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Konsumenten und Experten im MK sind sich einig: Cannabis-Legalisierung „alternativlos“

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Von: Leon Malte Cilsik, Ines Engelmann

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Bald legal? Die Ampel-Koalition will den Konsum von Cannabis legalisieren. Konsumenten und Experten aus dem MK beziehen Stellung zu den Plänen.
Bald legal? Die Ampel-Koalition will den Konsum von Cannabis legalisieren. Konsumenten und Experten aus dem MK beziehen Stellung zu den Plänen. © Daniel Karmann

Cannabis ist in Deutschland die beliebteste illegale Droge. Die Ampel-Parteien wollen nun den Cannabis-Verkauf zu Genusszwecken legalisieren.

Bisher war es nur möglich, Cannabis aus medizinischen Gründen legal zu nehmen, wenn es vom Arzt abgesegnet war. Zwei Cannabis-Konsumenten aus dem Kreis– Peter Müller aus Hemer und Lukas Neumann aus Plettenberg (Namen von der Redaktion geändert) – sprechen über ihre Erfahrungen mit Cannabis und die Legalisierung. Dr. Bodo Lieb, Chefarzt im Krankenhaus Hagen-Elsey und Leiter der Entgiftungsstation für Jugendliche, und Stefan Tertel, Geschäftsführer der Anonymen Drogenberatungsstelle (Drobs) in Iserlohn, ordnen ihre Geschichten und Argumente ein und beziehen ebenfalls Stellung zu der Legalisierungsdebatte.

Peter Müller aus Hemer ist 47 Jahre alt, hat zwei Kinder und konsumierte jahrelang Cannabis. Schon in jungen Jahren kam er mit der Droge in Kontakt: „Mit 17 Jahren habe ich mal Tabak geraucht, aber mehr auch nicht. Dann habe ich mich als DJ probiert und Bekannte bezahlten mich nicht mit Geld, sondern mit eine Platte Piece.“ Piece ist auch als Haschisch bekannt. Gemeinsam mit Freunden rauchte ab damals fast täglich. Immer, wenn er entspannen wollte. Meistens nach dem Feierabend, „um herunter zu kommen“. Später probierte er auch Kokain und Ecstasy. Das Cannabis-Verbot habe für ihn weder bei der Beschaffung noch beim Konsum eine Rolle gespielt. Polizeilich sei er nie aufgefallen.

Fünf Jahre später den Absprung geschafft

Von den Drogen los zu kommen, fiel Müller bedingt schwer, denn auch seine Frau, ihr Vater und viele Freunde konsumierten regelmäßig. Mit 30 Jahren wollten er und seine Frau Kinder, sodass er fünf Jahre später den Absprung schaffte. „Die Umstellung gelang mir aber nur, weil ich dann anfing Alkohol zu trinken“, erinnert sich Müller. Er geriet also von einer Sucht in die nächste. Die Beziehung zu seiner Frau ging durch seinen Alkoholismus in die Brüche. Erst nach zwei professionell begleiteten Entgiftungen und einer Langzeittherapie lebt er heute abstinent. „Ich hatte einfach großes Glück, dass ich trotz des hohen Konsums keine gesundheitlichen Schäden davon getragen habe“, sagt Müller.

Auch Lukas Neumann aus Plettenberg hatte bereits in jungen Jahren zum ersten Mal Kontakt mit Cannabis. „Ich war damals circa 14 Jahre alt und wollte dazu gehören, cool sein. Und als die Tüte im Freundeskreis herum ging, musste ich auch ziehen.“ Daraufhin folgte rasch regelmäßiger Konsum, der ihn bis heute – rund 21 Jahre später – immer noch nicht loslässt. Mit 19 Jahren begann er zudem mit chemischen Drogen zu experimentieren, „aber ich hatte zu großen Respekt vor der Abhängigkeit anderer Drogen und blieb beim Cannabis“. Anders als bei Müller hat in der Familie des Plettenbergers sonst niemand Kontakt mit Drogen. „Mein Onkel raucht Zigaretten, aber mehr nicht“, sagt Neumann. Er fiel durch den Besitz von Cannabis mehrfach polizeilich auf, machte mehrere Entgiftungen und eine Langzeittherapie. Einen seiner Tiefpunkte erlebte er in der Schule, als er mit 20 Gramm Cannabis erwischt wurde. Bis heute konsumiert er täglichen Cannabis. Neumann: „Bei regelmäßigem Konsum wird man träge und die Motivation sinkt, Dinge zu tun. Deshalb habe ich mittlerweile den Verbrauch selber etwas runter reguliert.“ Ganz aufhören kann er nicht.

