70 Prozent Migration an den Werdohler Grundschulen

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Britta Schwarze ist seit acht Jahren Schulleiterin der evangelischen Martin-Luther-Grundschule in Ütterlingsen und unterrichtet selbst eine eigene Klasse vom ersten bis zum vierten Schuljahr: „Ich habe acht unterschiedliche Nationalitäten in meiner Klasse. Wir kämpfen und kämpfen um den Spracherwerb unserer Kinder und sehen am Ende nur bedingt ein Weiterkommen.“

Werdohl – An den Werdohler Grundschulen stammen bis zu 70 Prozent der Kinder aus Migranten-Familien. „Das ist eine Zahl, die man genauer anschauen muss“, sind sich Britta Schwarze und Christel Kringe einig. Die beiden Schulleiterinnen der Konfessions-Grundschulen in Ütterlingsen und in der Stadtmitte sprechen auch für ihre Kolleginnen der städtischen Grundschulen Königsburg und Kleinhammer. „Wir brauchen einen umfassenden Dialog über diese Situation in Werdohl“, fordert Kringe. Die Schulleiterinnen wünschen sich eine konstruktive Debatte aller am Thema Bildung und Spracherwerb Beteiligten, die Werdohler Lokalpolitik eingeschlossen.

Wenn es konkrete Herausforderungen bei der Integration gibt, dann ist die Sprachbildung an den Werdohler Grundschulen ein wesentlicher Aspekt davon. Während sich der Anteil von Migranten an der Gesamtbevölkerung kaum korrekt in Zahlen ausdrücken lässt, ist das bei den Schulen anders. Hier müssen für das Landesamt für Statistik unterschiedliche Daten erhoben werden, die einen genaueren Einblick ermöglichen.

Da in Werdohl der Anteil türkischer Einwohner besonders hoch ist, bilden die türkischen Kinder unter den etwa 70 Prozent Migranten an den Grundschulen die größte Gruppe. Schwarze kommt sofort auf das ihrer Ansicht nach zentrale Problem zu sprechen. Viele Kinder würden in den Familien ausschließlich türkisch sprechen, obwohl sie selbst und sehr häufig auch die Eltern in Deutschland geboren seien. „Wenn ich am Montag die Kinder erzählen lasse, höre ich fast ausschließlich Erlebnisse der türkischen Familien.“ 

Die Schulleiterinnen beobachten, dass viele türkische Jungen der Klassen drei und vier ihre Wochenenden überwiegend in der Moschee verbringen. Dort wird für sie neben der religiösen Unterweisung ein Freizeitprogramm angeboten, denn Zugehörigkeit, so Kringe, sei für absolut jedes Kind der allerhöchste Wert.

Mittlerweile nehmen immer mehr acht- und neunjährige Jungen am Fastenmonat Ramadan teil. Christel Kringe pflegt seit einigen Jahren persönliche Kontakte zu Vertretern der Moscheegemeinden in der Stadt. Die islamischen Kinder- und Jugendgruppen besuchen ihrer Auffassung nach durchaus bildungsrelevante Orte. Die Freizeitangebote für die Kinder und Jugendlichen seien dort sehr gut. Die Arbeit in der Moschee sei stark von Respekt geprägt. Manche Kinder, die in der Klasse laut und auffällig seien, benähmen sich beim Grundschul-Besuch in der Moschee plötzlich komplett anders. Regelmäßig ist sie mit ihren Schülerinnen und Schülern in der Milli-Görüs-Moschee zu Gast, um ihnen den Islam als eine der größten Weltreligionen nahezubringen. In den Moschee-Vereinen würde mit den Kindern viel über das Belohnungs-Prinzip gearbeitet, so Kringe. Da gebe es auch schon mal als Preis für gute Leistungen beim Koran-Lesewettbewerb ein Tablet oder Geld.

In den Familien und in den Moscheen wird fast nur in türkischer Sprache erzogen

Als problematisch im Hinblick auf den Bildungsweg der Kinder empfinden es beide Schulleiterinnen allerdings, dass diese in ihrem familiären Umfeld zuhause oder in der Moschee ausschließlich in der türkischen Sprache erzogen werden. Viele Kinder sprechen zwar eine halbwegs gute deutsche Alltagssprache und können sich verständigen, für die Bildungssprache Deutsch fehlen allerdings oft Wortschatz und Kenntnisse der Grammatik.

Das zeige sich bei Aufgaben, die sehr textlastig sind und in allen Fächern vorkommen. Oft könnten die Kinder nicht genau genug verstehen, was sie tun sollten. Wenn ihnen die Aufgabenstellung mündlich erklärt werde, könnten sie durchaus ihre Leistungen abrufen.

