Lena Schätte „im richtigen Moment da“

+
Die gebürtige Werdohlerin Lena Schätte wurde von der Tagebuch-Schreiberin zur Roman-Autorin.

Werdohl - Lena Schätte ist leicht abgekämpft. Sie kommt gerade von der Arbeit. Die 21-Jährige macht eine Ausbildung zur Krankenschwester in einem Hagener Krankenhaus. „Dort hatten wir heute eine fünfstündige Reanimation“, erzählt sie.

Von Michael Koll

Zugleich ist die junge Frau, die gebürtig aus Werdohl stammt und bis vor drei Jahren die Albert-Einstein-Gesamtschule (AEG) besuchte, schon etwas aufgeregt, wenn sie an die kommenden Tage denkt. Da wird sie dann nämlich aus ihrem ersten Buch vor fremden Menschen lesen.

Geschrieben habe sie schon immer, seit ihrer Grundschul-Zeit. „Angefangen hat es mit Tagebüchern, um über meine Schwester und Mutter zu lästern. Das war so eine Art Ventil“, blickt sie zurück. Später verfasste sie Kurzgeschichten. An etwas Größeres, einen eigenen Roman, hat sie sich zunächst nicht heran getraut.

Mit 16 Jahren hat sie sich dann als Poetry Slamerin versucht. „Aber das hat nicht funktioniert. Ich bin einfach nicht so die Rampensau.“ Sie sei nicht so wie Julia Engelmann, die mit ihrem Text „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein“ einen Siegeszug durchs Internet erlebte. „Das hat mir auch nicht so gefallen“, verrät Schätte. „Das war mir zu süß, zu glatt, zu niedlich, zu weiblich“, erläutert sie. „Mein Roman ist nicht so plüschig.“

Das Werk heißt „Ruhrpottliebe“ und ist dieser Tage frisch aus der Druckerei gekommen. „Meine Mutter hat mich angerufen, dass das Paket da ist. Das Gefühl dabei war eine Mischung aus Angst und Vorfreude – irgendwie surreal.“ Doch dann sei sie ganz zufrieden mit dem Ergebnis gewesen. Nur die Umschlaggestaltung ist nicht ganz nach ihrem Geschmack. Die junge Autorin fotografiert in ihrer Freizeit auch gerne: „Ich hätte gute Bilder für das Cover gehabt, aber mich fragt ja keiner“, sagt sie und lächelt.

Zu der Zeit, als aus ihrer Poetry-Slam-Karriere nichts wurde, bekam die damals 16-Jährige die Idee zu ihrem jetzigen Debüt-Roman. „Damit bin ich dann zwei Jahre schwanger gegangen.“ Mit 18 Jahren startete die Nachwuchs-Schriftstellerin den Schreibprozess. „Das waren drei ganz intensive Monate“, verrät sie.

Buch ist nachts entstanden

Dabei passierte viel mit ihrer Geschichte: „Ich hatte vorher schon ein Konzept. Aber beim Schreiben hat es sich verselbständigt.“ So habe die Story eine Wandlung erfahren. „Man lernt ja beim Schreiben seine eigenen Charaktere erst so richtig kennen. Am Ende nahm alles eine andere Wendung“, erinnert sich Schätte.

Nach der Schule hatte die junge Frau eine Ausbildung zur Rechts- und Notarfachangestelle begonnen. Sie merkte, dass das nicht ihr Beruf ist. So hatte sie passenderweise Zeit für ihr Buch. „Ich habe in Zügen, Bussen, Autos und Cafés geschrieben. Gerade letzteres ist sehr anregend“, erinnert sich die 21-Jährige. 80 Prozent des Buches seien jedoch nachts entstanden: „zuhause, mit einem fruchtigen Tee und einer guten CD“. Schätte mag Metal- und Rock-Musik, wenn sie schreibt.

„Poetry Slamer aus dem Ruhrpott wie Sebastian23“ seien ihre Vorbilder. „Ich will mit meinem Buch Menschen erreichen, möchte, dass sie über sich nachdenken“, erklärt Schätte. „Ruhrpottliebe“ sei „eine Geschichte ums Erwachsen-Werden, um die Ausbildung, Freunde und Familie“. Schätte weiß: „Jeder schreibt doch über Dinge, mit denen er sich auskennt.“ Aber autobiografisch sei ihr 193 Seiten starkes Erstlingswerk nicht.

Als das Buch fertig war, hat Schätte es ihrer unterdessen 28 Jahre alten, großen Schwester gegeben. „Die liest sonst nicht, aber ich wusste, sie würde gnadenlos ehrlich zu mir sein.“ Auszusetzen hatte die Schwester aber kaum etwas. „Nur die Hauptfigur heißt jetzt Dana und nicht mehr Marla. Den Namen fand sie einfach unsympathisch.“

Auf der Suche nach einem Verlag

Während der Roman entstand, kam in Schätte der Gedanke auf, das Ganze hinterher auch zu veröffentlichen. Zahlreiche Verlage schrieb sie an, einige meldeten sich auch, mit manchen gab es Gespräche. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so schnell einen Verlag für ‘Ruhrpottliebe’ finde. Aber ich hatte Glück, ich war einfach im richtigen Moment da. Die wollten gerade was Junges machen.“ So stand drei Monate, nachdem das Buch fertig war, fest: Es wird auch gedruckt. Der Verlag machte ihr auch keinerlei inhaltliche oder stilistische Vorgaben. „Da war ich sehr erleichtert.“

Unterdessen haben ein paar wenige andere, enge Vertraute von Schätte das Ergebnis bereits gelesen. „Die müssen alle schmunzeln, weil sie mich, meine Eigenarten, meine Art, Dinge zu betrachten, darin wiedererkennen.“ Ihr Roman spielt im Raum Hagen und Dortmund. Um ihre Figuren authentisch wirken zu lassen, hat die Sauerländerin, die gerne auf Konzerte und ins Theater geht, zum Ruhrgebiets-Dialekt Recherchen angestellt. Fußball aber spiele in ihrer Geschichte keinerlei Rolle.

Jetzt liest die Autorin aus dem Werk in der Stadtbücherei Altena, im Bürgerprogramm von Radio MK und in ihrer alten Schule, der AEG. „Das gehört doch einfach dazu“, weiß sie – auch wenn der Gedanke daran sie nervös sein lässt. „Ich wäre ja glücklich, wenn ich einfach in meinem dunklen Kämmerlein sitzen und schreiben könnte – und keiner weiß, wie ich aussehe.“

Doch in ihrem Kopf ist Schätte schon viel weiter. Das zweite Buch sei bereits in Arbeit. „Ich bin ja jetzt älter geworden“, sagt sie. „Deshalb sind meine Themen nun andere geworden, ein bisschen erwachsener.“ Eine Fortsetzung von „Ruhrpottliebe“ bekämen ihre Leser demnach nicht geboten.

Mit Tee und guter Musik

Jetzt müsse sie aber nach Feierabend schreiben, denn ihren Job fürs Schreiben aufgeben wolle sie zunächst nicht. „Gut, wenn der Erfolg kommt, werde ich mich nicht dagegen wehren. Aber reich zu werden, ist nicht meine Motivation. Ich mag meinen Beruf ja auch und meistens stehe ich morgens gerne auf.“

Wenn sie dann demnächst wieder nachts bei einer warmen Tasse Tee sowie guter Musik säße und schreibe, könne es passieren, dass sie die Zeit vergäße. „Wenn ich im Fluss bin, schreibe ich halt die Nacht durch. Dann sehe ich am Morgen zwar zerquetscht aus, aber das ist dann so“, sagt sie und lächelt wieder.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare