26-Jährige lernte in Werdohl

Landesbeste: Sattlerin Laura Moll ist Siegerin ihres Ausbildungsjahrgangs

Mit ihrem Werkzeug kann Laura Moll gut umgehen. Der 26-Jährigen, die in der Sattlerwerkstatt von Henrik Bösener in Ütterlingsen gelernt hat, macht im ganzen Land so schnell niemand etwas vor.
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Mit ihrem Werkzeug kann Laura Moll gut umgehen. Der 26-Jährigen, die in der Sattlerwerkstatt von Henrik Bösener in Ütterlingsen gelernt hat, macht im ganzen Land so schnell niemand etwas vor.

Im zweiten Anlauf scheint Laura Moll ihren Traumjob gefunden zu haben. In der Sattlerei von Henrik Bösener in Ütterlingsen hat die 26-jährige eine Ausbildung zur Sattlerin absolviert – und jetzt mit außerordentlichem Erfolg abgeschlossen. Sie ist Kammer- und Landessiegerin des Ausbildungsjahrgangs geworden.

Werdohl ‒ Das Berufsleben hatte für die junge Siegenerin vor zehn Jahren begonnen wie für viele andere junge Leute ihrer Generation: Mit einer Berufsausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation. Nach bestandener Abschlussprüfung arbeitete Laura Moll auch noch drei Jahre in dem Beruf, hängte sogar noch die Weiterbildung zur Fachkauffrau für Einkauf und Logistik dran. Doch irgendwie schien der Bürojob nicht das Richtige für sie zu sein. „Ich wurde immer unglücklicher, dann habe ich gekündigt“, blickt Moll zurück.

Sie sei sich sicher gewesen, dass „etwas Handwerkliches“ besser für sie sei, erzählt Laura Moll. „Ich habe damals auch schon selbst gerne an meinem Auto rumgeschraubt. Da habe ich zum Beispiel die Innenverkleidung ausgebaut und neu bezogen, aber das ist nix geworden“, berichtet sie von Bastelarbeiten an ihrem VW-Polo. Doch dieser Misserfolg schien eine Art Schlüsselerlebnis gewesen zu sein. „Ich habe dann ein Praktikum in einer Sattlerei gemacht und gemerkt: Diese Arbeit gefällt mir“, berichtet sie, was danach geschah.

Laura Moll machte sich also auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz, um das Sattlerhandwerk zu lernen. Kein ganz einfaches Unterfangen, denn Sattlerbetriebe sind dünn gesät, Lehrstellen nicht leicht zu finden. „Ich habe bestimmt bei zehn Betrieben im Umkreis von etwa 70 Kilometern von Siegen angefragt“, erinnert sich Moll. Auch bei Henrik Bösener in Ütterlingsen rief sie an. Der Sattlermeister, seit 2009 mit seiner Werkstatt in Ütterlingsen selbstständig, räumt ein, dass er einen Moment gezögert habe. Er habe aber schon am Telefon schnell gemerkt, dass der Berufswunsch der jungen Siegenerin nicht nur eine fixe Idee war. „Wir haben dann ein kleines Praktikum vereinbart und da habe ich schnell gemerkt: Die hat Geschick und handwerkliche Fähigkeiten, aber auch einen Blick für die Ästhetik“, erinnert sich Bösener, wie er sich schließlich dazu entschieden hat, erstmals eine Auszubildende einzustellen.

Auf das Prüfungszeugnis sind Laura Moll und ihr Ausbilder Henrik Bösener zu Recht stolz.

Er sollte die Entscheidung nicht bereuen. Laura Moll machte sich gut, hatte richtig Spaß an ihrer zweiten Berufsausbildung. „Dass man aus so einem großen Lappen Leder so tolle Sachen machen kann, und zwar nach ganz individuellen Wünschen“, gefalle ihr an dieser Tätigkeit, verrät die 26-Jährige, die gerne mit ihren Händen kreativ arbeitet. „Und man sieht abends, was man geschafft hat“, kann sie ihrer Tätigkeit eine weitere positive Seite abgewinnen.

