Landtagswahl historisch: SPD-Allzeithoch und FDP-Absturz in Werdohl

+
Im Landtagswahlkampf 1966 setzte die Werdohler FDP auch auf prominente Unterstützer. Das Foto zeigt den Landtagskandidaten Ernst Dierig (Mitte) mit dem NRW-Innenminister und stellvertretenden Ministerpräsidenten Willi Weyer (rechts) und dem FDP-Bundestagsabgeordneten Wolfram Dorn (links).

Werdohl - Der Wandel vom Wirtschaftswunderland nach dem Krieg zum Staat moderner Prägung spiegelt sich in den Landtagswahlkämpfen der 1960er- und frühen 1970er-Jahre wider. Dabei nimmt der Wahlkampf 1975 allerdings eine Sonderrolle ein.

„Frieden, Arbeit und Ordnung“ lautete der Slogan der CDU im Jahr 1962. Auffällig: Erstmals verzichtete die Union auf die Formulierung christlich-katholischer Ziele, um mehr evangelische Wähler zu gewinnen. Insgesamt zielten die Kampagnen darauf ab, mehr Nichtwähler an die Urnen zurückzuholen, denn bei der Landtagswahl 1958 war die Wahlbeteiligung auf rund 75 Prozent gesunken. Von „Bürgerpflicht“ war die Rede. Erfolg hatte das nicht: 73,5 Prozent der Wahlberechtigten geben ihre Stimme ab. Landesweit verlor die CDU ihre absolute Mehrheit, woran auch die Werdohler Wähler ihren Anteil hatten. 52,5 Prozent holte hier der 44-jährige Werdohler Günther Trommer für die SPD, die damit in Werdohl erstmals mehr als die Hälfte der Stimmen holte. Auch im gesamten Wahlkreis gehörte ihm die Mehrheit (48,4 Prozent) und damit das Direktmandat.

Vier Jahre später trat Trommer zwar aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an, aber der neue SPD-Kandidat, der Plettenberger Heinz Chmill, holte mit 52,8 Prozent im gesamten Wahlkreis sogar noch mehr Stimmen. In Werdohl gab es für die SPD mit 56,1 Prozent so viele Stimmen wie nie zuvor, was den allgemeinen Landestrend widerspiegelte. Die SPD konnte von der ersten Rezession in der Bundesrepublik profitieren, wurde stärkste Fraktion in Düsseldorf und verfehlte nur knapp die absolute Mehrheit (49,5 Prozent). Übrigens: Der Aufforderung der NPD, Wahlzettel ungültig zu machen, hat die Werdohler kaum erreicht: 113 Stimmzettel waren bei dieser Wahl ungültig, 14 weniger als bei der Landtagswahl 1962.

Die Landtagswahl 1970 war die erste Wahl seit der Verlängerung der Legislaturperiode des Landtags auf fünf Jahre und der Senkung des Wahlalters von 21 auf 18 Jahre. Letzteres war wohl auch ein Grund dafür, dass die SPD erneut gut abschnitt: Heinz Chmill holte in Werdohl erneut die absolute Mehrheit der Stimmen und gewann auch wieder das Direktmandat. Die FDP dagegen rutschte mit dem 26-jährigen Karl-Werner Lohmann in Werdohl erstmals unter die Marke von 1000 Stimmen.

Die Landtagswahl 1975 stand dann deutlich im Schatten der ersten Kommunalwahl nach der kommunalen Neugliederung, in deren Verlauf unter anderem der Märkische Kreis entstanden war. Deshalb wurden auch die Wahlkreise neu geordnet, sodass Werdohl nun zusammen mit Altena, Herscheid, Meinerzhagen, Nachrodt-Wiblingwerde, Neuenrade und Plettenberg den Wahlkreis 128 (Lüdenscheid I) bildete. Im Kandidatenkreis tauchte neben Heinz Chmill (SPD) der Neuenrader Bürgermeister Hans Schmerbeck auf, der für die CDU kandidierte. Im gesamten Wahlkreis holte Schmerbeck 43,7 Prozent und damit ein achtbares Ergebnis. In Werdohl stimmten aber mit 39,8 Prozent deutlich weniger Wähler für den Neuenrader. Doch auch Chmill kam mit 51,2 Prozent nicht mehr an sein Traumergebnis von 1970 heran. 47,4 Prozent im ganzen Wahlkreis reichten dem SPD-Mann aber erneut zum Direktmandat.

Der Wahlkampf hatte vor allem in der Schlussphase unter dem Eindruck des RAF-Terrors gestanden. Nach der Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm gut eine Woche vor der Wahl hatten die Parteien sogar auf Musik bei ihren Wahlkampfveranstaltungen verzichtet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare