Tag der Muttersprache

Klaus Rohrmann ist einer der letzten Mundartsprecher im Versetal

+
In einem mehr als 130 Jahre alten, abgegriffenen Büchlein hat Klaus Rohrmann grammatische Regeln für das Plattdeutsche gefunden. Der 72-Jährige beschäftigt sich gerne mit der Sprache seiner Großeltern.

Werdohl – Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein sprachen die Leute in vielen Ortschaften des Sauerlandes eine eigentümliche Sprache. Sie zeichnete sich vor allem durch zahlreiche Mehrfachselbstlaute aus und wurdevon Menschen aus anderen Teilen Deutschlands oft nur schwer verstanden.

Heute ist den meisten jungen Südwestfalen der Klang der früheren Alltagssprache des Sauerlandes nicht mehr vertraut. Einer, der noch Plattdeutsch spricht, ist Klaus Rohrmann aus der Deitenbecke. 

Der 72-Jährige hat sich deshalb auch an einem Forschungsprojekt der Universität Siegen beteiligt, das zum Ziel hat, einen Dialektatlas für das mittlere Westdeutschland zu erstellen. Ein gut fünfstündiges Interview hat er deshalb über sich ergehen lassen. „Die Frau hat einen Katalog von sicherlich 600 Fragen mit mir abgearbeitet“, erinnert sich Rohrmann an den Besuch von Petra Solau-Riebel. 

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Uni Siegen gehört zu dem Team, das rund 3000 Mundartsprecher in 1000 Orten befragen will. Beim Treffen mit der Sprachwissenschaftlerin hat Klaus Rohrmann unter anderem hochdeutsche Sätze in die plattdeutsche Mundart übersetzt, wie sie in seiner Heimat im Versetal gesprochen wurde. 

Plattdeutsch ist nicht gleich Plattdeutsch

Denn Plattdeutsch ist nicht gleich Plattdeutsch. „In fast jedem Ort gibt es eine andere Ausprägung“, weiß Rohrmann. „Bei uns in Eveking spricht man schon wieder etwas anders als in Herscheid.“ 

Rohrmann ist mit dem Versetaler Platt aufgewachsen, obwohl es schon seine 1917 beziehungsweise 1920 geborenen Eltern Karl und Elisabeth Rohrmann nicht mehr wirklich gesprochen haben. „Meine Mutter hat ganz wenig Platt gesprochen, mein Vater auch eher selten“, erinnert er sich daran, dass sich die Verwendung der Mundart dann auf wenige Redewendungen oder Sätze beschränkte. 

Für Klaus Rohrmanns Großeltern Gustav und Maria Rohrmann, Geburtsjahrgang 1878 bezhiehungsweise 1884, war das Plattdeutsche dagegen noch die Alltagssprache. „Meine Oma hat mit mir nur Platt gesprochen“, erinnert sich Rohrmann. So habe er diese Mundart dann im täglichen Umgang praktisch nebenbei gelernt. Auch mit älteren Nachbarn habe er gerne Platt gesprochen. 

Klaus Rohrmann pflegt das Platt bis heute, auch wenn er immer weniger Gelegenheit dazu hat. „Manchmal spreche ich es noch zum Spaß, wenn ich alte Versetaler treffe“, sagt er. Auch ein kleines, schon abgegriffenes Büchlein mit plattdeutschen Grammatikregeln bewahrt er auf. 

Kinder zeigen kein Interesse

Im Hause Rohrmann ist der 72-Jährige wahrscheinlich der Letzte, der die Mundart des Versetals pflegt. „Unsere Kinder hatten bisher kein Interesse daran“, sagt er. Ob sich die noch kleinen Enkel vielleicht irgendwann einmal dafür interessieren, wie ihre Vorfahren gesprochen haben, hält er für unwahrscheinlich: „Ich wüsste auch nicht, wie man sie dazu animieren könnte.“ 

Ob er es nicht bedauert, dass das Plattdeutsche langsam ausstirbt? Darüber habe er noch nicht nachgedacht, gibt Klaus Rohrmann zu. Und nach einer kurzen Pause sinniert er: „Ein altes Möbel kann man ja aufbewahren, das wird dann irgendwann eine Antiquität. Aber Sprache ist ja kein Schrank. Sprache muss leben und gesprochen werden.“ Ob das Versetaler Platt und andere Ausprägungen der sauerländischen Mundart deshalb aussterben? „Es wird wohl eher einschlafen“, glaubt Rohrmann. Denn in Büchern und anderen Schriften bleibe es ja erhalten. 

Uni-Projekt trägt zum Überleben bei

Und auch das Projekt der Uni Siegen trägt dazu bei, dass das Plattdeutsche überlebt. Dessen Ziel ist nämlich die systematische Erhebung sowie Auswertung und Interpretation von Dialekten zwischen Niedersachsen und Rheinland-Pfalz. 

Die Projektmitarbeiter halten dabei auch mit Hilfe von Audiodateien fest, wie es klingt, wenn jemand Westfälisch oder Ostfälisch, Niederfränkisch oder Nordniederdeutsch, Ripuarisch, Moselfränkisch oder und Mittelhessisch spricht. Oder eben Versetaler Platt, von dem Klaus Rohrmann glaubt, dass es sich auch deshalb von den Varietäten in ländlicheren Regionen des Sauerlandes unterscheidet, weil im Tal von Lenne und Verse schon relativ früh die Industriealisierung eingesetzt hat. 

So gab es dort schon im 16. Jahrhundert Hammerwerke, und die Reidemeister hatten Geschäftsbeziehungen mit Händlern und Kaufleuten unter anderem im Siegerland und im Raum Olpe. Allzu große Unterschiede in den Dialekten seien für solche Geschäfte eher hinderlich, glaubt Rohrmann, der sich auch sehr für Heimatgeschichte interessiert. 

Ein weiterer Faktor bei der Wandlung des Versetaler Platts sei dann der Bau der Ruhr-Sieg-Eisenbahn ab 1858 gewesen. Die Aussicht auf Arbeit auf dieser Großbaustelle habe übrigens auch seinen eigentlich aus Affeln stammenden Großvater ins Versetal verschlagen, berichtet Rohrmann. 

Zunehmende Vermischung

Auch der Flüchtlingszustrom nach dem Zweiten Weltkrieg habe sicherlich Auswirkungen auf die Entwicklung der Alltagssprache gehabt. So hätten sich wohl im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte verschiedene Ausprägungen des Plattdeutschen und das Hochdeutsche miteinander vermischt. Bis das Plattdeutsche schließlich schleichend aus dem Alltag der Menschen verschwand, die ja aus immer mehr deutschen Provinzen und sogar aus dem Ausland zum Arbeiten in die Region kamen und sich auf und in einer Alltagssprache verständigen mussten.

Am 21. Februar begeht die Unesco den Internationalen Tag der Muttersprache, um die sprachliche Vielfalt weltweit und mehrsprachigen Unterricht zu fördern. In diesem Jahr steht der 21. Februar im Licht des Internationalen Jahres der indigenen Sprachen. Der Erhalt indigener Sprachen, von denen heute viele bedroht sind, ist für die Bewahrung sprachlicher und kultureller Vielfalt von entscheidender Bedeutung. Heute sind mehr als 50 Prozent der weltweit etwa 6700 gesprochenen Sprachen vom Verschwinden bedroht. Im Schnitt geht alle zwei Wochen eine Sprache verloren und damit auch ein Stück kulturelles und intellektuelles Erbe.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare