Kita Gernegroß: Integrativer Bedarf steigt

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Die beiden Heilerziehungspflegerinnen Nadine Schmermbeck und Dana Schnabel (von links) mit Einrichtungsleiterin Silke Wiederspahn-Hopmann arbeiten gemeinsam an der Inklusion in der Kita Gernegroß.

Werdohl - Dana Schnabel und Nadine Schmermbeck sind als Integrativkräfte in der städtischen Kindertagesstätte Gernegroß beschäftigt. Sie unterstützen derzeit sechs Kinder mit Beeinträchtigungen.

Es handelt sich dabei nicht nur um Kinder mit einem geistigen oder körperlichen Handicap, sondern immer häufiger um Kinder mit erheblichen Entwicklungsverzögerungen. Allerdings sind sie nicht ausschließlich und auch nicht allein für diese Mädchen und Jungen zuständig. „Wir haben ein starkes Team im Rücken“, stellen die ausgebildeten Heilerziehungspflegerinnen fest. 

Und dieses Team bezieht den Begriff Inklusion – der zunächst einmal „Teilhabe“ bedeutet – nicht nur auf die sechs Kinder mit besonderem Förderbedarf. „Inklusion beinhaltet die gesamte Gemeinschaft. Hier in der Kita geht es immer um alle Kinder, und auch deren Familien gehören dazu“, sagt Kita-Leiterin Silke Wiederspahn-Hopmann. 

Als soziologischer Begriff beschreibt das Konzept der Inklusion eine Gesellschaft, in der jeder Mensch akzeptiert wird und gleichberechtigt und selbstbestimmt an dieser teilhaben kann. Für Wiederspahn-Hopmann liegt eines auf der Hand: „Wenn wir das erreichen wollen, müssen wir die Stärken aller Kinder stärken, ihre Schwächen schwächen und ihnen dabei helfen, ein Teil des Ganzen zu werden.“ 

Aufmerksamkeit und Achtsamkeit

Für die Arbeit der Integrativkräfte ist ein Grundsatz von Bedeutung: „Wir holen alle Kinder dort ab, wo sie stehen. Egal wo das ist“, erklärt Dana Schnabel. Das setzt die Aufmerksam- und Achtsamkeit aller Teammitglieder voraus. Denn oftmals stelle sich erst im Kindergarten-Alltag heraus, dass sich eine Entwicklungsverzögerung manifestiert habe. 

Stillleben in der Kita Gernegroß.

„Dann besteht unsere Aufgabe zunächst darin, den Eltern zu erklären, dass ihre Kinder eine besondere Förderung benötigen“, berichtet Nadine Schmermbeck. Das sei aber nicht immer einfach. „Das Ganze ist leider sehr negativ behaftet. Die Eltern müssen unterschreiben, dass ihr Kind von einer Behinderung bedroht ist. Das fällt vielen Eltern sehr schwer“, sagt Kita-Leiterin Wiederspahn-Hopmann.
 
Erst wenn die Unterschrift der Erziehungsberechtigten vorliege, könne die Amtsärztin eingeschaltet und gebeten werden, das Kind einzuladen, um es zu beurteilen. Ob es dann Anspruch auf die Förderung durch eine Integrativkraft hat, entscheide letztlich das Landesjugendamt.

Liegt die Förderzusage vor, sind Dana Schnabel und Nadine Schmermbeck am Zug. Die erfahrenen Fachkräfte stellen Kleingruppen zusammen, in die auch Kinder ohne Förderbedarf integriert werden, und setzen nur im Ausnahmefall auf Einzelförderung: „So profitieren alle beteiligten Kinder von unserer Arbeit“, erklärt Dana Schnabel. 

Nadine Schmermbeck ergänzt: „Gruppenarbeit ist sehr wichtig, da die Kinder viel voneinander lernen können.“ Folglich seien die Kinder mit Förderbedarf natürlich auch ohne die Integrativkräfte in den Räumen der Einrichtung unterwegs. „Wir sind nicht die Schatten der Kinder. Wir vertrauen ihnen und wir vertrauen dem gesamten Team“, unterstreicht Dana Schnabel.

Vielfältige Möglichkeiten

Wie die Integrativkräfte die Förderung der Kinder mit besonderem Bedarf gestalten, hängt vom jeweiligen Einzelfall ab. Die Möglichkeiten seien vielfältig, sagt Silke Wiederspahn-Hopmann. Als Ergänzung für die Umsetzung der erstellten Förderpläne ist der einmal wöchentliche Waldtag, an dem zehn bis zwölf Mädchen und Jungen teilnehmen könnten, sehr hilfreich. 

Als „Luxus“ bezeichnet das Kindergarten-Team die wöchentliche Wassergewöhnung im Hallenbad, die auch für alle Vorschulkinder gedacht ist. Eine Besonderheit sei auch der wöchentliche Besuch in der Tonwerkstatt des Jugend- und Bürgerzentrums. 
 
Zu den weiteren wesentlichen Aufgaben gehört eine intensive Zusammenarbeit mit allen therapeutisch tätigen Einrichtungen, die außerhalb der Kita mit der Förderung der Kinder betraut sind. „Wir freuen uns natürlich über jeden Fortschritt der Kinder“, berichten die Integrativkräfte. Wobei die Bemühungen nicht in jedem Fall ausreichen, dem Kind den Besuch einer Regelschule zu ermöglichen. 

Der Gedanke der Inklusion stößt hier an Grenzen. „Manche Kinder sind an einer Förderschule viel besser aufgehoben“, wissen Schnabel und Schmermbeck aus Erfahrung. Dieser Ansicht ist auch die Kita-Leiterin: „Man sollte den Kindern alle Wege offen halten. Sie auf eine Regelschule zu schicken, nur weil die Eltern es wollen, dient nicht unbedingt dem Wohl der Kinder.“ 

Regelschule nicht immer die beste Wahl 

Solche Entscheidungen seien auch noch vor einem anderen Hintergrund problematisch: „Die Zahl der entwicklungsverzögerten Kinder steigt ständig an“, hat Wiederspahn-Hopmann festgestellt. Sie sagt: „Wir fördern hier einige Kinder mit, für die wir eigentlich auch einen Antrag stellen müssten.“ 

Einen Grund für dieses Phänomen sieht die Kita-Leiterin in der mittlerweile sehr schnelllebigen Gesellschaft. „Das Leben ist heute nicht gerade unkompliziert“, stellt sie fest. Beispielsweise sei es in vielen Familien aus finanziellen Gründen notwendig, dass beide Elternteile arbeiten gehen. 

Die Zeit für Kinder und deren Erziehung ist eingeschränkt, Eltern sind gestresst und überfordert. Die Kinderzimmer sind gefüllt mit digitalem Spielzeug, das die Nähe der Erwachsenen nicht ersetzen kann. „Dazu kommt, dass sich die Elterngeneration verändert hat. Wir stellen fest, dass viele Mütter und Väter Beratung und Hilfe bei der Erziehung benötigen.“ 

Auch aus diesem Grund wäre es aus Sicht der Kita-Leiterin eine große Hilfe, wenn jeder Einrichtung eine Inklusionskraft zur Verfügung gestellt würde. Der notwendige Verwaltungsaufwand für jedes entwicklungsverzögerte Kind könnte so umgangen und eingespart werden.

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