Lale Akgün räumt mit Klischees auf

Lale Akgün (links) musste nach der Lesung ihre Bücher signieren, die reißenden Absatz fanden.

WERDOHL ▪ Rund 100 Zuhörer waren am Dienstagabend in der Stadtbücherei – trotz gravierender technischer Probleme mit dem Mikrofon – von der mitreißenden Lesung Lale Akgüns begeistert.

Die 57-jährige Diplom-Psychotherapeutin lebt seit 49 Jahren in Deutschland. Ihre kurzen Haare und ihre rheinische Kodderschnauze sehen so gar nicht typisch für eine „tiefgläubige Muslima“, wie sie sich selbst bezeichnet, aus. Akgün ist eine Deutsche von nebenan. Einziger Unterschied: „Bei uns in der Familie duzte man sich nur im allerengsten Kreis. Alle anderen wurden gesiezt.“

Da war es für Lale Akgün ein Kulturschock, als sie als Jugendliche in die SPD eintrat, „denn Genossen sagen ‚Du‘ zueinander – alle, auch die Teenager sprachen mich vertraulich an`.“ Abgesehen davon aber sieht Akgün Parallelen zwischen der Partei und ihrer Familie. „In meiner Familie lieben sich alle sehr, was nicht von der Tatsache ablenkt, dass jeder mit einem kleinen Messer im Rücken rumläuft.“ Genauso sei es in der sozialdemokratischen Familie.

Dann schildert Akgün ihre Mutter: „Meine Mama ist die schrecklichste aller Mütter. Sie verfolgt mich auf Schritt und Tritt.“ Und sie wolle immer alles wissen und kommentieren. An welchen Genossen aus der SPD sie das erinnerte, verriet Akgün jedoch nicht. Aber sie berichtete, wie schockiert ihre Mutter von ihrer Bundestagskandidatur war. „Unser Ruf steht auf dem Spiel“, soll die Frau Mama gesagt haben. Denn: „Politiker waren mit den moralischen Vorstellungen meiner Familie nicht vereinbar.“

Aber immerhin entschied sie sich für die richtige Partei. „CDU-Mitglieder waren in unserer Familie eigentlich nicht tragbar“, erklärte Akgün, warum ihre Tante dieses Detail über ihren neuen Freund ein ganzes Jahr lang verschwieg. Doch als Lale Akgün in den Reichstag einzog, musste dieses Geheimnis raus. Später, so erklärt die Autorin, wurde der Freund der Tante sogar geduzt.

Da hatte Politik-Quereinsteigerin Akgün schon ein ganz anderes Problem: In der Partei gab es Gerede über sie, weil sie das in Köln übliche Kölsch verschmähte. Alle nannten sie fälschlicherweise eine Muslimin, die keinen Alkohol trinken darf. Tatsächlich mag sie einfach keinen Alkohol. Als sie also doch mal ein Glas mittrank, um die Gerüchte zu stoppen, wurde ihr so schlecht, dass sie fortan als „trockene Alkoholikerin“ galt.

Immer wieder schüttelt das Publikum ungläubig den Kopf, als Akgün aus ihrem Buch „Der getürkte Reichstag“ vorliest. Immer wieder lachen die Zuhörer während dieser Lesung in der Stadtbücherei laut auf. Immer wieder klopfen sich die Besucher auf die Schenkel, während Akgün beinahe unglaubliche Einblicke in die Berliner Republik gibt. So etwa, als sie beschreibt, wie ihr ein offensichtlich Betrunkener beim Straßenwahlkampf erklärt: „Sie wähle ich nicht – Sie sind hässlich.“ Aber auch die Art und Weise, wie die Nachwuchspolitikerin in der SPD-Fraktion den Kollegen die türkischen Klischees austreibt. So glaubte ihr ein Genosse tatsächlich, dass ihr Mann per Sondergenehmigung einen Ausweis für den Bundestag bekommen habe, um seine Frau kontrollieren zu können. Später erzählt sie einem anderen Mitstreiter, ihr Mann gebe ihr Taschengeld.

Dann aber schildert Akgün, welche kuriosen Anliegen auf ihr bei den Bürgersprechstunden im heimischen Wahlkreis vorgetragen wurden. Da war die Frau, die von ihr verlangte, ihr den Ehemann wieder nach Hause zu bringen, der 56 Jahre nach der Hochzeit plötzlich geflüchtet war. Und da war der türkische Landsmann, der ihr klarmachen wollte, dass sein Verwandter in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt besonders begehrt sein müsste, weil er aufgrund von anatomischen Voraussetzungen der ideale Pornostar sein könnte. Deshalb brauche dieser nun eine Aufenthaltsgenehmigung.

Während der anschließenden Diskussion erklärte Lale Akgün: „Das Kopftuch ist vieles, aber zweierlei ganz bestimmt nicht: definitiv kein Zeichen von Emanzipation und garantiert keine Vorschrift des Islam.“ Wenn mehr türkische Frauen gebildet (und keine Analphabeten) wären, ist sich die Autorin sicher, „könnten sie den Koran lesen und würden keine Kopftücher mehr tragen.“ Zum Schluss gab Akgün noch reichlich Autogramme – in ihre Bücher, die reißenden Absatz fanden.

Michael Koll

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