Britta Schwarze unterrichtet – neben ihren Aufgaben als Leiterin – auch eine eigene Klasse. „In meiner aktuellen vierten Klasse habe ich acht verschiedene Nationalitäten“, berichtet sie. Heute allerdings sage der deutsche Pass eines Schulkindes nichts mehr über dessen Sprachkompetenz aus.

Christel Kringe leitet die katholische Grundschule seit Jahrzehnten. Selbst die Kinder des Imams der Milli-Görüs-Gemeinde hat sie unterrichtet. Der Islam sei für die Kinder zunächst nicht eine bewusst wahrgenommene Religion, sondern eine Sozialisation, meint sie.


Die Schulleiterinnen sprechen hier sehr deutlich die Empfehlung aus, gerade in den mehrsprachigen Familien Werdohls generell viel miteinander zu sprechen und viel Deutsch miteinander zu sprechen. Zunehmend beobachten die beiden, dass es zwischen Nationalitäten und Kulturen Vorbehalte gebe, zum Beispiel habe ein Vater mit asiatischen Wurzeln den ausdrücklichen Wunsch geäußert, sein Schulanfängerkind in eine überwiegend deutsche Klasse einzuschulen. Immer häufiger setzen Eltern eine höhere Anzahl mit Migrantenkindern in der Klasse mit schlechteren Leistungsmöglichkeiten für das eigene Kind gleich.

Hier entstehen Konflikte zwischen den Eltern unterschiedlicher Nationalitäten. Grundsätzlich seien Zweisprachigkeit und verschiedene Kulturen in einer Klasse eine bereichernde Vielfalt, sind sich die beiden Schulleiterinnen einig. Der Prozess, in eine gemeinsame Sprache ‘Deutsch’ zu kommen, bedürfe vieler Erklärungen unbekannter Wörter, sei aber letztlich für alle Kinder förderlich. Die Ansprüche an die Bildung und Erziehung von Kindern in den Grundschulen würden immer höher, gerade die Erziehung werde immer häufiger der Schule überlassen. Diese Haltung verbreite sich auch mehr und mehr bei deutschen Familien. 

„Die Kinder werden zwar fast bis in den Klassenraum gefahren, aber zum Elternabend kommen immer weniger Eltern.“

Die Schulleiterinnen bringen es auf den Punkt: „Die Kinder werden zwar fast bis in den Klassenraum gefahren, aber zum Elternabend kommen immer weniger Eltern.“ Alle diese Herausforderungen könnten nur in einer vertrauensvollen Partnerschaft von Schule und Elternhaus gestemmt werden. Was in den Elternhäusern nicht geleistet werde, könne die Schule niemals ersetzen. Deshalb gibt es in den Grundschulen sogenannte Rucksackprojekte. Ziel ist es, Eltern dazu zu bringen, ihre Kinder beim schulischen Lernen besser zu begleiten. Nach fünf Jahren Arbeit im Rucksackprojekt zeigten sich langsam allererste Erfolge.

Zwischen 40 und 50 Eltern sind derzeit in zwei Gruppen am Rucksackprojekt beteiligt. Solche Projekte brauchen im Hinblick auf spürbare Veränderungen einen langen Atem.

Den beiden Schuleiterinnen ist es wichtig, nicht zu verallgemeinern und die Dinge nicht zu dramatisieren. Immer wieder sei dieses Thema auch Inhalt gemeinsamer Werdohler Schulleitersitzungen. Für wirksame Lernerfolge von Kindern brauchen die Schulen mehr und gut geschultes Personal, das es aufgrund des derzeitigen Lehrermangels aber nicht gibt.

Immer wieder sprechen die beiden die zurückgehende Sprachfähigkeit vieler Kinder an. Kringe: „Das zieht sich durch viele Familien, es ist ein Grundproblem in Deutschland.“ Von einseitigen Schuldzuweisungen halten Kringe und Schwarze nichts. Das Problem sei vielschichtig und habe natürlich auch mit der gesellschaftlichen und sozialen Entwicklung in der Stadt Werdohl zu tun.

Kringe: „Wir leben hier alle gut gemeinsam, und Eltern und Schule haben dieselbe Verantwortung.“ Es gebe auf der anderen Seite viele türkische Familien, die mit ihren Kindern die deutsche Sprache sprechen und die sehr auf die Bildung ihrer Kinder achten. Türkischen Familien sei es mittlerweile ein großes Anliegen, ihre Kinder zur Realschule zu schicken. Diese Schulform ist für viele die erste Wahl. Es sei die Aufgabe der Grundschulen, über das Schulsystem und die vielfältig möglichen Bildungsgänge zu informieren und den Übergang zu begleiten.

Kringe betont die Notwendigkeit einer Sprachbildung, die sich vom ersten bis zum zehnten Schuljahr erstreckt und ist damit in Übereinstimmung mit den übrigen Schulleitern Werdohls.

"Wir kämpfen und kämpfen um den Spracherwerb unserer Kinder und sehen am Ende nur bedingt ein Weiterkommen."