Cannabis „keine eine Einstiegsdroge sein“

Die politische Diskussion darüber, ob Cannabis wirklich süchtig macht, sieht Müller kritisch: „Ich glaube schon, dass Cannabis eine Einstiegsdroge sein kann, weil man schnell daran Gefallen findet.“ Als er damals mit dem Konsum begann, habe es mehr „sauberes“ Cannabis auf dem Schwarzmarkt gegeben. Heute gebe es immer mehr Dealer, die gestreckte Ware verkaufen.

Die beiden Cannabis-Konsumenten aus dem Märkischen Kreis äußern sich zum Thema Legalisierung von Cannabis.
Die beiden Cannabis-Konsumenten aus dem Märkischen Kreis äußern sich zum Thema Legalisierung von Cannabis. © Engelmann, Ines

Und genau das soll die Legalisierung von Cannabis vermeiden. „Wenn meine Kinder Interesse an Cannabis haben sollten, dann hoffe ich, dass sie dafür zu mir kommen und keine schlechte Straßenware kaufen“, sagt der 47-Jährige. Im Vergleich zum Alkoholismus fiel Müller der Absprung vom Cannabis bedeutend leichter: „Ich persönlich hatte weniger ein Problem mit dem Cannabis-Konsum aufzuhören als mit dem Alkohol.“ Er drehe auch heute manchmal noch eine Tüte, ohne sie zu rauchen. Einer Flasche Bier könne er jedoch nicht einfach so widerstehen.

Das hält der Arzt von der Legalisierung

Auch Neumann beobachtet die Debatte der Legalisierung mit gemischten Gefühlen. Grundsätzlich freue er sich über die Legalisierung und sieht Coffeeshops, wie es sie in den Niederlanden gibt, als gute Lösung an. Doch ganz überzeugt ist er nicht: „Wenn die das wirklich machen, dann muss das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen. Denn wenn der Straßenmarkt viel billiger ist, dann funktioniert das nicht.“ Zudem sei laut Neumann ein Mindestalter von 21 Jahren sinnvoll. Und er sieht noch ein Problem: „Ich glaube, die unterschätzen die Menge, die jeden Tag über den Tisch geht.“

Dr. Bodo Lieb kann die Argumente der Konsumenten zumindest teilweise nachvollziehen. „Die Geschichten von den beiden Konsumenten sind typisch für Cannabiskonsumenten. Jugendliche werden heute mit anderen Substanzen groß als frühere Generationen: Die THC-Gehalte steigen und synthetische Cannabinoide verunreinigen die Ware.“ Dadurch steige die Gefahr einer Abhängigkeit, auch deswegen seien die Konsumentenzahlen bundesweit in den letzten Jahrzehnten gestiegen, die Zielgruppe sei vielfältiger geworden.

Das Leben in geeignete Bahnen lenken

Dass es Müller leicht fiel, seinen Konsum zu stoppen, kann Lieb ebenso gut nachvollziehen, wie sein anschließendes Abrutschen in die Alkoholsucht. „Manche merken nach dem Aufhören nichts, andere haben Entzugserscheinungen wie ein Alkoholiker. Oft sind es Letztere, die in den Entzugskliniken aus Frust ihre Zimmer kaputt schlagen.“ Er kenne viele vergleichbare Fälle, in denen ehemalige Cannabis-Konsumenten eine alternative Droge nehmen, um ihr Leben zu meistern.

Das eigene Leben in geordnete Bahnen zu lenken, sei das Ziel vieler Abhängiger – und nicht etwa, gar keine Drogen mehr zu nehmen. „Es heißt nicht umsonst Drogenberatungsstelle. Viele Konsumenten wollen weiter Cannabis konsumieren und trotzdem produktiv sein. Dafür ist Neumann ein wunderbares Beispiel.“

Die Beispiele der Konsumenten bestärken Lieb in seinem Standpunkt zur Legalisierung: Sie sei „alternativlos“, wenn auch nicht harmlos. „Natürlich ist Cannabis nicht harmlos. Insbesondere während der Pubertät, wenn das Gehirn noch nicht voll entwickelt ist, macht der Konsum buchstäblich dumm, er kostet IQ-Punkte.“ Dennoch überwiegen für ihn die positiven Aspekte einer Legalisierung. „Es macht keinen Sinn, eine psychisch kranke Person für ihre Probleme zu bestrafen.“ Die Kriminalisierung stelle ein vermeidbares Zusatzproblem für die Abhängigen dar.

