Werdohler Innenstadt steht noch vergleichsweise gut da

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Am Anfang der Fußgängerzone in der Freiheitstraße stehen seit längerer Zeit Teile der alten Post im Erdgeschoss leer. Das Gebäude wird von der Deutschen Post allerdings weiterhin genutzt.

Werdohl - Onlineshopping und Einkaufszentren auf der grünen Wiese sind eine harte Konkurrenz für den Einzelhandel vor allem in kleineren Städten. Das bekommt natürlich auch Werdohl zu spüren, wo es im Innenstadtbereich einige leerstehende Ladenlokale gibt.

Im Vergleich zu einigen umliegenden Kommunen steht die Stadt an Lenne und Verse mit ihren Einkaufsmöglichkeiten in der City aber noch besser da – finden zumindest die Experten der heimischen Wirtschaftsförderung, Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer (SIHK) sowie Immobilienmakler und nehmen im Gespräch mit unserer Zeitung eine Bestandsaufnahme vor.

Wie sieht aktuell die Situation aus?

„Natürlich gibt es auch hier Leerstände. Aber seit ich 2009 in Werdohl angefangen habe, hat sich die Anzahl der leerstehenden Ladenlokale vielleicht in den Nebenstraßen des Zentrums, aber nicht in der Fußgängerzone vermehrt“, sagt Andreas Haubrichs, Wirtschaftsförderer bei der Stadt Werdohl. Mit der früheren Commerzbank-Filiale und Teilen der alten Post stünden allerdings zwei größere Gebäude in jeweils exponierter Lage leer, die deshalb ins Auge fielen. „Aber da können wir leider nichts machen, weil in beiden Fällen noch ein Mietverhältnis besteht“, sagt Haubrichs.

Wie schätzen Immobilienexperten die Situation ein?

„Es gibt auch in Werdohl Schwierigkeiten, aber den Konkurrenzdruck des Onlinehandels und der Shoppingcenter, wo die Menschen mit dem Auto bequem fast bis in die Geschäfte fahren können, bekommt der Einzelhandel in allen Städten, selbst den größeren, zu spüren“, sagt Hakan Cici, stellvertretender Geschäftsführer von Cici Immobilien. Im Gegensatz zu beispielsweise Altena sei das Einzelhandelsangebot in Werdohl noch deutlich ausgeprägter. „Altena hat für die Größe der Stadt deutlich zu viele Ladenlokale“, sagt Cici. Die Innenstadt an sich sei zwar wunderschön, wenn aber mal ein gewisser Leerstandsgrad erreicht sei, der dort sicherlich bei mittlerweile mindestens 30 bis 40 Prozent liege, werde es schwierig, die Innenstadt noch einmal zu beleben.

„In der Werdohler Innenstadt gab es nie den großen Leerstand, der Mix an Angeboten ist weiterhin gut und die Infrastruktur für eine Stadt dieser Größe intakt. Werdohl droht derzeit also nicht das gleiche Schicksal wie Altena, hier ist man gut positioniert“, sagt Lavinia Heße, Direktorin Vertrieb bei der Volksbank im Märkischen Kreis. Die wenigen Leerstände im Werdohler Innenstadtbereich – beispielsweise versucht die Volksbank schon längere Zeit, ein Ladenlokal im Ärztehaus am Friedrich-Keßler-Platz, in dem früher ein Bäcker und Metzger untergebracht waren, wieder zu vermieten – seien zwar nicht schön, aber gut auszuhalten.

Für die Vereinigte Sparkasse im Märkischen Kreis sagt Immobilienvermittler Rolf Weißpfenning: „Die Vermietung von Objekten mit Einzelhandelsflächen wird generell immer problematischer. Deshalb gilt es, sich Lösungen zu überlegen.“

Wie wirken sich die Leerstände auf den Immobilienmarkt aus?

Die Mietpreise für Ladenlokale sind in Werdohl rückläufig. „Verglichen mit DM-Zeiten, werden einige Immobilien jetzt bis zu 50 Prozent günstiger angeboten. Dennoch finden sich immer weniger Personen, die bereit sind, in die Selbstständigkeit zu gehen und ein Geschäft zu eröffnen“, sagt Hakan Cici, der einige leerstehende Ladenlokale im Bahnhofsumfeld hat. Auch Pächter für Gastronomieflächen zu finden, werde immer schwieriger.

Warum steht Werdohl noch vergleichsweise gut da?

