Keine Zeit für Video-Doktor in Werdohl

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Werdohl - Praxis-Check am Dienstagvormittag: Der Ärztetag in Erfurt steht bevor, es geht um die Zukunft von Tele-Medizin und Fernberatung per Video. In Werdohl sind die niedergelassenen Mediziner allerdings sehr weit von Video-Beratung entfernt.

Bei vielen Praxen kommt der Anrufer nicht einmal an die Arzthelferinnen heran, geschweige denn an den Arzt persönlich. Gleich bei mehreren Fachärzten und Hausärzten geht der Ruf durch, obwohl gerade Sprechstunde ist. Es sind einfach viel zu viele Patienten zu behandeln. Trotz vieler Versuche kommt kein einziges Gespräch mit einem Arzt zustande. 

Die Praxen von Hausarzt Dr. Hussein Al Shami an der Feldstraße und Romutis Petkevicius an der Bahnhofstraße machen Urlaub und sind geschlossen, mit Himmelfahrt und dem Brückentag steht eine kurze Arbeitswoche und ein langes Wochenende bevor. Für die verbleibenden Praxen bedeutet das einen Ansturm, der nur mit viel Disziplin zu bewältigen ist. 

Bei Dr. Roumani-Spree an der Freiheitstraße ist immerhin die Praxis telefonisch zu erreichen. Einen vereinbarten Rückruf könne der Doktor leider nicht einhalten, heißt es, er werde vielleicht am Abend dazu Zeit haben. Die Praxis biete keine Video-Beratung an. Was diese Arzthelferin sagt, ist bei vielen nachfolgenden Anfragen zu hören: „Die Praxis ist rappelvoll, der Arzt behandelt einen Patienten nach dem anderen.“ 

Wartezimmer sind überfüllt

Ähnliches gibt es bei den Hausarztpraxen von Dr. Thomas Greif am Reißberg und vom Internisten Karsten Riege an der Freiheitstraße zu hören. Die Wartezimmer seien überfüllt, die Doktoren arbeiten ihre Patienten ab. Video-Beratungen würden nicht angeboten, telefonische Beratungen von Patienten seien in manchen Fällen möglich. Noch ein Beispiel für die Belastung der Mediziner: Um als Zeitung eine Auskunft von einem bestimmten niedergelassenen Arzt in Werdohl zu bekommen, solle am besten eine schriftliche Anfrage gestellt werden. Die könnte der Arzt dann „irgendwann nebenbei“ beantworten. 

Während seit Dienstag auf dem 121. Ärztetag in Erfurt darüber debattiert wird, ob eine Video-Beratung auch ohne vorherige persönliche Visitation erlaubt werden kann, ist bei den Werdohler Ärzten noch nicht einmal ein telefonischer Erstkontakt möglich. 

Wer als Patient in einer örtlichen Hausarztpraxis vom Doktor am Telefon beraten werden will, muss zwingend ein persönlich bekannter Patient sein. Der Erstkontakt zum Arzt muss ausschließlich von Angesicht zu Angesicht erfolgen. 

Arzt und Patienten schauen sich in die Augen

Dr. Hikmet Dogan, der vor zwei Jahren die kleine Hausarztpraxis von Dr. Bessel übernommen hatte, ist technischen Neuerungen sehr aufgeschlossen. Video-Beratung gibt es allerdings auch in seiner Praxis nicht. Selbst die Kommunikation zwischen den Arzthelferinnen und dem Doktor ist technisiert. Dennoch: Auch hier schauen sich Arzt und Patient stets in die Augen. 

Bei den Fachärzten scheint die Nachfrage der Patienten noch stärker zu sein: Beim Orthopäden, beim Augenarzt und in der HNO-Praxis laufen die Anrufe über Minuten ins Leere, obwohl die Praxis gerade geöffnet sein sollte. In wieder anderen Praxen hängt der Anrufer in Warteschleifen: „Bitte legen Sie nicht auf! Der nächste freie Mitarbeiter wird sich um Sie kümmern.“ Der Werdohler Hautarzt lässt auf den Vorsitzenden der hiesigen Ärzteschaft in Neuenrade verweisen, für das Thema Video-Beratung habe er aktuell keine Zeit.

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