Umsatzsteuer für Kirchengemeinden: Das planen die Werdohler

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Jedes Glas Pils, jedes Schnäpschen, die Erbsensuppe und jede Bratwurst muss ab 2021 von den Kirchengemeinden versteuert werden. In eineinhalb Jahren werden die Gemeinden (wie hier St. Petrus-Canisius in Eveking) umsatzsteuerpflichtig, der Staat verdient mit.

Werdohl - Ab 2021 will der Gesetzgeber auch von Kirchengemeinden Umsatzsteuer kassieren. Für die Besucher von Gemeindefesten, Kirchenkonzerten und anderen kirchlichen Veranstaltungen könnte das finanzielle Folgen haben. So gehen die Werdohler Gemeinden damit um:

Mit der Verpflichtung zur Zahlung von Umsatzsteuer beziehungsweise Mehrwertsteuer werden die Kirchen ab Januar 2021 in einigen Teilen privaten Unternehmen gleichgestellt. Ab dann könnte die Bratwurst auf dem Gemeindefest teurer werden, auch die Gebetskerzen werden vermutlich besteuert. Ganz bestimmt müssen Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung mit dem Finanzamt abgerechnet werden.

Noch wird an Modellen gearbeitet, wie die Kirchengemeinden ab 2021 mit der Finanzverwaltung abrechnen müssen. Die Änderung im Steuerrecht kam schon Ende 2016. Die Kirchen als Körperschaft öffentlichen Rechts waren bis dahin von der Umsatzsteuerpflicht ausgenommen. An wirtschaftlichen Tätigkeiten der Kirchen will der Staat aber nun bald seinen Anteil haben und verlangt auch hier Umsatzsteuer.

Weil bei Gesetzeserlass 2016 noch keine Ausführungsbestimmungen vorlagen, wurde den Kirchen und Gemeinden eine Übergangsfrist von vier Jahren eingeräumt. Alle evangelischen und katholischen Gemeinden und Pfarreien haben deshalb eine Optionserklärung abgegeben, die sie zu einer Umsetzung erst ab 2021 verpflichtet.

Muslimische Gemeinden nicht betroffen

Betroffen sind übrigens auch Körperschaften öffentlichen Rechts wie zum Beispiel die Industrie- und Handelskammer, Ärztekammern oder auch die Jagdgenossenschaften. Bei den Glaubensgemeinschaften werden übrigens nur die christlichen Kirchen besteuert, die muslimischen Gemeinden sind keine Körperschaften, sondern agieren als Vereine.

Für Marc Mißbach, den Finanzkirchmeister der Evangelischen Kirchengemeinde Werdohl, ist das Ganze vor allem ein erhöhter bürokratischer Aufwand. Der 39-jährige Presbyter ist Vertriebsdirektor bei einem großen amerikanischen Unternehmen und kennt sich mit der Thematik bestens aus.

Bratwurst und Pils auf dem Gemeindefest oder die Monatsbeitrag für die Krabbelgruppe sind ebenso wie der Eintritt für das Orgelkonzert das geringste Problem. „Wir als Kirchengemeinde sind auch Vermieter und da ist die Umsatzsteuer das größere Thema“, so Mißbach auf Nachfrage.

Kreiskirchenverwaltung hilft

Beim Umgang mit der Besteuerung ab 2021 sei die Kirchengemeinde mit Unterstützung der kreiskirchlichen Verwaltung schon sehr weit. Daten an den Kirchenkreis geleitet Die Kirchengemeinde habe ihre relevanten Daten gesammelt und zur Berechnung und Analyse an die kreiskirchliche Verwaltung weitergeleitet.

Das bedeute zunächst mal einen ehrenamtlichen Aufwand für die Gemeinde, von der sie keinerlei Nutzen habe. Am Ende gehe es um die praktische Handhabung der Besteuerung. Mißbach: „Die Zielsetzung des Gesetzes ist jedenfalls simpel: Mehr Steuereinnahmen.“

Kaffee und Kuchen bei Seniorenveranstaltungen der Kirchengemeinden (hier die Evangelische Kirchengemeinde Werdohl im Nachbarschaftshilfezentrum Ütterlingsen) müssen ebenfalls bald bei der Umsatzsteuer berücksichtigt werden.