Andreas Haubrichs sieht ein außergewöhnlich hohes Engagement der Einzelhändler: „Wir haben viele inhabergeführte Geschäfte, deren Besitzer sich einbringen. Zudem ist auch die Zusammenarbeit mit dem WK-Warenhaus wirklich gut.“ Seit 2009 gibt es zudem das Netzwerk Einzelhandel, das Haubrichs leitet. „Das nächste Treffen ist bereits in diesem Monat. Dann werden wieder Planungen, Ideen, Bedürfnisse und Probleme angesprochen. Die Einzelhändler fühlen sich mitgenommen“, sagt der Wirtschaftsförderer, der aber speziell im Bereich Leerstandsmanagement gerne aktiver seien würde: „Aber das kann ich erst, wenn die Immobilienbesitzer aktiv auf mich zukommen, ansonsten sind mir die Hände gebunden.“

Für das leerstehende Ladenlokal im Ärztehaus versucht die Volksbank schon längere Zeit, eine Nachnutzung zu realisieren.

Auch Stephanie Erben von der SIHK und Lavinia Heße loben die gute Zusammenarbeit von Einzelhändlern und Stadt/Wirtschaftsförderung. „Es gibt viele Aktivitäten; und auch die Aufwertung des Bereichs entlang der Lenne trägt sicherlich zur Attraktivitätssteigerung der Innenstadt bei“, sagt Heße.

Was tut sich derzeit in der Innenstadt?

Aus städtischen Mitteln werden in diesem Jahr die Vordächer an den Geschäften in der Freiheitstraße sowie das Stadtmobiliar renoviert. „Ein Ladenlokal an der Neustadtstraße wird wieder belebt. Dort entsteht ein Shisha-Café. Die Renovierungsarbeiten laufen schon“, sagt Hakan Cici. Zudem soll nach Informationen unserer Zeitung auch im Eingangsbereich der Bahnhofstraße, wo bis zum Umzug im vergangenen Jahr das Beauty-Center Groll seine Pforten öffnete, ein Shisha-Café eröffnen.

Wie stellen sich die Werdohler Einzelhändler auf die Online- und Center-Konkurrenz ein? Werdohl ist eine der Teilnehmerkommunen am „Projekt Einzelhandelslabor“, bei dem auch kleinere Läden fit für die Zukunft gemacht werden sollen. „Da gibt es viele Möglichkeiten, beispielsweise das ,Click-and-Collect-Verfahren’, bei dem eine Online-Bestellung in einem stationären Einzelhandelsgeschäft abgeholt wird“, erklärt Haubrichs. Gingen die Einzelhändler diesen eingeschlagenen Weg konsequent weiter, sei es „nur eine Frage der Zeit, bis die Leerstände zumindest in den 1a-Lagen wieder der Vergangenheit angehören“, ist Haubrichs überzeugt.

Auch die SIHK bietet mit Aktionstagen wie dem „Heimatshoppen“ (siehe Infobox) immer wieder Veranstaltungen, um den lokalen Einzelhandel zu stärken.

Was können weitere Möglichkeiten sein, den Leerstand zu reduzieren? Wo es möglich ist, könnten leere Einzelhandelsflächen in Wohnraum umgestaltet werden. „Denn die Nachfrage nach barrierefreien und zentrumsnahen Wohnungen, die dicht an allen Versorgungseinrichtungen liegen, ist in der gesamten Immobilienbranche ein großes Thema“, sagt Rolf Weißpfennig.

Renovierungsarbeiten: Nach dem Umzug des Beauty-Centers Groll zur Bahnhofstraße 13 wird das frühere Ladenlokal derzeit renoviert.

Dass genau an diesen Wohnungen in Werdohl ein großer Mangel herrsche, weiß auch Hakan Cici. „Allerdings ist es häufig durch Vorgaben im Bebauungsplan gar nicht möglich, Ladenlokale in Wohnungen umzuwandeln, zudem ist das im Erdgeschossbereich manchmal nur bedingt sinnvoll“, so Cici.

Wie sind die Zukunftsaussichten für den Werdohler Einzelhandel?

„Gelingt es, junge Menschen in Werdohl zu halten und die Stadt damit weiterhin zu einer lebenswerten zu machen, kann es mit dem Einzelhandel auch weiterhin funktionieren“, sagt Lavinia Heße.

Andreas Haubrichs klingt als heimischer Wirtschaftsförderer noch zuversichtlicher: „Wir haben in der Vergangenheit schon viele gute Maßnahmen getroffen und bleiben weiterhin am Ball. Derzeit kommen viele Menschen aus den umliegenden Städten zum Einkaufen zu uns. Das soll so bleiben.“

Auch für Hakan Cici wird es in Werdohl weiterhin ein Einzelhandelsangebot geben. Cici spricht dabei aber eher von einer Grundversorgung, denn der Onlinehandel werde stetig zunehmen: „In 20 Jahren bestellt auch jeder Rentner wie selbstverständlich bei Amazon.“

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