Ein Kommentar

Jugendamtsleiterin kaltgestellt: Ein Drama zu Lasten der Kinder

Volker Heyn
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Volker Heyn

Der Werdohler Bürgermeister Andreas Späinghaus (SPD) hat Jugendamtsleiterin Kirsten von der Crone Führungsversagen vorgeworfen und sie mit Wirkung Ende Mai von der Amtsleitung abberufen. Dazu ein Kommentar - also ein Meinungsbeitrag - von Volker Heyn:

Die Gründe, die Bürgermeister Andreas Späinghaus bewogen haben, um Kirsten von der Crone als Leiterin des Jugendamtes zu feuern, werden ganz sicher noch arbeitsrechtlich bewertet. Ein Anwalt ist eingeschaltet. Aber bereits jetzt löste diese „organisatorische Maßnahme“, die Späinghaus quasi im Alleingang getroffen hat, in der lückenlos vernetzten märkischen Jugendhilfe ein Beben aus.

Der 43-Jährigen wird letzten Endes kein unmittelbar fachliches Versagen, sondern ein eher menschliches Führungsproblem vorgeworfen. Späinghaus – selbst ohne jegliche Führungserfahrung oder einer nachgewiesenen fachlichen Befähigung – wirft Kirsten von der Crone in erster Linie Unfähigkeit zur Personalführung vor. Weil er es von Dritten gehört hat. Den Mitarbeitenden im ASD scheint er mehr Bedeutung zuzumessen als deren bisheriger Vorgesetzten.

Das sind alles persönlich schwerwiegende Vorwürfe gegen eine Frau, die sich in den vergangenen drei Jahren mit von niemandem bestrittenen enormen Engagement für das Wohl der Kinder und Jugendlichen eingesetzt hat. Es kann sein, dass sie fachlich nicht gut genug aufgestellt war. Es kann sein, dass sie keine gute Chefin war. Es kann sein, dass sie zuviel selber machen wollte.

Aber man kann auch festhalten, dass sie von ihren Vorgesetzten weitestgehend allein gelassen worden ist in ihrer selbst mehrfach öffentlich erklärten und von ihr selbst benannten Überforderung.

An dieser Stelle fällt der Blick auf die ehemalige Bürgermeisterin Silvia Voßloh und den ehemaligen Fachbereichsleiter Bodo Schmidt. Sie tragen eine Mitverantwortung im Sinne eine Fürsorgepflicht für die Leitung des Jugendamtes. Kirsten von der Crone war von der Fülle der Aufgaben überschüttet: ASD-Leitung, Tageselternbetreuung, Vormundschaften, Jugendgerichtshilfe, wirtschaftliche Jugendhilfe, Chefin aller Kindergärten und der Jugendzentren, Hilfen für seelisch behinderte Kinder und für junge Erwachsene, Verantwortung für Pflegekinder. Das ist eine kaum zu tragende höchst persönliche Verantwortung für einen einzelnen Menschen. Das Werdohler Jugendamt ist in den vergangenen Jahren regelrecht kaputtgespart worden: Fast drei Jahre wurden gebraucht, um von der Crone eine administrative Leitung zur Seite zu stellen. Bis heute ist keine Leitung des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) gefunden worden. Amtsvorgänger Malcherek-Schwiderowski hatte sich aus genau diesen Gründen auf eine weniger verantwortungsvolle Position beim Kreis wegbeworben.

Obendrauf kommt, dass die Belastung des Jugendamtes noch weiter zunimmt: Kindeswohlgefährdungen steigen in Corona-Zeiten massiv an, und die gesetzlich beschlossene grundlegende Reform des Gesetzes zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen muss mit viel Aufwand umgesetzt werden.

Späinghaus hat mit der Abberufung der Jugendamtsleiterin aus seiner Sicht vielleicht eine Notbremse gezogen. Doch die dadurch entstandene Situation ist gefährlich und risikoreich: De facto gibt es nur einige führungslose und wenig erfahrene Mitarbeitende im ASD, die noch nicht einmal fachliche Hilfe vom Kreis erfahren dürfen. Keinem Kind darf Schlimmes passieren, sonst brennt es lichterloh im Werdohler Bürgermeister-Zimmer.

Zu guter Letzt spielen politische Überlegungen eine Rolle: Werdohl kann das Jugendamt nur abgeben, wenn auf den Status als mittlere kreisangehörige Stadt verzichtet wird. Dann wäre man aber auch gezwungen, Bauamt und Feuerwehr an den Kreis zu geben. Das will der Werdohler Rat ganz offensichtlich auf keinen Fall.

Sicherlich nicht ohne eigenes Zutun ist Kirsten von der Crone in ein Schlachtfeld geraten, das sie jetzt hart angeschlagen verlassen musste.

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