Nach dem ersten Triell

Laschet, Scholz oder Baerbock? So sieht die politische Basis in Werdohl und Neuenrade den Wahlkampf

Am Sonntagabend fand im RTL-Fernsehen das erste TV-Triell statt.
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Am Sonntagabend fand im RTL-Fernsehen das erste TV-Triell statt.

Das erste so genannte Triell – das Aufeinandertreffen der Spitzenvertretungen von CDU, SPD und Grünen mit ihren Kandidaten und der Kandidatin für das Kanzleramt – wurde am Sonntagabend im Privatfernsehen ausgestrahlt.

Wie kommen Armin Laschet, Olaf Scholz und Annalena Baerbock bei der Ortspolitik an? Dazu haben wir beim Werdohler CDU-Ortsunionsvorsitzenden Detlef Seidel, beim Werdohler SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Björn Walocha und bei der Neuenrader Grünen-Sprecherin Christiane Vollmer den Puls gefühlt. Die Drei kommen in der Reihenfolge der Bedeutung im aktuellen Deutschen Bundestag zu Wort.

Detlef Seidel (CDU) hat sich als einziger der Drei die TV-Übertragung zeitversetzt angeschaut. Die allgemeine Entwicklung im Wahlkampf sieht er so: „Wer eine unglückliche Figur macht, verliert bei den Unentschlossenen.“ Seidel: „Aber wer kümmert sich um die Sachthemen, wenn später regiert werden muss?“ Bei der Vermittlung des eigenen Wahlprogramms habe ihm deshalb Armin Laschet gut gefallen, er habe es geschafft, Inhalte ins Triell zu bringen. Olaf Scholz verwalte seine Position lediglich, die sich durch das Agieren der anderen ergeben habe.

In der Presseschau am anderen Tag habe er erfahren, dass die Medien Laschet als kämpferisch erlebt hätten. Kritisch sieht Seidel an Scholz, dass er sich nicht auf Aussagen zu möglichen Koalitionen nach dem Wahltag festlegen wolle. „Was ist nach dem 26. September? Welche Himmelsrichtung wird eingeschlagen?“ fragt Seidel. Der Wähler müsse zum Beispiel wissen, ob die SPD der Linken eine Regierungsbeteiligung einräume.

Detlef Seidel ist Vorsitzender der CDU-Ortsunion Werdohl.

Betrachtung aus wirtschaftlichem Blickwinkel

Detlef Seidel ist ein Mann der Wirtschaft und aus dieser Sicht betrachtet er auch den Wahlkampf. Das Geld für die Bewältigung des Klimawandels und die Finanzierung der Umweltschäden müsse erstmal verdient werden. Wirtschaftspolitisch sei von Baerbock „sowieso nichts“ und von Scholz „nur wenig“ gekommen. Arbeit und Ausbildung seien wichtige Themen in diesem Zusammenhang, davon habe er im Fernsehen kaum etwas gehört. Für diese Aufgaben habe die CDU die bessereren Rezepte, meint Seidel. Mit Verboten und Steuererhöhungen könne man nichts erreichen.

„Ich bin überzeugt davon, dass Paul Ziemiak das Direktmandat holt“, ist Seidel von der Arbeit des CDU-Generalsekretärs aus Iserlohn überzeugt. „Er ist oft in der Region, er ist gut vernetzt, er spricht viel mit den Leuten, er kennt den Wahlkreis – das ist vorteilhaft für unsere Region in Berlin.“ Der Ausgang der Bundestagswahl sei aber längst nicht entschieden: „Wir werden noch Überraschungen erleben.“

SPD-Politiker: Laschet macht zu viele Patzer

Björn Walocha, erst seit kurzer Zeit Werdohler SPD-Chef, hat sich das Triell nicht angeschaut, will das aber noch nachholen. Stattdessen habe er kurz Paul Ziemiak bei Anne Will gesehen: „Sein Verhalten war verzweifelter Art.“ Walocha will in den Umfragen nach dem TV-Triell einen Vorteil für Scholz gesehen haben, Laschet habe noch hinter Baerbock gelegen. Im ganzen Wahlkampf habe Laschet zu viele Patzer gemacht: „Er hat sich nicht so präsentiert, wie es sich für einen Kanzler geziemt.“ Walocha: „Ich kann den Mann nicht ernst nehmen. Er wirkt wie ein Fähnchen im Winde. Er möchte zwar gerne, aber es fehlt im das gewisse Etwas.“

Björn Walocha ist Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Werdohl.

