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Lehrerin aus dem MK rettet in privater Mission 13 Frauen und Kinder aus der Ukraine

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Von: Volker Griese

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Mehrere Frauen und ihre Kinder, darunter ihre Tante Oksana Kopatsch (hinten rechts) mit ihrem Nachwuchs, hat die Werdohler Realschullehrerin Tatjana Sobko (Bildmitte, hinten) in einer spontanen Aktion aus der Ukraine evakuiert.
Mehrere Frauen und ihre Kinder, darunter ihre Tante Oksana Kopatsch (hinten rechts) mit ihrem Nachwuchs, hat die Werdohler Realschullehrerin Tatjana Sobko (Bildmitte, hinten) in einer spontanen Aktion aus der Ukraine evakuiert. © Volker Griese

Millionen Menschen, meistens Frauen, Kinder und Alte, fliehen derzeit vor dem Krieg in der Ukraine ins benachbarte Ausland. Viele finden Zuflucht in den slawischen Nachbarstaaten, aber auch in Deutschland sind schon Flüchtlinge angekommen, zum Beispiel bei Tatjana Sobko. Die Lüdenscheiderin ist Lehrerin an der Werdohler Realschule, hat selbst die Initiative ergriffen und insgesamt 13 Menschen aus dem Kriegsgebiet gerettet.

Werdohl/Lüdenscheid ‒ Sobko stammt selbst aus der Ukraine, ist aber nach einem Deutsch- und Anglistikstudium vor 20 Jahren nach Deutschland gekommen, um dort Lehrerin zu werden. Seit sechs Jahren unterrichtet die 43-Jährige an der Werdohler Realschule, der Kontakt in ihr Heimatland ist aber nie ganz abgerissen. „Deutschland ist meine Heimat geworden, aber mein Herz ist in der Ukraine geblieben“, beschreibt sie ihr Verhältnis zu den beiden Ländern.

Vater will das Land nicht verlassen

Sie sei vom Telefonanruf einer Freundin geweckt worden, erinnert sich Sobko an den Morgen des 24. Februar. „Tatjana, jetzt ist der Krieg da“, habe die Freundin gesagt. „Ich habe geweint, und meine Hände haben den ganzen Tag gezittert“, beschreibt die Lüdenscheiderin, was diese Nachricht bei ihr ausgelöst hat. Denn sie wusste: In der Ukraine, in einer Kleinstadt in der Oblast Schytomyr, etwa 140 Kilometer westlich von Kiew, lebt noch ihr 69-jähriger Vater. „Er will nicht raus dort, ich kann ihn nicht überreden“, sagt Sobko verzweifelt. Obwohl eigentlich nicht mehr wehrpflichtig, wolle ihr Vater im Land bleiben, sich um die Versorgung der Bevölkerung in seinem Heimatort kümmern.

Kontakt hatte Tatjana Sobko auch zu ihrem 47-jährigen Onkel, der zum Kriegsdienst eingezogen worden sei. Er habe sie allerdings gebeten, seine Frau und das gemeinsame fünf Monate alte Kind außer Landes zu bringen. Sobko sagte Hilfe zu, bot sogar an, noch weitere Frauen und Kinder mitzunehmen – so viele, wie ihr Auto fassen konnte, sieben weitere sollten mit zwei eigenen Autos hinterherfahren.

Also machte sich die Lüdenscheiderin am 25. Februar auf den Weg an die polnisch-ukrainische Grenze, während ihr Onkel ihr von der anderen Seite entgegenkam, sich mit Frau und Kind in den Strom der Flüchtlinge einreihte. Drei Tage habe er für die 350 Kilometer lange Strecke benötigt, so groß sei das Verkehrsaufkommen gewesen, berichtet Tatjana Sobko. Das Wenige an Proviant, das die Flüchtenden hatten mitnehmen können, hätten die Frauen den Kindern überlassen.

Sechs Frauen und sieben Kinder evakuiert

Entsprechend ausgehungert seien die Ukrainerinnen schließlich an der Grenze angekommen, berichtet Tatjana Sobko. Mit Hilfe ausländischer Journalisten habe sie die Frauen dort finden können. Dann ging es los in Richtung Westen, doch die 43-jährige Lüdenscheiderin hatte die Massen an ukrainischen Frauen, ihre verzweifelten Gesichter stets vor Augen. Wenn sie davon erzählt, schimmern ihre Augen feucht. Die polnische Bevölkerung sei aber sehr hilfsbereit gewesen, blickt Sobko dankbar zurück. Sie habe mit den geflüchteten Frauen und Kindern nicht nur kostenlos übernachten können, auch für die Verpflegung hätten polnische Helfer großzügig gesorgt.

In der Schule habe ich gelernt, wie man Handgranaten wirft. Ich würde das jetzt auch tun.

Tatjana Sobko, aus der Ukraine stammende Lehrerin der Realschule Werdohl

Fünf Mütter mit sieben Kindern und eine 68 Jahre alte Frau hat Tatjana Sobko aus dem Kriegsgebiet evakuieren können. Familiäre Beziehungen hat sie nur zu ihrer Tante mit Kind, die anderen Flüchtlinge waren ihr bisher mehr oder weniger unbekannt. Doch das spielt für sie keine Rolle. „Wenn ich meinen Vater schon nicht herausholen kann, kann ich vielleicht anderen Menschen helfen“, sagt sie.

