Wahlkampf zwischen Elend und Atomangst

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Am 2. Oktober 1946 kam in der Düsseldorfer der erste Landtag zusammen. Er war nicht gewählt, sondern von der britischen Besatzungsmacht ernannt worden. Die Briten saßen deshalb auch mit am Tisch und an der Wand hinter dem Orchester, das zu diesem Anlass aufspielte, hing der Union Jack an der Wand.

Werdohl -  Den 17. Landtag wählen die Menschen in Nordrhein-Westfalen am 14. Mai. In Werdohl sind 12 300 Menschen wahlberechtigt – etwa genau so viele wie vor 70 Jahren, als der erste Landtag für ein Bundesland NRW gewählt wurde, das es eigentlich noch gar nicht gab.

Am 20. April 1947 fand die erste nordrhein-westfälische Landtagswahl statt. Die Menschen hatten nach dem Krieg einen Hungerwinter hinter sich und ein Dürrejahr vor sich. Deutschland bestand aus vier Besatzungszonen, die oberste Gewalt hatten die Militärregierungen der vier alliierten Siegermächte. Tausende Menschen waren immer noch in Kriegsgefangenschaft, tausende befanden sich auf einer großen Flucht- und Wanderbewegung von Osten nach Westen.

Seit dem 23. August 1946 gab es innerhalb der britischen Zone das Land Nordrhein-Westfalen, entstanden durch eine Verordnung der Militärregierung, die die ehemals preußischen Provinzen Westfalen und Rheinland aufgelöst hatte. Im Januar 1947 wurde noch Lippe-Detmold angegliedert.

Als der erste „richtige“ Landtag gewählt wurde, gab es noch keine Bundesrepublik Deutschland. Also war NRW auch noch kein Bundesland, sondern ein Gebiet, von dem niemand wusste, was einmal daraus werden würde. NRW hatte auch noch keine Verfassung, und der 1946 eingesetzte Landtag bestand aus je 100 nordrheinischen und westfälischen Abgeordneten, die die Briten ernannt hatten.

Freie Wahlen erst ab 1947

Die Nordrhein-Westfalen durften ihre Landesvertretung erst im Frühjahr 1947 selbst wählen. Statistische Daten für Werdohl gibt es aus dieser Zeit kaum. Der Süderländer Volksfreund, die traditionsreiche Tageszeitung für Werdohl, durfte erst ab November 1949 wieder erscheinen, konnte also nicht über diese Landtagswahl berichten. Die Plakate, mit denen die Parteien für sich warben, reflektierten in eindringlicher Weise das Ausmaß des Leids und der Zerstörungen. Hunger, Obdachlosigkeit und die Eingliederung von Millionen von Flüchtlingen waren die zentralen Themen. Zugleich wurde vor dem dunklen Hintergrund des Elends eine demonstrative Aufbruchsstimmung deutlich.

Landesweit entfielen 37,5 Prozent der gültigen Stimmen auf die CDU, 32 Prozent auf die SPD, 14 Prozent auf die KPD, 9,8 Prozent auf das Zentrum, 5,9 Prozent auf die FDP und 0,8 Prozent auf sonstige Parteien und unabhängige Kandidaten.

Werdohler kandidieren

Im Juni 1950 wurde der zweite Landtag gewählt. Und in der lokalen Presse wurde diesmal natürlich ausgiebig darüber berichtet. Bei einer Wahlbeteiligung von 82 Prozent schnitten in Werdohl die heute noch bekannten Parteien am besten ab: Die CDU holte 44,2 Prozent der Stimmen, auf die SPD entfielen 38,4 Prozent und für die FDP stimmten 11,7 Prozent. Das entsprach in etwa dem Landesergebnis, nur die CDU, die im Wahlkreis Altena-Ost mit dem Werdohler Bürgermeister Peterheinrich Kirchhoff angetreten war, hatte an Lenne und Verse etwas besser abgeschnitten. Die FDP hatte übrigens einen gewissen Alfred Colsman ins Rennen geschickt, den Werdohler Luftfahrtpionier und Architekten des Zeppelin-Konzerns.

Der Werdohler Peterheinrich Kirchhoff verpasste bei der Landtagswahl 1950 ein Direktmandat.

