Landgericht hat es mit einem schwierigen Beschuldigten zu tun

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Werdohl/Hagen - Ein 34-jähriger Werdohl steht vor dem Hagener Landgericht. In dem Verfahren gegen den psychisch kranken Beschuldigten geht es nicht um eine Haftstrafe, sondern um eine Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie.

Neun Vorfälle listet die Antragsschrift der Staatsanwaltschaft auf. In der Hans-Prinzhorn-Klinik in Hemer (HPK) zerlegte er das Mobiliar, warf mit Gegenständen, setzte sein Bett und einen Toaster in Brand und bedrohte Pflegekräfte mit einer abgebrochenen Neonröhre, bis ein Polizist seine Waffe zog.

Es ist ein schwieriger Beschuldigter, mit dem es die 6. große Strafkammer am Hagener Landgericht zu tun hat: Immer wieder missachtet der 34-Jährige die strengen Regeln des Strafprozesses, redet dazwischen und beklagt, was man ihm alles angetan hat. 

"Ich möchte sofort nach Hause"

„Ich möchte sofort nach Hause. Ich möchte ein ganz normales Leben führen“, lässt er die Kammer zu Beginn des zweiten Verhandlungstages wissen. Und er überschätzt die Möglichkeiten eines Arztes, der von dem zehnjährigen Aufenthalt in der forensischen Klinik in Lippstadt-Eickelborn und einem Tritt gegen sein Bein berichtet: „Für mich wär es gut, wenn Sie dafür wären, dass ich sofort gehen kann.“ 

Der Beschuldigte weiß, dass es einen deutlichen Graben zwischen seiner Weltsicht und der Sicht der vielen weiteren Prozessbeteiligten gibt: „Sie wollen mir meine Realität wegnehmen“, beharrt er auf seiner Sicht, dass es die Kliniken, deren Mitarbeiter und die ihm verordneten Medikamente seien, die ihn krank machen: „Das ist eine Psychiatrie – die sind alle gegen mich“ behauptet er und leitet daraus das Recht ab, sich vor allem gegen die verordnete Unfreiheit zu wehren. „Seit zehn Jahren bin ich da, und keiner von den Leuten hat mich respektiert“, klagt er über die mangelnde Wertschätzung seiner Persönlichkeit in Eickelborn. 

Von seinem angeblich großartigen Selbst zeichnet er ein eher fantastisches Bild: Untastbar und berühmt sei er vor seiner Einweisung gewesen. „Andere haben gesagt: ,Du bist Gott’ – obwohl ich gar nicht Gott bin.“ Gut, dass auch das klargestellt wurde. Drogenkonsum, Rapmusik und Spaß – das sind die Dinge, die der 34-Jährige in der von ihm sehr eigenwillig interpretierten Tradition südamerikanischer Stadtguerilleros erleben möchte. Dafür will er zurück nach Werdohl. 

Die beiden Schwestern sagen aus

Seine beiden Schwestern zeichneten gestern ein etwas anderes Bild von der Zeit nach seiner Entlassung aus Eickelborn: Nur für wenige Wochen habe ihr Bruder nach der Rückkehr nach Werdohl seine Medikamente genommen – dann sei er wieder in exzessiven Drogenkonsum abgerutscht. Cannabis, Amphetamin, Kokain, Heroin – offenbar ließ er nur das aus, was den südwestfälischen Markt noch nicht erreicht hat. Das Geld kam von der Sozialhilfe oder Familienmitgliedern, die er immer wieder anbettelte. „Wenn er die Tabletten nimmt, ist er ruhig und lebt vor sich hin“, erklärte eine der Schwestern. „Wenn er harte Drogen nimmt, verändert sich seine ganze Persönlichkeit.“ 

Schwierig war für den 34-Jährigen, der nicht gewillt war, sich an Rezepte und Regeln zu halten, das Zusammenleben mit der ebenfalls als sehr impulsiv geschilderten Mutter. Immer wieder gab es heftige Streitigkeiten – handgreiflich wurden diese offenbar aber nur ein Mal. Der Prozess wird am Dienstag ab neun Uhr fortgesetzt.

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