Kleine Paradiese: Das sind die Werdohler Naturschutzgebiete

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Freier Blick auf die Lenne: Im Naturschutzgebiet Eschmecke-Hückenstein hat Kyrill gewütet, die Neuanpflanzungen sind noch jung.

Werdohl - Einem normalen Wanderer wäre die minimale Bewegung auf dem Boden des dicht bewachsenen Hangs entgangen. Michael Bußmann aber scheint mit einer eingebauten Lupe ausgestattet zu sein.

Das kleine, langbeinige Spinnentier hat keine Chance unentdeckt zu bleiben. „Das ist ein Schneckenkanker. Diesen Raubweberknecht bekommt man extrem selten zu Gesicht, weil er nachtaktiv ist und sich tagsüber versteckt,“ erklärt er. In seiner Stimme schwingt Begeisterung mit. Bußmann ist Biologe und bei der Unteren Naturschutzbehörde des Märkischen Kreises für die Naturschutzgebiete zuständig. „Es gibt hier echte Naturschätze, die auf jeden Fall erhalten bleiben müssen“, stellt er fest. 

Zwei Schutzgebiete befinden sich in Werdohl: der Bereich Eschmecke-Hückenstein (28,4 Hektar) und der Lennestau in Lengelsen/Wilhelmsthal (13 Hektar). Sie sind längst nicht so bekannt wie etwa das Felsenmeer bei Hemer, haben aber dennoch eine ganze Menge zu bieten, wie Bußmann an diesem heißen Sommermorgen anhand vieler Beispiele beweist. 

Schluchtwald im Lennetal

Eschmecke-Hückenstein zählt zu den Schluchtwäldern im Lennetal. Bergulme, Esche und Bergahorn wachsen in diesem Areal, das erst 2004 unter Schutz gestellt wurde. „Es dauert 100 bis 120 Jahre, bis der Baumbewuchs in einem Naturschutzgebiet sich wieder so entwickelt hat, wie es die Natur ursprünglich vorgesehen hatte,“ stellt Bußmann fest. Am Hang oberhalb der Lenne hat Kyrill vor mehr als zwölf Jahren gewütet, die Fichten wie Streichhölzer umgeknickt. Aufgeforstet wurde ausschließlich mit heimischen Laubhölzern. Andere Sturmbereiche hat vorübergehend der Rote Fingerhut komplett erobert, er wächst gerne gesellig auf Kahlschlägen, mag kalkarmen und sauren Boden. In dem Blütenmeer ist einiges los, hunderte Insekten sind unterwegs, darunter viele Distelfalter. „Die sind in diesem Jahr besonders häufig,“ hat der Biologe festgestellt. 

Vorbei an den Fingerhüten führt der Weg in einen Buchenwald, der nicht bewirtschaftet wird. Bäume wachsen kreuz und quer, viel Totholz bietet unter anderem Lebensraum für Insekten – so soll es sein. „Die Buche ist die dominierende Baumart im Sauerland,“ sagt Bußmann, bevor er das rhythmische Klopfgeräusch erklärt, das gerade deutlich zu hören ist: „Das könnte ein Mittelspecht sein, einer der seltensten Spechtarten im Sauerland, die hier lebt.“ 

Kein offizieller Wanderweg

Auf dem Rückweg zum Parkplatz – ins Naturschutzgebiet führt übrigens kein offizieller Wanderweg – sind auch Neophyten ein Thema. Diese invasiven Pflanzen, die ursprünglich nicht in diesem Lebensraum beheimatet waren, machen auch vor dem Naturschutzgebiet nicht Halt. Das Drüsige Springkraut etwa hat sich inzwischen den Hang hochgearbeitet. „Vor einigen Jahren wuchs es nur direkt am Lenneufer, inzwischen wuchert es an vielen Stellen. Das beobachte ich schon seit Jahren,“ berichtet der Biologe. Doch während das Springkraut gerade keine Schlagzeilen macht, werden die Eschen im geschützten Schluchtwald durch einen anderen Einwanderer bedroht: Ein Pilz der ursprünglich aus Asien stammt, das Falsche Weiße Stängelbecherchen, setzt ihnen zu. „In ein paar Jahren könnten alle Eschen abgestorben sein,“ fürchtet Michael Bußmann, berichtet allerdings von einem Hoffnungsschimmer für die Baumart: „14 Prozent der jungen Eschen sind resistent. Aber man weiß weder, warum das so ist, noch ob es so bleibt, wenn die Bäume älter werden.“ 

Biologe Michael Bußmann untersucht eine Weide auf Schädlingsbefall.

