Weltmesse Wire in Düsseldorf

Drahtfirmen scheuen große Bühne

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Auch die Firma Elisenthal ist in diesem Jahr nicht auf der Messe vertreten.

Werdohl - „Wer etwas ist oder werden will, ist auf der Wire“, so der Slogan der Messe der Draht- und Kabelindustrie. Ob dieses Motto auch 2020 gilt, darf aus Sicht der heimischen Firmen bezweifelt werden.

Die Claas-/Klinke-Gruppe ist der einzige Drahthersteller aus Deutschlands Drahtstadt Nummer eins, der nach aktuellem Stand Anfang Dezember in Düsseldorf ausstellen wird. Aus Neuenrade und Werdohl nehmen ebenfalls keine Unternehmen teil. Die in Altena ansässigen Unternehmen Finkernagel, Lüling, das Drahtwerk Altena, EDD Eksi – die große Masse der Hersteller hat ihre Teilnahme für dieses Jahr abgesagt. Auch Altenaer Maschinenhersteller wie Krollmann oder Weiterverarbeiter wie Frohn werden nicht ausstellen.

VDM Metals als größter Arbeitgeber Werdohls wird in diesem Jahr nicht an der Messe in Düsseldorf teilnehmen. Zuletzt hatte VDM auf der parallel zur Wire stattfindenden Tube einen Messestand gehabt.

Wie Unternehmenssprecher Philipp Verbnik erklärte, habe VDM den Entschluss gegen die Reise in die Landeshauptstadt gefasst, nachdem es in einigen Kundengesprächen nur „verhaltenes Feedback“ gegeben hatte. Viele der Kunden und der potenziellen Neukunden würden ebenfalls nicht zur Messe fahren. „Deshalb haben wir uns zum Schutz unserer eigenen Mitarbeiter und auch zum Schutz der Kunden Ende September gegen die Teilnahme entschieden“, so Verbnik.

Die Verantwortlichen des Drahtwerks Elisental haben von einer Teilnahme an der Wire in Düsseldorf abgesehen. „Wir hatten ein vollkommen ungutes Gefühl vor den aktuellen Gegebenheiten“, sagt Geschäftsführer Theo Wingen. Im Kern hätten drei Gründe ihn dazu bewogen, in diesem Jahr nicht zur Wire zu fahren.

In allererster Linie sei der neue Termin im Dezember schlecht gewählt, sagt Wingen. „14 Tage vor Weihnachten fährt kaum noch jemand zur Messe.“ Das Drahtwerk Elisental habe seine Kunden sicherheitshalber aber zusätzlich angeschrieben und gefragt, ob sie an der Wire teilnehmen. „Die Messe ist immer eine gute Möglichkeit, um sich zu treffen und auszutauschen“, sagt Wingen. 90 Prozent der Kunden hätten das Schreiben des Neuenrader Aluminiumdraht-Produzenten aber negativ beantwortet. Letzter Grund gegen die Teilnahme war für Wingen, dass es kein internationales Publikum geben wird. In Summe hätte das letztlich den Ausschlag gegeben, nicht nach Düsseldorf zu fahren. Die 80 000 Euro, für den 100 Quadratmeter großen Messestand kann sich Wingen so vorerst noch beiseite legen. „Das ist aber sekundär.“ Wingen ist sicher, dass die Entscheidung gegen die Teilnahme richtig war. So würden auch die Mitarbeiter keinem unnötigen Risiko ausgesetzt. Aus der Branche weiß der Unternehmer außerdem, dass sich sehr viele Unternehmen ebenfalls gegen die Wire entschieden haben. „Nach meinen Informationen fährt europaweit (!) ein einziger Aluminiumdraht-Hersteller zur Messe“, sagt Wingen.

Das Drahtwerk Elisental setzt für den Kundenkontakt jetzt weiter auf Videokonferenzen. Wingen vermutet, dass das auch nach Corona in Teilen so bleiben wird. „Vielleicht fliegen wir dann nicht mehr fünf mal im Jahr zu einem unserer Partnerunternehmen nach Spanien, sondern nur noch zwei mal.“

Die Neuenrader Firma Bültmann, die sonst an der Tube teilnahm, hat sich in diesem Jahr ebenfalls gegen die Fahrt nach Düsseldorf entschieden. Die Gründe dafür: Ganz ähnlich wie beim Drahtwerk Elisental, insbesondere in Bezug auf die internationalen Reisebeschränkungen. „Als wir das Angebot zur Stornierung bekamen, haben wir es wahrgenommen“, sagt Geschäftsführer Andreas Bültmann. „Es bringt ja nichts, wenn ohnehin kaum jemand kommt. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Messe noch abgesagt wird.“

In der Künne-Gruppe, zu der auch das Drahtwerk Altena am Hünengraben gehört, ist die Entscheidung vor etwa 14 Tagen gefallen: „Wir haben erkannt, dass es schwierig sein würde, in Düsseldorf vernünftige Gespräche zu führen“, sagt Geschäftsführer Markus Giese. Eine Umfrage unter den Kunden habe ergeben, dass die meisten „nicht ambitioniert“ seien, nach Düsseldorf zu kommen. Hinzu komme, dass für das Drahtwerk interessante Aussteller, etwa aus dem Bereich der Stahlerzeugung oder des Maschinenbaus, nicht oder nur sehr reduziert ausstellen werden. „Eine Weltleitmesse wird das in diesem Jahr nicht werden“, lautet Gieses nüchternes Fazit.