Das Direktmandat im Wahlkreis gewann mit 36,7 Prozent aber ein anderer Werdohler: Walter Voss, 40 Jahre alt, stellvertretender Bürgermeister und SPD-Ortsvereinsvorsitzender in Werdohl.

Abstimmung über Verfassung

Gleichzeitig hatten die Werdohler wie auch alle anderen im Land in einem Volksentscheid über die Landesverfassung abgestimmt. FDP und SPD hatten dazu aufgerufen, dieses „Grundgesetz“ für NRW abzulehnen. Justizminister Artur Sträter hatte dagegen noch vier Tage vor der Abstimmung bei einer öffentlichen Kundgebung im Hotel Zur Post für den Gesetzentwurf geworben. In Werdohl gab es dann eine knappe Mehrheit von 51,3 Prozent – und fast sieben Prozent ungültige Stimmen. „Die hohe Zahl der ungültigen Stimmen und die geringe Beteiligung ... zeigen, dass man der Verfassung doch ziemlich zugeknöpft gegenübersteht“, schrieb der Kommentator im Süderländer Volksfreund.

Persönliche Angriffe

Vier Jahre später schlugen die Wellen im Werdohler Landtagswahlkampf hoch. Vor allem zwischen CDU und FDP kam es zum Streit mit teilweise persönlichen Angriffen. Die Liberalen warfen dem CDU-Kandidaten, Pastor Gerhard Bergmann aus Halver, „unchristliche und untolerante Angriffe gegen die FDP“ vor. Die CDU kontert mit einem Angriff auf den FDP-Kandidaten Wolfram Dorn: Der damals gerade 29-jährige Werdohler, der viel später Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium wurde, habe keinen Beruf gelernt und sei erst 1953 in die Kirche eingetreten.

Todesnachricht vor der Wahl

Bei der Landtagswahl 1954 holte Dorn dann in Werdohl 19,3 Prozent der Stimmen, die CDU kam nur noch auf 34,4 Prozent und musste die SPD, die mit Landrat Fritz Hesse (Altena) angetreten war und 37,6 Prozent holte, vorbeiziehen lassen. Das Direktmandat im Wahlkreis fiel erneut der SPD zu.

Fritz Hesse, Landrat aus Altena, war Mitglied des ersten, dritten und vierten Landtags.

Die Wahlen zum vierten Landtag am 6. Juli 1958 wurden überschattet vom plötzlichen Tod des Ministerpräsidenten Karl Arnold nur eine Woche vor der Wahl. Der Wahlkampf war jedoch von der Bundespolitik beeinflusst. Besonders die Atompolitik Adenauers stand im Fokus der Diskussion. Die Bundesregierung sah sich offenbar genötigt, sie in großformatigen Zeitungsanzeigen zu verteidigen.

Markige Worte von SPD und CDU

Die SPD hielt dagegen: „Alle, die der Adenauer-Partei ihre Stimme geben, werden sich für den Atomtod und den Untergang Deutschlands entscheiden“, ließ sich Erwin Welke, der Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Altena-Lüdenscheid-Olpe, wenige Tage vor der Wahl in dieser Zeitung zitieren.

Die CDU, für die ein gewisser Walter Hostert aus Lüdenscheid antrat, antwortete mit einer gereimten Anzeige: „Wer gegen die Bewaffnung redet und Kanzler Adenauer befehdet, der sieht im Osten nur die Morgensonne und nicht die rote Marschkolonne!“

Die nationalkonservative Deutsche Partei (DP) verzichtete im hiesigen Wahlkreis auf eine Kandidatur und rief zwischen Annoncen für Perlonteppiche, Gebisshaftcreme und Bier dazu auf, stattdessen die CDU zu wählen. Viel geholfen hat das der Union nicht: In Werdohl holte sie mit 38,9 Prozent zwar 4,5 Prozent mehr als vier Jahre zuvor, aber die SPD konnte noch mehr zulegen: um 6,9 auf 44,5 Prozent.

Landrat Hesse wurde wieder direkt in den Landtag gewählt. Aber auch der Werdohler FDP-Politiker Wolfram Dorn, der es bereits 1954 über die Landesliste seiner Partei ins Parlament geschafft hatte, zog wieder in den Landtag ein. In seiner Heimatstadt hatte er diesmal allerdings nur 15,4 Prozent der Stimmen geholt.

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