Im Betrieb „Sitz und Sattel“ von Henrik Bösener konnte sie nicht nur ihre Kreativität ausleben, sondern auch ein wenig ihr Faible für Autos und alte Fahrzeuge mit der Arbeit verbinden. Denn dass in der Ütterlingser Werkstatt zwar auch kleinere Polsterarbeiten durchgeführt und hin und wieder Lederartikel repariert, aber überwiegend Sitzbänke und Sättel für alte Motorräder neue Lederbezüge erhalten oder ganz selten die Autositze von Oldtimern neu bezogen werden, gefällt Laura Moll nämlich auch sehr. So eine alte Motorrad-Sitzbank zu beziehen, sei schon eine Herausforderung, sagt sie. „Die Bezüge bestehen oft aus zwölf bis 15 Teilen, und das ist auch schon eine aufwendige Gesamtkonstruktion“, gibt sie einen kleinen Einblick in ihre Tätigkeit.

Die Arbeit mit Leder hat etwas Sinnliches, der Beruf des Sattlers ist anspruchsvoll. Sattler brauchen viel handwerkliches Geschick. Genauigkeit ist gefragt, denn Millimeter entscheiden, ob die Naht gerade oder schief ist. Jeder Handgriff muss sitzen, damit Schablonen exakt angefertigt werden, Lederteile genau entlang der Linie ausgeschnitten oder Ziernähte gerade in das Leder gestickt werden.

Ich habe schnell gemerkt: Die hat Geschick und handwerkliche Fähigkeiten, aber auch einen Blick für die Ästhetik.

Henrik Bösener, Sattlermeister und Ausbilder

All das beherrscht Laura Moll aus dem Effeff. „Besonders gerne arbeite ich mit dickerem, naturgegerbtem Leder“, verrät die frischgebackene Sattlergesellin. Das bearbeite sie dann mit speziellen Werkzeuge wie Viertelmond, Kantenzieher und Reifel. Bezeichnungen, die für den Laien wie böhmische Dörfer klingen. Laura Moll erklärt es: Mit dem Reifelholz markiert man den Abstand für eine Naht oder Verzierung entlang einer Lederkante, den Kantenzieher benutzt man zum Fasen von Lederkanten und Abrunden von Schnittkanten und der Viertelmond ist nichts anderes als ein Sattlermesser mit extrem harter und scharfer Klinge, das der Sattler – oder die Sattlerin – zum Zuschneiden des Leders verwendet.

Die Tatsache, dass Laura Moll so viel Freude an ihrer Arbeit hat, dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass sie ihre dreijährige Ausbildung fernab ihrer Siegener Heimat mit zwischenzeitlichen Berufsschul-Blockzeiten in Herford nicht nur durchgehalten, sondern auch mit außergewöhnlich großem Erfolg abgeschlossen hat. Mit ihrer Durchschnittsnote „sehr gut“ war sie zunächst Jahrgangsbeste der zuständigen Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe. Und dann erhielt sie die Nachricht, dass sie damit auch zur besten Sattler-Auszubildenden in ganz Nordrhein-Westfalen gekürt wurde.

Bei der Arbeit kommt es oft auf Millimeter an, Laura Moll ist deshalb konzentriert bei der Sache.

Weil aufgrund der Corona-Beschränkungen keine gesonderte Prüfung mehr absolviert werden konnte, waren zur Ermittlung des Landessiegers die Noten der Abschlussprüfung zugrunde gelegt worden. Auf diese Weise soll nun auch noch der Bundessieger ermittelt werden. Laura Moll ist jetzt ganz gespannt, wie sie mit ihren Noten auf höchster Ebene abschneidet. Die Entscheidung soll noch in diesem Monat fallen.

Mittlerweile arbeitet sie als Sattlergesellin bei Henrik Bösener. Zwar hat ihr der 55-jährige nur eine halbe Stelle anbieten können, aber das macht Laura Moll nicht so viel aus. „Geld ist nicht das Wichtigste“, versichert sie glaubhaft. Wichtiger ist ihr, dass sie eine Arbeit gefunden hat, die sie erfüllt und die ihr Spaß macht.

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