Mißbach vermutet, dass der steuerliche Ertrag aus einer Kirchengemeinde wie zum Beispiel der Werdohler nicht sonderlich hoch sei. Dafür steige der Verwaltungsaufwand auf beiden Seiten: Schließlich müsse das Finanzamt die Dinge prüfen. Mißbach: „Meiner Meinung nach stehen die Steuereinnahmen in keinem Verhältnis zu dem gesamten Aufwand.“

Etwas größere Volumen gebe es allenfalls bei der Vermietung. Die Gemeinde sei jedenfalls auf die neue Gesetzeslage bestens vorbereitet und werde sie selbstverständlich ab 2021 umsetzen.

Wirtschaftsprüfer sind mit im Boot

Bei der katholischen Pfarrei St. Michael ist Verwaltungsleiterin Klaudia Grobel die zuständige Person. Auch hier bedient man sich überörtlicher Hilfe. Die Pfarreien im Bistum werden von einem Dienstleistungsverbund betreut, der Buchhaltung sowie Haus- und Liegenschaften abrechnet. Eine nahestehende Wirtschaftsprüfungsgesellschaft befasse sich im Bistum explizit mit der Umsatzsteuer-Thematik, so Grobel. Vier Pilot-Pfarreien aus dem Bistum würden seit einem Jahr eine parallele Buchführung fahren: die bislang übliche und eine umsatzsteuerorientierte. Aus diesen Erfahrungen will das Bistum Handlungsempfehlungen für alle Gemeinden ableiten.

Schon Anfang Juni erwarteten die Kirchenvorsteher erste konkrete Informationen. Grobel: „Danach werden die Erkenntnisse über alle Pfarreien ausgerollt.“ 2020 werde genutzt, um ab 2021 startklar für die Umsatzsteuer zu sein. Buchhalter und Verwaltungskräfte würden die Abrechnung sicher und gesetzeskonform in den Griff bekommen, daran hat Grobel keinen Zweifel.

Ehrenamtler müssen sich umgewöhnen

Bei den zahlreichen von Ehrenamtlichen geführten Kassen hingegen werde es einige Zeit dauern. Wie Marc Mißbach von der Evangelischen Kirchengemeinde sieht auch Klaudia Grobel bei den Ehrenamtlern die größten Umgewöhnungsschwierigkeiten.

Klar ist hingegen für Grobel, dass Gemeindefeste zukünftig ebenso besteuert werden müssen wie Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung. Überlegt werden könne zum Beispiel, ob das Modell der Saalmiete weiterhin taugt oder besser eine Nutzungsüberlassung vereinbart wird. Anderswo würden Fördervereins-Modelle überdacht.

Diese Gebühren bleiben umsatzsteuerfrei

Dr. Rudolf Gewaltig, Steuerrechts-Fachmann beim Bischöflichen Generalvikariat in Essen, kann schon genauer differenzieren: „Einnahmen auf öffentlich-rechtlicher Grundlage erwirtschaftet die Kirchengemeinde durch Aktivitäten, die direkt mit der Seelsorge zu tun haben und die so eben nur eine Kirchengemeinde anbieten kann. Dazu zählen zum Beispiel Gebühren für den Friedhof oder die Kostenbeteiligung beim Kommunionunterricht. Diese Einnahmen sind weiterhin umsatzsteuerfrei.

Probleme lauern in der Umsetzung

Anders ist es zum Beispiel bei den Einnahmen aus Festen, der kurzfristigen Vermietung des Gemeindesaals, Kartenverkäufen für ein Orgelkonzert oder Anzeigen für das Pfarrmagazin. Auf diese unternehmerischen Tätigkeiten, die nicht exklusiv an die hoheitlichen Aufgaben als Kirchengemeinde geknüpft sind, fallen künftig 19 Prozent Mehrwertsteuer an.“

Die Problematik liegt bei beiden Kirchen in der praktischen Umsetzung, schließlich werden die Kassen des Kirchenchors, der Krabbelgruppe, der Frauengemeinschaft, der Messdiener und der Konfi-Teams von Ehrenamtlichen geführt. Steuerlich gesehen sind das finanzielle Aktivitäten, die den Gemeinden zuzuordnen sind. All diese Kassen müssen ab 2021 in der Umsatzsteuererklärung der Gemeinde zusammengeführt und mit einer Vollständigskeitserklärung versehen werden.

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