Olaf Scholz hingegen fahre einen Kurs, den er auch nach der Wahl beibehalten werde. Den Höhenflug der Annalena Baerbock bewertet Walocha als einen „Hype“. Für das Format einer Kanzlerin sei sie im Augenblick noch zu jung, sie eigne sich nach Ansicht von Walocha für ein anderer politisches Amt.

Dagmar Freitag (SPD): „Unterschiede wurden schon sehr deutlich“„

„Nett und unterhaltsam“ – so lautet Dagmar Freitags Urteil über das Triell der drei Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers. „Die Unterschiede wurden schon sehr deutlich“, sagte die SPD-Bundestagsabgeordnete nach der ersten Fernsehdebatte mit Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz. Klar, dass der SPD-Bewerber von ihr die meisten Punkte bekommt: „Sachlich und faktensicher“ sei Scholz gewesen. „Dass manche Menschen Olaf Scholz etwas dröge finden, muss kein schlechtes Merkmal sein. Das ist allemal besser als so ein Dampfplauderer“, sagt sie mit verstecktem Hinweis auf Laschet , bei dem sie „verzweifelte Angriffsposition“ ausgemacht hat. Auch Annalena Baerbock habe gegen Scholz nicht punkten können – „man merkt, dass ihre jegliche Regierungserfahrung fehlt“.

Die Linken als möglichen Koalitionspartner der SPD hält Walocha für schwierig: „Auf Bundesebene passt das nicht.“ Die Chancen der SPD-Wahlkreiskandidatin Bettina Lugk seien „auf jeden Fall vorhanden“, so Walocha: „Sie ist jung, sie lässt sich aufs Sauerland ein.“

Christiane Vollmer: Zeit wohl noch nicht reif für eine Kanzlerin der Grünen

Die Neuenrader Grünen-Sprecherin Christiane Vollmer hat das Triell nicht angeschaut, aber die Zeitungen dazu gelesen. Im Faktencheck sei Annalena Baerbock am besten weggekommen, so hat Vollmer gelesen. Aber die Zeit sei wohl noch nicht reif für eine Kanzlerin der Grünen. „Es ist eine Sache von jung sein und von Frau sein. Viele Wähler haben Angst vor zu großen Veränderungen.“ Dass die große Aufgabe des Klimaschutzes ganz dringend jetzt angegangen werden müsse, steht für die Grünen-Sprecherin außer Frage. Es sei aber für manche Menschen zuviel, was an Notwendigkeiten auf sie einstürze. Sie glaube, dass viele Menschen nach Angela Merkel so eine Art verlässliche Kohl-Figur im Kanzleramt haben wollten. Scholz verkörpere das eher als Laschet. Scholz verbreite Ruhe und Autorität. Das „Rheinländische“ in Armin Laschet sei schwierig: „Wer weiß, ob er morgen das tut, was er heute sagt.“

Christiane Vollmer ist Sprecherin der Neuenrader Grünen.

Vollmer sieht den Wahlausgang so: „Mehr als 20 Prozent kriegen wir nicht. Ob Scholz oder Laschet gewinnt, hängt von Ereignissen ab, die noch kommen werden.“ Eine Koalition von CDU, Grünen und FDP berge viele Spannungen: „Da wird es zu Enttäuschungen kommen.“ Furcht habe sie, dass keine Regierung zustande komme, weil die jeweilige Parteibasis den Koalitionen nicht zustimme.

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