In dieses Horn stößt auch Stefan Szkudlapski vom Netzwerk Draht. Dieser Zusammenschluss verschiedener Firmen der Branche bietet seinen Mitgliedern seit Jahren die Gelegenheit, sich und ihre Erzeugnisse an einem Gemeinschaftsstand zu präsentieren. Das soll auch in diesem Jahr so sein, etwa zehn Firmen wollen sich beteiligen. „Man will gesehen werden“, sagt Szkudlapski zur Motivation dieser Aussteller und erklärt, dass die Wire in erster Linie eine Imagemesse sei.

Noch führt der Messekatalog über 1300 Aussteller für die Wire und die parallel laufende Tube auf – deutlich mehr als noch 2018. Dass es so viele werden, glaubt Szkudlapski auf keinen Fall und verweist auf die vielen ausländischen Firmen, die dort gelistet sind – unter anderem weit über 100 aus China und viele aus den USA. Aus Übersee kämen weder Aussteller noch Besucher in großer Zahl zur Messe, meint der Sprecher des Netzwerks Draht. Selbst aus dem europäischen Ausland rechnet er mit eher gringem Zulauf und verweist in diesem Zusammenhang auf die zunehmenden Fallzahlen beispielsweise in Frankreich und Spanien.

Auch die in Evingsen ansässige Pleuger GmbH und der Draht-Juwelier Betzler stehen mit ihrem Gemeinschaftsstand noch im Messekatalog. Allerdings haben sie ihre Teilnahme in der vergangenen Woche abgesagt: „Aufgrund des aktuellen Anstiegs der Fallzahlen halten wir eine Messetätigkeit für nicht verantwortbar“, schreibt Firmenchef Ulf Pleuger. Der ureigentliche Sinn einer Messe sei es, Personen zu treffen und sich mit diesen auszutauschen. „Dies steht in direktem Widerspruch zu den Verhaltensmaßregeln in Covid-19-Zeiten.“

Gespräche mit Kunden hätten ergeben, dass diese Auffassung von fast allen geteilt werde. Darüber hinaus stelle sich natürlich auch die Frage nach dem wirtschaftlichen Sinn einer Messe mit weniger Ausstellern und viel weniger Besuchern.

Ob die Messe trotz der offenbar gravierenden Absagen von Ausstellern tatsächlich stattfindet? Für Szkudlapski ist das noch nicht ausgemacht. Darüber entschieden im Zweifel Bund und Land, sagt er.

„Bisher haben wir von unserer Seite noch nicht abgesagt. Aber wir hören das von vielen Mitausstellern. Das bedeutet wohl auch, dass viele potenzielle Kunden nicht kommen werden“, sagt Dr. Bodo Reinke, Geschäftsführer der Walzwerke Einsal. Er hat die Befürchtungen, dass die Wire recht kurzfristig abgesagt werden wird. „Wir würden uns aber freuen, wenn wir die Gelegenheit hätten, Kunden zu treffen, Kontakte zu knüpfen“, so Dr. Bodo Reinke.

Rückenwind bekommt die Messe Düsseldorf als Veranstalter von Dachverbänden der Industrie. „Nie zuvor waren die persönliche Begegnung, das individuelle Gespräch und der fachliche Austausch am Messestand so wichtig wie in der aktuellen Situation“, heißt es in einer Pressemitteilung, in der auch Dr. Uwe-Peter Weigmann zitiert wird. Er ist nicht nur Geschäftsführer des Maschinen Wafios, sondern auch Präsident des in Hagen ansässigen Verbandes der Draht- und Kabelmaschinenhersteller: „Alle Seiten bemühen sich, trotz bestehender Coronamaßnahmen und -risiken zu einem normalen Ablauf zurückzufinden“, hat er nach Messeangaben gesagt. „Wir sind sicher, dass ein persönliches Gespräch und eine Vorführung an der Maschine auf einer Messe nicht durch Videokonferenzen ersetzt werden können.“ Allerdings kündigt der Geschäftsführer auch an, dass der Wafios-Stand in diesem Jahr kleiner sein werde als sonst.

Ein Problem kann Besucher und Aussteller in diesem Jahr übrigens kalt lassen: Betten gibt’s genug in Düsseldorf. Während Hotels in der Landeshauptstadt und deren Umgebung während der Wire im Normalfall weit im Voraus ausgebucht sind, melden derzeit noch weit über 100 Häuser für die Zeit vom 7. bis zum 11. Dezember freie Plätze.

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