Auf dem Weg ins zweite Werdohler Naturschutzgebiet erläutert er, welche Kriterien unter anderem erfüllt sein müssen, damit ein Gebiet ausgewiesen werden kann: „Der Grad der Natürlichkeit spielt eine große Rolle, die typische Artenausstattung ist wichtig und auch der Seltenheitsaspekt wird berücksichtigt.“ Der Lennestau steht bereits seit 1986 unter Schutz. „Hauptsächlich, weil hier viele Zugvögel rasten und überwintern und die Lenne hier eine wichtige Brutstätte für Wasservögel ist,“ erklärt der Biologe. Neben der Wasserfläche gehören der angrenzende Auwald und das Großseggenried, ein Biotop, in dem so genannte Sauergrasgewächse vorkommen, zum Schutzgebiet, das nicht betreten werden darf: Kein einziger Weg führt zum Wasser. 

Ein beinahe märchenhafter Anblick

Schon im Auwald ist es an diesem heißen Tag extrem schwül, die Nähe des Wassers macht sich bemerkbar. Eine alte Stieleiche, die nicht mehr in die Höhe ragt, und beinahe parallel zum Boden wächst, fällt sofort ins Auge. Besonders an Herbstabenden, wenn von der Lenne Nebelschwaden aufsteigen, bietet sich hier garantiert ein beinahe märchenhafter Anblick. Kaum ist der Bereich erreicht, in dem fast keine Bäume mehr wachsen, liegt ein besonders intensiver, süßer Duft in der Luft. „Mädesüß“, erklärt Michael Bußmann, und deutet auf eine der Pflanzen, deren weiße, filigrane Blüten unzähligen kleinen Sternen gleichen. 

Es geht weiter mitten durch eine Wiese, deren Bewuchs einem Erwachsenen teilweise bis zum Bauchnabel reicht. Der Boden ist extrem feucht, bei jedem Schritt sammelt sich Wasser unter den Turnschuhen. Michael Bußmann trägt trotz der Hitze Gummistiefel und eine lange Hose. „Zum Schutz vor Zecken, die sind hier in der Vegetation verbreitet,“ erklärt er. Dass er Recht hat und Gummistiefel die bessere Wahl gewesen wären, stellt sich am Abend heraus, als ich einen Blutsauger an meiner Wade entdecke. 

Begeistert von der Glatthaferwiese

Bußmann ist begeistert von der Glatthaferwiese und der Sumpfvegetation, die durch ihre Artenvielfalt besticht. Die gelben Blüten einiger Sumpf-Schwertlilien blitzen an verschiedenen Stellen aus dem Grün hervor. Violett schimmern die Blüten des Sumpfhelmkrauts gleich neben den Blasen-Seggen, die an Ziergräser erinnern. 

Auch für Insekten ist dieser Lebensraum ein Paradies. Immer wieder flattern Mädesüßperlmuttfalter vorbei. Diese Schmetterlinge sind vielerorts durch den Rückgang ihrer Lebensräume selten geworden. Der Biologe würde zu gerne einen der Falter fotografieren, hat aber kein Glück: Viel zu kurz lassen sich die Insekten jeweils auf den weißen Blüten nieder, bevor sie wieder über die Wiese gaukeln. 

Goldschrecken am Lenneufer

Gleich darauf entdeckt Bußmann Goldschrecken, die es früher am Lenneufer nicht gegeben hat: „Sie sind klimabedingt in unsere Region gewandert. Früher kamen sie eher im Rheintal vor.“ Die löchrigen Blätter der Weide, die mitten in der Wiese emporragt, erregen ebenfalls seine Aufmerksamkeit. Ganz genau nimmt Bußmann den Baum unter die Lupe – und findet, was er dort vermutet hat: Den Gefleckten Weidenblattkäfer. Sowohl Käfer als auch Larven ernähren sich von den Blättern der Wirtspflanze – und skelettieren diese mitunter. Trotzdem ist der Käfer für den Biologen ein besonderer Fund: „Über Jahre hinweg habe ich diesen Käfer hier nicht angetroffen.“

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