13 Personen waren also vier Tage nach Kriegsausbruch in Sicherheit – aber wo sollten sie nun bleiben? Tatjana Sobko brachte alle erst einmal in der Einliegerwohnung ihres Hauses im Lüdenscheider Stadtteil Rathmecke unter. Sobkos Werdohler Lehrerkollegen haben die leerstehende Wohnung mit allem ausgestattet, was man für das tägliche Leben braucht. Auch an Spielzeug für die Kinder haben sie gedacht. Jetzt teilen sich die 13 ukrainischen Flüchtlinge 80 Quadratmeter Wohnfläche, schlafen zum Teil auf Matratzen auf dem Boden. Eine Mutter wird mit ihren Kindern bald umziehen können, für sie wird gerade eine Wohnung in Werdohl hergerichtet.

An der polnisch-ukrainischen Grenze hat Tatjana Sobko (2. von links) die Frauen und ihre zum Schutz vor der Kälte in Decken gewickelten Kinder abgeholt.
An der polnisch-ukrainischen Grenze hat Tatjana Sobko (2. von links) die Frauen und ihre zum Schutz vor der Kälte in Decken gewickelten Kinder abgeholt. © Sobko

Doch auch wenn die Ukrainerinnen mit ihren Kindern jetzt 1800 Kilometer von ihrer Heimat entfernt in Sicherheit leben, kreisen ihre Gedanken um das schreckliche Geschehen in ihrer zerbombten Heimat. Sie sorgen sich um ihre Ehemänner, die Väter ihrer Kinder. Immerhin können sie bis jetzt den telefonischen Kontakt in die Ukraine aufrecht erhalten. „In den Gesprächen geht es aber nur um den Krieg, für Privates ist da kein Platz“, verrät Tatjana Sobko. Auch über das Internet verfolgen die Geflüchteten mit bangen Gedanken, was in der Ukraine passiert. Dabei hoffen sie darauf, dass der Schrecken des Krieges bald ein Ende hat und sie wieder nach Hause zurückkehren können.

Zweite Füchtlingswelle wird kommen

Tatjana Sobko ist realistisch und glaubt nicht so recht daran, dass der russische Präsident Wladimir Putin, der der Ukraine diesen Krieg aufgezwungen hat, bald aufgibt. Und sie kann nicht verstehen, warum dieser Krieg überhaupt ausgebrochen ist. Die Ukraine habe nie zu Russland gehört, betont Sobko, die dort in der 1980er- und 1990er-Jahren mit der ukrainischen Kultur aufgewachsen ist und beispielsweise die russische Sprache nur als Fremdsprache in der Schule gelernt hat. Und noch etwas hat sie dort gelernt: Wie man Handgranaten wirft. Die würde sie jetzt auch werfen und damit für eine freie Ukraine kämpfen, versichert die 43-Jährige.

Doch so weit, dass Tatjana Sobko in den Krieg zieht, wird es nicht kommen. Sie verfolgt eine andere Mission und scrollt auf ihrem Smartphone durch die Telegram-Gruppe „Evakuierung Ukraine“. Mehr als 6000 Menschen haben sich dort angemeldet, Menschen, die aus der Ukraine nach Deutschland geflohen sind, Menschen in Deutschland, die Geflüchteten helfen wollen. Täglich werden es mehr. Denn Tatjana Sobko weiß: „Wer jetzt schon aus der Ukraine geflüchtet ist, hatte Kontakte im Ausland oder Geld.“ Für die nächsten Tage und Wochen erwartet die 43-Jährige eine zweite Welle: „Dann kommen diejenigen, die bis zum Schluss gehofft haben, dass dieser Horror aufhört.“

Tatjana Sobko hat schon geholfen, doch sie will noch mehr Menschen in Sicherheit bringen. Sie hat Kontakt zu einem ukrainischen Busunternehmen geknüpft, das Flüchtlinge bis an die Landesgrenzen bringen würde, nur gegen Erstattung der Treibstoffkosten. Deshalb will die Lehrerin nun Geld sammeln, um das zu ermöglichen. „Ich will so vielen Frauen und Kinder wie nur irgend möglich die Flucht ermöglichen“, definiert sie ihr Ziel und hofft, dass sie in Werdohl, Lüdenscheid und Umgebung Unterstützer für diese Idee findet. „Jetzt ist ein richtiger Zeitpunkt, um Menschen zu helfen“, appelliert sie.

Dann meldet sich Oksana Kopatsch zu Wort, Tatjana Sobkos Tante. Sie hat das Gespräch in der ihr fremden Sprache schweigend verfolgt, zwischendurch auf einige Fragen geantwortet, die ihre Nichte übersetzt hat. Zum Schluss möchte sie noch etwas Wichtiges mitteilen. „Velyke spasybi narodu Nimechchyny“, sagt sie auf Ukrainisch. „Vielen Dank an die Menschen in Deutschland“, übersetzt Tatjana Sobko.

Spendenkonto: Bei der Sparkasse Dortmund hat Tatjana Sobko ein Konto eingerichtet, auf das Spenden zur Finanzierung der Flucht aus der Ukraine eingezahlt werden können. IBAN: DE78 4405 0199 0802 5274 46

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