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Kindesmissbrauch in 580 Fällen: Keine Zweifel an der Schuldfähigkeit

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Von: Thomas Krumm

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Symbolbild Kindesmissbrauch
Wegen sexuellen Missbrauchs in 574 Fällen und schweren sexuellen Missbrauchs in sechs Fällen muss sich ein 55-jähriger Werdohler vor dem Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft hat keinen Zweifel an der Aussage der Hauptbelastungszeugin. © DPA/Patrick Pleul

Weit liegen die Strafanträge im Prozess gegen einen 55-jährigen Werdohler auseinander, dem sexueller Missbrauch von drei Kindern vorgeworfen wird.

Werdohl – Der Staatsanwalt beantragte eine Haftstrafe von acht Jahren wegen sexuellen Missbrauchs in 574 Fällen und schweren sexuellen Missbrauchs in sechs Fällen. Die beiden Anwälte des Angeklagten beantragten einen Freispruch für ihren Mandanten.

Staatsanwalt fordert Haftstrafe

Der Angeklagte sei „über Jahrzehnte hinweg seiner Neigung zum Missbrauch von Kindern nachgegangen“, warf der Staatsanwalt dem Werdohler vor. Konkret sollen sich die Taten zwischen Januar 2007 und dem August 2021 zunächst in einer Wohnung in Lüdenscheid, vor allem aber in Werdohl zugetragen haben. Hier wohnte der Angeklagte mit seiner Partnerin und deren beiden Töchtern.

Die Ältere soll er seit 2007 massiv sexuell missbraucht haben, ihre jüngere Schwester ab 2014. Der Staatsanwalt hatte keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin, die die Ereignisse widerspruchsfrei und ohne Belastungstendenzen gegenüber dem Angeklagten erzählt habe: „Der Sachverhalt steht fest. Sie hat die Taten geschildert in einer in sich konstanten Aussage.“

Die revidierte Aussage ihrer jüngeren Schwester bezeichnete er hingegen als nicht glaubwürdig: Sie hatte ihren Stiefvater in einer ersten Aussage schwer belastet, ihre Beschuldigungen bei der Polizei aber später widerrufen. Auch vor Gericht widersprach sie ihren ursprünglichen Angaben und bezichtigte ihre ältere Schwester: Diese habe ihr „die Wörter in den Mund gelegt“. Der Staatsanwalt bezeichnete diesen Widerruf als „völlig unglaubhaft“.

Widerruf der jüngeren Schwester

Verteidiger Dominik Petereit unterstrich in seinem Plädoyer hingegen die Bedeutung des Widerrufs der jüngeren Schwester. Sie sei vor ihrer ersten Aussage „nicht unerheblich“ von ihrer älteren Schwester beeinflusst worden, die ihren Stiefvater aus dem Haus „ekeln“ wollte. „Haben die Taten stattgefunden? Ich meine nicht“, sagte der Anwalt und beantragte einen Freispruch.

Er gab allerdings zu, dass „das Eis“ für seinen Mandanten „sehr dünn“ sei. Auch Verteidiger Dirk Löber bezeichnete die Aussage der Hauptbelastungszeugin als „wenig glaubhaft“.

Jahrelanger Alkoholmissbrauch

Vor den Plädoyers hatte der psychiatrische Sachverständige Dr. Brian Blackwell deutlich gemacht, dass der Angeklagte im Falle einer Verurteilung uneingeschränkt schuldfähig sei. Trotz seines jahrelangen Alkoholmissbrauchs mit mehreren Flaschen Wodka täglich sei er aufgrund eines Gewöhnungsprozesses „noch in der Lage konstruktiv zu denken und sein Leben zu planen“.

Im Zusammenhang mit dem ihm vorgeworfenen sexuellen Missbrauch soll er ein Periodentagebuch des Hauptopfers geführt und seine Taten geplant haben. Zur Persönlichkeit des Angeklagten und möglichen hirnorganischen Veränderungen konnte der Sachverständige nichts sagen. Der 55-Jährige hatte sich von ihm nicht untersuchen lassen.

Es gebe „keine Hinweise auf eine erhebliche Beeinträchtigung der hirnorganischen Leistung“ oder auf eine tief greifende Bewusstseinsstörung. Und „keine Anhaltspunkte dafür, dass die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten zum Zeitpunkt der Taten nennenswert eingeschränkt war“. „Er hatte eine hohe Verhaltenskontrolle im Tatgeschehen.“

Es droht keine Klinikeinweisung

Sollte der 55-Jährige verurteilt werden, droht ihm eine lange Haftstrafe, aber keine Einweisung in eine geschlossene psychiatrische Klinik. Auch eine Einweisung in eine Klinik zum Alkoholentzug komme nicht in Betracht: Der Alkohol habe die Taten begünstigt, sei aber nicht verantwortlich dafür. Der Angeklagte sei auch kein notorischer Pädophiler.

Diese Neigung sei lediglich eine „Nebenströmung“ in seinen Lüsten gewesen: „Er ist ein Mann, der in der Lage ist, seit Jahren Beziehungen zu erwachsenen Frauen zu führen.“

Das Urteil soll am Donnerstag verkündet werden.

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