Für die Lehrerinnen ist das oft persönlich frustrierend. Britta Schwarze: „Wir kämpfen und kämpfen um den Spracherwerb unserer Kinder und sehen am Ende nur bedingt ein Weiterkommen. Es gibt so viele begabte Kinder, die wegen der Barriere, die die fehlende Sprache bildet, hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Vieles kann nicht mehr aufgeholt werden.“

Die jährlichen Vergleichsarbeiten (Vera) in Klasse 3 bestätigen in ihren Ergebnissen diese Beobachtungen. Anhand der Leistungslevels können Schulen im ganzen Land miteinander verglichen werden. Es werden Klassen-, Schul- und Landesdurchschnitt ermittelt. Wirtschaftliche Verhältnisse der Stadt fließen ebenso eine Rolle wie soziokulturelle Aspekte.

Werdohl ist bei der Zuordnung der Standorttypen der Stufe 4 zugeteilt, welche, bezogen auf den Landesdurchschnitt, einen leicht überdurchschnittlichen Anteil an Personen mit Migrationshintergrund aufweisen. Die schlechten Ergebnisse von Vera zeigen eindeutig, dass durch die fehlende Sprachfähigkeit die Bewältigung von Aufgaben auch im Fach Mathematik erheblich erschwert ist. Zum Vergleich: Der von hoher Migration geprägte Dortmunder Norden ist als Standorttyp die höchste Stufe 5 zugeteilt.

Das beschäftigt die Schulleiterinnen, weil diese Ergebnisse landesweit ausgewertet werden und dadurch Druck auf die Arbeit in den Schulen entsteht. Beide sind der Meinung, dass auch deshalb die Ergebnisse enttäuschend sind, weil in den Grundschulen intensiv an der Bildungssprache gearbeitet wird.

Dass Werdohl auch „Werdühl“ genannt werde, mache die Suche nach Lehrkräften für die Grundschule schwerer. Die Grundschulen in Werdohl gehören derzeit zu den eher schwer vermittelbaren Standorten in Städten und Gemeinden im Bereich der Bezirksregierung.

Schwarze und Kringe haben konkrete Vorstellungen von Integration. Es sei für Migranten durchaus sinnvoll, in den eigenen Lebensbezügen zu bleiben, aber gleichzeitig sei es ebenso nötig, sich zur deutschen Gesellschaft hin zu öffnen. Schwarze betont die Gemeinsamkeiten von klein auf: „Wir sind eine Klasse, eine Schule, eine Stadtgemeinschaft.“

Mit einem verstärkten Zuzug bulgarischer Familien nach Werdohl komme aktuell eine noch größere Aufgabe auf die Grundschulen zu. Beide Schulleiterinnen beobachten seit einiger Zeit vermehrt den Zuzug bulgarischer Familien. Weil Bulgarien zur EU gehört, brauchen die Eltern kein Visum und keine Aufenthaltsberechtigung wie zum Beispiel türkische Staatsbürger. Manche Eltern seien Analphabeten; dass die Kinder hier extreme Sprachschwierigkeiten hätten, liege auf der Hand. Bulgarische Kinder würden manchmal nur ein paar Monate in der Schule auftauchen und dann wieder verschwinden. Für die Kinder und ihre Lehrerinnen ist eine solche Lebensweise eine besondere Herausforderung in Bezug auf das schulische Lernen.

„Werdohl ist schon wie ein Brennpunkt der multikulturellen Gesellschaft.“

Bei der Integration von Flüchtlingskindern hingegen habe Werdohl „etwas auf die Beine gestellt“, meint Kringe. Die Integration hier sei „gelungen“ und „beispielhaft“. Daran hätten auch die Moschee-Vereine großen Anteil. Flüchtlingsfamilien seien voll im Schulalltag integriert, da gebe es „überhaupt keine Probleme.“ Von Anfang an habe die ehrenamtliche und die hauptamtliche Flüchtlingshilfe die Dinge abgefedert. Kringe: „Werdohl ist schon wie ein Brennpunkt der multikulturellen Gesellschaft.“

Dass es darauf ankomme, miteinander zu sprechen und voneinander zu wissen, habe sie bei der Organisation des Martins-Umzugs im November ganz persönlich erfahren. Sie habe bei dem türkischen Bäcker „Sesam-Palast“ an der Freiheitstraße nachgefragt, ob die Schule bei ihm Brötchen kaufen könne. Letztlich habe sie 300 Brötchen geschenkt und in die Schule geliefert bekommen. Der Bäcker habe ihr jegliche Unterstützung zugesagt. Kringe war regelrecht überwältigt von so viel Freundlichkeit und Entgegenkommen: „Und der Mann ist noch nicht einmal Werdohler, er kommt aus Lüdenscheid. Das ist ein Beispiel gelebter Integration!“

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