„Gefährliche Straßenmischungen“ zurückdrängen

Zudem könne eine Legalisierung die „gefährlichen Straßenmischungen“ zurückdrängen, ähnlich wie dies in den Niederlanden geschehen sei. Die häufigen Gegenargumente, Cannabis sei eine Einstiegsdroge und dürfe wegen der Gefahr von Psychosen nicht legalisiert werden, entkräftet Lieb: „Das Konzept der Einstiegsdroge ist veraltet. Auch wenn manche mit Cannabis beginnen und danach weiter gehen, ist es für viele auch eine ,Longlife‘Droge. Wenn es so etwas wie Einstiegsdrogen gibt, sind das Tabak oder bei chemischen Drogen Kokain.“ Auf Psychosen sollte sich seiner Meinung nach nicht das Hauptaugenmerk der Debatte richten, da diese nur in etwa fünf Prozent der Fälle auftreten würden. „Sie rechtfertigen keine Kriminalisierung, sonst müssten wir beim Alkohol ähnlich verfahren.“

Anonyme Drogenberatung: Beratung, Vermittlung und Hilfestellung

Die Anonyme Drogenberatungsstelle (Drobs) hat sich zur Aufgabe gemacht Konsumenten und Angehörige zu beraten, Entgiftungsplätze zu vermitteln und während einer Substitutionsbehandlung den Klienten beizustehen. Die Drobs hat mit allen Suchtberatungsstellen des Märkischen Kreises und dem Sozialpsychiatrischen Dienst eine Kooperation für eine ambulante Suchttherapie gebildet. Während der Pandemie beschränkt sich die Drobs auf die Suchtprävention und die telefonische Angehörigenberatung. Für Drogenkonsumenten stehen die Ansprechpartner weiterhin so gut wie möglich zur Verfügung. Die Drobs hat Beratungsstellen in Werdohl für das gesamte Lennetal, Lüdenscheid und Iserlohn. In Werdohl und Lüdenscheid bietet die Drobs auch die Möglichkeit, Wäsche zu waschen. Zudem bietet die Drobs auch in Kierspe und Plettenberg regelmäßig Sprechstunden an. Weitere Infos sind online unter www.drobs-mk.de erhältlich.

Stefan Tertel, Geschäftsführer der Drobs, zieht mit Blick auf die vielseitigen Hintergründe der Konsumenten, den Risiken vor allem für junge Konsumenten und den individuellen Entzugserfahrungen folgendes Fazit: „Die Legalisierung löst nur ein Problem, nämlich das der Strafverfolgung. Damit bleiben noch viele andere, die ein qualifiziertes Beratungsangebot unabdingbar machen.“ Insbesondere bei einer Legalisierung müssten Jugendliche dabei begleitet werden, ihre eigene Haltung zum Thema zu finden. Altersbeschränkungen hin oder her, es wird Wege geben, diese zu umgehen. „Das zeigt der Alkohol deutlich.“ Insbesondere die Corona-Pandemie habe die Bedeutung von Einrichtungen wie der Drobs noch einmal verdeutlicht. „Das therapeutische Angebot war während der Lockdowns deutlich geringer. Ich bin mir sicher, dass besonders Jugendliche unter der Isolation gelitten haben – auch wenn sich das wohl erst in einigen Jahren abzeichnen wird.“ Die Drogenberatung konnte nur noch mit einem Termin stattfinden, Selbsthilfegruppen sich nur noch digital oder gar nicht treffen.

Drogenmarkt in der Pandemie „robust und krisensicher“

Als „robust und krisensicher“ habe sich hingegen während der Pandemie der Drogenmarkt erwiesen. Das bestätigten sowohl die Konsumenten als auch Dr. Lieb und Tertel. „Anfangs hatten wir Sorge, dass der Lockdown bei vielen unserer Patienten zu massiven Entzugserscheinungen führen könnte. Doch das hat sich nicht bestätigt. Es haben sich aber auch nicht mehr Menschen für eine Entgiftung entschieden“, sagt Tertel. Auch Dr. Lieb und Konsument Neumann können dies bestätigen. Der Handel sei trotz aller Einschränkungen nur wenig beeinträchtigt gewesen.

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