass sie nebenbei eine ganze Menge über englische Grammatik lernen? Lehrerin Marie Trippe, die das Konzept mitentwickelt hat, ist jedenfalls sicher: „Der Lernstoff bleibt deutlich besser hängen.“

Spielerisch lernen auch die Schüler von Deutsch-Lehrerin Saska Dzemaili, obwohl das im ersten Moment gar nicht so aussieht. Sie schöpfen Papier oder gehen der Problematik des Mikroplastiks auf den Grund, erstellen dafür Videos, Plakate oder Powerpoint-Präsentationen. Was das mit Deutsch zu tun hat? Dzemaili erklärt es: „Es geht darum, Informationen aus Texten zu entnehmen und selbst Texte zu erstellen, aber auch Quellen richtig zu zitieren.“

Nicht alle Gesamtschüler gehen freiwillig und mit großer Begeisterung zum Extra-Lernen, auch das gehört zur Wahrheit. Doch Schulleiter Sven Stocks ist überzeugt, dass auch sie von den zusätzlichen Wochen in der Schule profitieren werden. „Auch sie nehmen etwas mit“, ist er sicher. Und wenn es nur die Erkenntnis ist, dass man in Zukunft besser rechtzeitig lernt, um die ganzen Ferien genießenzu können.

Extra-Zeit zum Lernen

Um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Lernentwicklung der Schülerinnen und Schüler abzufedern, hat die Landesregierung das Programm „Extra-Zeit zum Lernen“ gestartet. Insgesamt 36 Millionen Euro stehen bis zum Ende der Sommerferien 2022 für außerschulische Bildungs- und Betreuungsangebote zur Verfügung. Bedarfsgerecht soll die Summe auf bis zu 60 Millionen Euro erhöht werden. Bis Ende Juni sind bereits Mittel in Höhe von mehr als 10,3 Millionen Euro für etwa 5300 Gruppen und 200 Individualmaßnahmen bewilligt worden. Das Ministerium für Schule und Bildung sieht die Höhe der Mittelbewilligung als Indiz für ein starkes Engagement der Maßnahmenträger. Es erwartet, dass ein großer Teil der bewilligten Maßnahmen in den Sommerferien stattfinden wird. „Unsere Aufgabe ist es, die negativen Erfahrungen für die Kinder und Jugendlichen aus den vergangenen Monaten auszugleichen“, sagte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP).

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