Kitas und Schulen: Schwein ist fast überall tabu

+
Suppen schmecken auch ohne Fleisch, wie die Kinder der städtischen Gemeinschaftsgrundschule am Standort Kleinhammer wissen. Soll doch mal etwas dabei sein, beschränken sich fast alle Werdohler Kitas und Grundschulen auf Rinder- und Geflügelfleisch.

Werdohl - Jeden Mittwoch ist Fleischtag in der Kindertagesstätte Budenzauber. Schweinefleisch kommt dann aber garantiert nicht auf die Teller. „Und das hat bisher auch noch nie jemand kritisiert“, sagt Kita-Leiterin Karina Wionsek.

Der Schweinefleisch-Verzicht sorgt in den sozialen Netzwerken momentan für Diskussionen. Angeheizt wurden diese auch durch Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU), die in einem Interview erklärt hatte, sie hielte die Verbannung von Schweinefleisch für falsch. 

Karina Wionsek kann die Aufregung im Internet nicht verstehen – zumal es beim Mittagessen in allen städtischen Kitas der Stadt schon seit circa zehn Jahren nicht mehr angeboten wird. „Das ist für alle Beteiligten die beste Lösung. Natürlich auch mit Blick auf die muslimischen Kinder“, erklärt Wionsek. Da diese aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen dürfen, müssten ansonsten zwei verschiedene Mittagessen angeboten werden – und das würde für die Erzieherinnen zusätzlichen Aufwand bedeuten. 

Geflügelfleisch ist laut Experten gesünder 

Davon abgesehen hat Wionsek aber auch den gesundheitlichen Aspekt im Blick. Denn viele Ernährungsexperten sind der Ansicht, dass Geflügelfleisch die bessere Alternative ist. Aber auch das muss nicht täglich gegessen werden. „Deshalb gibt es bei uns nur einen Fleischtag. Dazu kommt freitags der Fischtag – und ansonsten bieten wir leckere Gemüsegerichte an.“ Auch in den Kitas Momo, Wunderkiste und Gernegroß spielt die ausgewogene Ernährung der Mädchen und Jungen eine wichtige Rolle. Und auch dort, so berichten die Leiterinnen, sei der Schweinefleisch-Verzicht bisher nie ein großes Thema gewesen. 

Der Menüplan in der Kita Budenzauber: Mittwochs gibt es Fleisch – aber Schwein ist tabu.

Zudem gehe es auch nicht darum, den Liebhabern von Schnitzeln und Co. ihr Essen madig zumachen. „Wenn wir in der Kita Feste feiern, gibt es auch Wurst oder Fleisch vom Schwein. Das kennzeichnen wir dann entsprechend.“ Und was zuhause auf den Tisch kommt, das sei ohnehin den Eltern überlassen. 

Auch in der Awo-Kindertagesstätte Sonnenschein, der katholischen Einrichtung St. Michael und den evangelischen Kindertagesstätten Arche Noah und Sternschnuppe ist das Fleisch der Allesfresser tabu. Und das werde von allen Eltern akzeptiert, hieß es. Einzige Ausnahme in Werdohl ist die Kita St. Bonifatius. Dort werde auch Schweinefleisch aufgetischt, teilte eine Sprecherin des Zweckverbands Katholische Tageseinrichtungen für Kinder im Bistum Essen mit. Für muslimische Kinder würden Alternativen wie Geflügel oder Rind gereicht. 

St. Bonifatius ist die einzige Ausnahme 

In den Grundschulen Werdohls gibt es keine Ausnahmen: Keine von ihnen serviert Schweinefleisch zu Mittag. Und das schon seit es dort den offenen Ganztag gibt. Beschwerden habe es deswegen noch nie gegeben. „Wir haben auch genügend Alternativen“, sagt Sybille Böddecker, Leiterin der städtischen Gemeinschaftsgrundschule Werdohl. Beim Essen halte sich Köchin Ayse Dogrusöz ohnehin an die „Lebensmittelpyramide“, weshalb es nicht häufig Fleisch gebe, erklärt OGS-Leiterin Tatjana Pulter. Zwei verschiedene Gerichte anzubieten, wäre laut ihr nicht möglich. „Für manche Muslime darf das Fleisch nicht gemeinsam gelagert werden. Wir bräuchten alles zwei Mal. Und dann kann man immer noch nicht verhindern, dass ein Kind mit seinem Löffel auf einem anderen Teller herum spielt.“ 

Auch in der katholischen Grundschule wird, seit den mehr als zehn Jahren, die es den offenen Ganztag dort schon gibt, auf muslimische Kinder Rücksicht genommen. „Wir haben mindestens zwei Mal in der Woche einen Fleisch-Soßen-Tag, ansonsten gibt es viel Gemüse. Eigenes Essen hätten Kinder nur wegen Allergien und auch sehr selten mitgebracht“, sagt Leiterin Christel Kringe. 

Schwarze berichtet von Fleisch-Beschwerde

Einzig und allein Britta Schwarze, die Leiterin der evangelischen Martin-Luther-Grundschule kann von einer Fleisch-Beschwerde berichten. „Ein Vater hat kürzlich gesagt, dass unser Fleisch nicht richtig halal (arabisch für erlaubt/zulässig, Anm. d. Red.) sei, weil wir es nicht beim türkischen Metzger einkaufen. Das könnten wir aber nicht leisten, das Mittagessen muss schließlich für alle Kinder günstig sein“, erklärt sie. Und die Kinder, denen es schließlich schmecken müsse, seien begeistert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare