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Kindesmissbrauch: Landgericht geht weit über beantragtes Strafmaß hinaus

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Von: Thomas Krumm

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Wegen Kindesmissbrauchs in 580 Fällen befand das Hagener Landgericht einen 55-jährigen Werdohler am Donnerstag für schuldig.
Wegen Kindesmissbrauchs in 580 Fällen befand das Hagener Landgericht einen 55-jährigen Werdohler am Donnerstag für schuldig. © Silvia Marks / DPA

Der Angeklagte im Missbrauchsprozess muss für elf Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Mit dieser Entscheidung ging die 1. große Strafkammer des Landgerichts Hagen am Donnerstag weit über den Strafantrag des Staatsanwalts hinaus, der acht Jahre Haft für den Angeklagten beantragt hatte. „Die Kammer folgt vollumfänglich der Anklageschrift“, erklärte der Vorsitzende Richter Jörg Weber-Schmitz.

Werdohl - Die Anklage hatte dem heute 55-jährigen Werdohler 580 Fälle von sexuellem Missbrauch im Laufe von 14 Jahren vorgeworfen. Sechs davon gelten wegen eines Eindringens in den Körper der Opfer als besonders schwere Fälle. Der Vorsitzende machte deutlich, dass die Richter eine noch größere Zahl an Übergriffen für wahrscheinlich halten. Sie hatten keinerlei Zweifel an der in jeder Hinsicht glaubwürdigen Aussage der Hauptbelastungszeugin: „Ihre Aussage entsprach schulbuchmäßig den Anforderungen, die man an eine wahrhaftige Aussage stellen muss.“

Die Zeugin habe jahrelang über ihre Missbrauchserfahrungen geschwiegen und sich erst an die Polizei gewandt, als es darum ging, ihre jüngere Schwester „aus der Gewaltspirale des Angeklagten zu befreien“. Auch die jüngere Schwester machte in einer ersten Vernehmung bei der Polizei detaillierte Angaben zu dem sexuellen Missbrauch, den sie erlitten hatte.

Die Richter gingen davon aus, dass diese Aussage des Mädchens die einzig zutreffende war. Sie habe dabei zahlreiche Details der sexuellen Übergriffe benannt, die sie sich aufgrund ihres Alters und ihres Erfahrungshorizontes „nicht ausgedacht haben kann“. Schon bei einer zweiten polizeilichen Vernehmung hatte sie die sexuellen Übergriffe ihres Stiefvaters bestritten, seine körperlichen Gewaltausbrüche aber bestätigt. Vor Gericht wollte sie von beidem nichts mehr wissen: „Sie hat bei ihrer zweiten Vernehmung und hier in der Hauptverhandlung ersichtlich gelogen“, stellte der Vorsitzende fest und benannte handfeste Widersprüche und offensichtliche Lügen in den Aussagen der jungen Zeugin. „Die Kammer ist absolut überzeugt, dass es viel Gewalt in der Familie gegeben hat.“ Vor Gericht gelogen hätten auch die jüngste Schwester und der einzige Bruder, die beide die Prügelattacken des Angeklagten leugneten.

Auch die Mutter der Kinder habe „mit allen Mitteln versucht, den Angeklagten zu entlasten“. Vor Gericht bestritt sie die Übergriffe pauschal, obwohl diese zu einer Zeit stattfanden, als sie nicht zuhause war. Es sei nicht klar, „warum die Familie versucht, den Angeklagten vor den Vorwürfen zu schützen“, bemerkte der Vorsitzende. Glaubwürdig waren für die Richter nur die Aussagen der leiblichen Tochter des Angeklagten und der Hauptbelastungszeugin: „Es hat sich zweifelsfrei ergeben, wer hier die Wahrheit sagt und wer gelogen hat“, betonte der Vorsitzende Richter.

Dass der Angeklagte Rücksicht auf die Jungfräulichkeit seiner Opfer nahm, war für die Richter kein Grund, von einem minderschweren Fall auszugehen. Der Tatbestand eines Eindringens in den Körper, der den schweren sexuellen Missbrauch kennzeichnet, war gegeben. Das „planvolle regelmäßige Vorgehen“ des Angeklagten mit Menstruationstagebüchern und „Taten während der Abwesenheit der Kindsmutter“ vertrieben jegliche Gedanken an eine möglicherweise eingeschränkte Schuldfähigkeit des 55-Jährigen. Auf der Basis der höchsten verhängten Einzelstrafen von fünf Jahren für jeden der schwersten Missbräuche kamen die Richter letztlich zu der Gesamthaftstrafe von elf Jahren und sechs Monaten. „Eine geringere Gesamtstrafe wäre zur Überzeugung des Gerichts nicht ausreichend, um den besonderen Umständen des Falls gerecht zu werden.“

Die Verteidiger Dirk Löber und Dominik Petereit kündigten an, das Urteil vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe überprüfen zu lassen. Sie hatten einen Freispruch für ihren Mandanten beantragt. Das Urteil ist deshalb noch nicht rechtskräftig.

So hatten wir im Vorfeld über die Verhandlung berichtet.

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