„Da kennt man keine Menschenrechte“

Binyam Tewelde (links) ist aus Eritrea geflohen, Mamadou Alpha Batt aus Guinea. Seit gut einem Jahr leben die beiden jungen Männer in Werdohl. - Foto: Raidt

Werdohl -  Elf Jahre lang diente Binyam Tewelde dem Militär in Eritrea. Dann floh der heute 36-Jährige aus dem afrikanischen Land, zunächst in den Sudan und von dort über Libyen und Italien nach Deutschland. Seit einem Jahr lebt er in Werdohl.

Gemeinsam mit Mamadou Alpha Batt aus Guinea, der wie er in der Flüchtlingsunterkunft an der Osmecke lebt, erzählt Binyam Tewelde seine Geschichte.

„Ich habe unter dem Militär gelitten“, sagt der Eritreer auf Englisch. „Ich konnte das nicht akzeptieren.“ Eine Alternative zum Militärdienst gab es für den jungen Mann in seinem Heimatland nicht: „Das ist Pflicht bei uns.“ Eine richtige Ausbildung hat Binyam Tewelde deshalb nicht. Seit er 14 Jahre alt war, habe er einen Nebenjob als Elektriker gehabt. „Viele Eltern lassen ihre Kinder solche Nebenjobs machen, falls es mit der Schule nicht klappt.“

Männer und Frauen ab 18 Jahren werden zum Militär verpflichtet – Frauen bis zum Alter von 40 Jahren, Männer müssen unter Umständen bleiben, bis sie 60 sind. Von 1998 bis 2000 führte Eritrea einen Grenzkrieg mit dem Nachbarland Äthiopien. Aber auch danach habe es immer wieder Auseinandersetzungen gegeben, sagt Tewelde. „Viele Leute sterben. Viele junge Leute.“

Deshalb sind es auch viele Junge, die das Land verlassen. Ein paar Jahre vor Binyam flohen auch seine beiden Schwestern; sie leben seitdem in Dubai. Der Vater ist seit ein paar Jahren tot; nach Binyams Flucht blieb die Mutter allein in Eritrea zurück. Aber auch vorher habe sie schon unter der Situation gelitten, sagt der 36-Jährige: „Sie hat mir eine Familie gewünscht.“ Er selbst wollte vor allem eine neue Chance. Und deshalb gab es für ihn irgendwann auch keine Alternative mehr zur Flucht. „I had no choice“, sagt er. „Ich hatte keine Wahl.“

Im Sudan, der ersten Station seiner Flucht, wurde es erst einmal nicht besser für den Eritreer. Er hatte keine Papiere und keinen Job, lebte in einer schlechten Unterkunft. Vor allem aber musste er sich ständig verstecken: Seit 2010 kidnappen gut organisierte Banden in Sudan und Ägypten Flüchtlinge aus Eritrea. Einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge verschleppen die Menschenhändler ihre Opfer auf die ägyptische Halbinsel Sinai, foltern sie und versuchen, Lösegeld von den Familien zu erpressen.

„Wünsche mir Wahlen und Demokratie“

Wie genau Binyam Tewelde ihnen entging und wie er die Zeit im Sudan überstand, erzählt er nicht. Nach sechs Monaten floh er weiter nach Libyen, dann nach Italien. In Mailand traf er andere Eritreer, die ihn im Auto bis nach Frankfurt mitnahmen. „Ich kannte jemanden, der in Norwegen lebt“, erzählt der 36-Jährige. „Da wollte ich hin.“

Mit einem Bus fuhr er bis zur Grenze in Norddeutschland. Dort kontrollierte ihn die Polizei. Als sich herausstellte, dass er als Flüchtling nach Deutschland gekommen war, brachte man ihn in die Erstaufnahmeeinrichtung in Dortmund-Hacheney.

Vor etwas mehr als einem Jahr, im Dezember 2013, kam er schließlich nach Werdohl. Wie viele andere Asylbewerber erledigt er mit Erwin Günther von der Stadtverwaltung und den Angestellten des Bauhofes Arbeiten in der Stadt. „Wenn sich die Situation in Eritrea ändert, möchte ich zurück“, sagt er. „Ich liebe mein Land und meine Eltern.“ Eine Verfassung, Wahlen und Demokratie: Das ist es, was er sich für Eritrea wünscht.

Auch Mamadou Alpha Batt hofft, dass in seinem Heimatland Guinea „alles anders wird“ – erst dann kann er zurückkehren. Seit etwas mehr als einem Jahr lebt der 25-Jährige in Werdohl. „Wenn du in Guinea Probleme hast, dann musst du weg“, sagt er auf Französisch. „Da kennt man keine Menschenrechte.“ Und Mamadou Alpha Batt hatte Probleme: Er war politisch interessiert und stand nicht auf der Seite des Staatspräsidenten Alpha Condé.

Die Wahl im Jahr 2010 sei manipuliert gewesen sagt der Guineer. „Sein“ Kandidat Cellou Dalein Diallo habe das Ergebnis trotzdem akzeptiert, um einen Bürgerkrieg zu verhindern. Den habe es zwar auch nicht gegeben, aber viele kleine Konflikte. Immer wieder spricht er von „haine“, Hass, zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen. Viele Tote habe es bei diesen Auseinandersetzungen gegeben.

Er habe einer lokalen politischen Gruppe in seinem Viertel in der Hauptstadt Conakry angehört, erzählt der 25-Jährige. „In dem Viertel war ich sehr bekannt. Ich habe da schon immer gewohnt und hatte einen kleinen Laden.“ Auch die mächtigen Militärs kannten ihn, einige wohnten um die Ecke.

Als im August 2012 viele Menschen in der Hauptstadt für Neuwahlen demonstrierten, war auch Mamadou Alpha Batt dabei. „Wer zuhause geblieben war, hörte davon, dass Demonstranten verhaftet wurden“, sagt er. „Viele Leute fingen deshalb an, die Häuser der Militärs zu zerstören.“ Als der 25-Jährige nach Hause kam, verhafteten ihn Soldaten unter dem Vorwand, er sei an der Zerstörung von Häusern beteiligt gewesen. „Die wussten ja, dass ich politisch interessiert war“, sagt der Guineer.

Zwei Gefängnisse hätten die Menschen in Conakry in solchen Fällen durchlaufen. Wie die anderen kam Mamadou Alpha Batt zuerst in das kleinere. „Viele, die in das große Gefängnis gebracht wurden, sind verschwunden“, sagt er. „Ich hatte Angst. Aber mein Onkel hatte Kontakte und konnte mich rausholen, bevor ich ins große Gefängnis kam.“

Die Familie wird bedroht

Mit einem gefälschten Pass floh der junge Mann nach Belgien. Acht Monate blieb er in Brüssel, dann kam er nach Deutschland. Jemand nahm ihn im Auto mit nach Dortmund. „Da habe ich einen Polizisten gefragt, wo ich Asyl beantragen kann“, erzählt der 25-Jährige. Wie Binyam Tewelde landete auch der Guineer in der Erstaufnahmeeinrichtung in Hacheney, bevor man ihn nach Werdohl schickte.

Seine Eltern und fast alle Geschwister sind in Guinea geblieben, nur eine Schwester lebt inzwischen im Senegal. „Meine Familie musste umziehen“, sagt Mamadou Alpha Batt. „Sie wurde bedroht, nachdem ich weg war.“ Der junge Mann macht eine Pause. „Mir fehlte nur noch ein Jahr, um mein Jura-Studium abzuschließen“, sagt er dann. „Ich bin gegangen, weil ich musste.“ Um in Deutschland eine Ausbildung zu machen oder sein Studium zu beenden, müsse er erst einmal Deutsch lernen. „C’est mon souhait“, sagt er. „Das ist mein Wunsch.“

Von Constanze Raidt

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