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Keine Schablone zur Problemlösung: So läuft die Schulsozialarbeit an der AEG

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Von: Carla Witt

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Tobias Chylka ist Schulsozialarbeiter an der Gesamtschule. Praktikantin Sina Deitmerg studiert noch Soziale Arbeit und könnte sich anschließend in diesem Jahr gut vorstellen, eine Stelle als Schulsozialarbeiterin anzutreten.
Tobias Chylka ist Schulsozialarbeiter an der Gesamtschule. Praktikantin Sina Deitmerg studiert noch Soziale Arbeit und könnte sich anschließend in diesem Jahr gut vorstellen, eine Stelle als Schulsozialarbeiterin anzutreten. © Witt, Carla

Der ehemalige Stadtjugendpfleger Tobias Chylka ist seit dem 1. November des vergangenen Jahres als Schulsozialarbeiter an der Albert-Einstein-Gesamtschule (AEG) in Werdohl beschäftigt. Nach sieben Monaten zieht der 39-Jährige, der seit knapp 20 Jahren mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, im Gespräch mit Come-on-Redakteurin Carla Witt eine erste Bilanz.

Unterstützt wird Chylka momentan durch die Lüdenscheiderin Sina Deitmerg. Die 25-jährige studiert Soziale Arbeit und absolviert ein sechsmonatiges Praktikum an der Gesamtschule.

Wie gefällt Ihnen das Aufgabengebiet eines Schulsozialarbeiters?

Tobias Chylka: Ich bin an der Gesamtschule sehr gut aufgenommen worden. Das Arbeitsfeld ist toll, die Möglichkeiten sind riesengroß. Die Zusammenarbeit mit den Schulsozialarbeitern der anderen Schulen und mit den Mitarbeitern der städtischen Jugendpflege ist sehr gut. Wir sind in ständigem Austausch.
Sina Deitmerg: Ich bin positiv überrascht von dem, was Schulsozialarbeit hier leistet. In meiner früheren Schule habe ich das ganz anders wahrgenommen. Es macht großen Spaß mit den Schülern in Gruppen oder einzeln zu arbeiten. Ich sehe diese Aufgabe als super wichtige Arbeit und bin sicher, dass man auf Dauer etwas bewirken kann.

Mit welchen Problemen, beziehungsweise Anliegen, kommen die Schülerinnen und Schüler zu ihnen?

Chylka: Die Anliegen und Probleme sind so vielfältig, dass man es kaum in zwei Sätzen beschreiben kann. Schulische Probleme, familiäre Probleme und auch psychische Belastungen spielen eine Rolle. Es gibt kein Schema und viele Probleme können nicht innerhalb eines Gespräches gelöst werden.

Spielen ukrainische Kinder und Jugendliche momentan in ihrem Berufsalltag eine Rolle?

Chylka: Natürlich. Wir haben neun ukrainische Schülerinnen und Schüler hier, die bisher im Verbund unterrichtet worden sind. Wir arbeiten gerade an einem Konzept, die Schüler auf die Klassen zu verteilen. Einige Kinder sind aufgrund ihrer Erlebnisse sehr introvertiert, aber jeder ist anders. Die Verständigung ist nicht ganz einfach, aber mit Händen und Füßen klappt das schon. Auffällig ist, dass alle sehr lernwillig sind und sich wirklich bemühen, unsere Sprache zu lernen.
Deitmerg: Die Schüler sind alle auf einem unterschiedlichen Level. Wir versuchen, eine Basis für die Verständigung in unserer Sprache zu schaffen. Das funktioniert spielerisch ganz gut, zum Beispiel mit Zahlen und Farben.

Welchen Stellenwert hat die Gruppenarbeit in der Schulsozialarbeit?

Chylka: Sie ist extrem wichtig, gerade mit den jüngeren Schülern. Ich biete an jedem Schultag in der vierten Stunde jeweils in einer fünften oder sechsten Klasse soziales Gruppentraining an. Denn viele sind sich in diesem Alter noch nicht über die Wirkung des eigenen Handels im Klaren. Das wird spielerisch geübt.

Kommen die Schüler in der Regel aus eigenem Antrieb oder werden sie zu Ihnen geschickt?

Chylka: Meine Arbeit beruht meistens auf Freiwilligkeit. Und es ist Beziehungsarbeit. Manche Schüler kommen fast jeden Tag, zum Beispiel in der Pause, einfach um mal ,Hallo’ zu sagen. Wenn so eine Beziehung besteht, kann man natürlich auch viel einfacher über Probleme sprechen. Ich habe hier jeden Tag genügend Freiraum, um individuell meiner Arbeit nachgehen zu können. Deshalb kann ich bei Bedarf auch kurzfristig einen Gesprächstermin anbieten.
Deitmerg: Es ist ideal, dass man hier an der Gesamtschule auf die Kinder und Jugendlichen so eingehen kann, wie es für sie am besten ist. Dass ist Dank der freien Arbeit, die man hier leisten kann, sehr gut möglich.

Raten viele Lehrer ihren Schülern zu einem Termin bei Ihnen?

Chylka: Wenn Schüler geschickt werden, dann ist das Problem meist akut und eine schnelle Lösung muss her – oder aber es besteht schon länger. Dann muss langfristig nach dem richtigen Weg gesucht werden. Das ist aber bei weitem nicht der größte Bestandteil der Arbeit. Ich würde sagen, maximal 20 Prozent der Schüler kommen nicht aus eigenem Antrieb. Meistens sind es dann die Lehrer, die sie zu mir schicken. Nur in wenigen Fällen sind die Eltern die treibende Kraft.

Holen sich auch Lehrer Rat bei Ihnen?

Chylka: Ja, manche kommen zu mir. Mit anderen habe ich noch nie zusammengearbeitet, das liegt vielleicht aber auch daran, dass es noch keinen Anlass gab und es sich einfach nicht ergeben hat. Oft führe ich mit Lehrern „Tür- und Angelgespräche“, so kann man manchmal in kurzer Zeit zur Klärung eines Problems beitragen.

Wo stehen Sie in der Hierarchie der Schule und haben Sie die Möglichkeit, den Pädagogen die aus Ihrer Sicht richtige Vorgehensweise vorzugeben?

Chylka: Ich würde sagen, dass es keine Hierarchie gibt; außer natürlich der Tatsache, dass die Schulleitung ganz oben steht. Alles andere ist ein Miteinander, das richtige Vorgehen wird eher gemeinsam festgelegt. Absprachen sind sehr wichtig.

Nehmen die Schülerinnen und Schüler Sie eher als Freund oder als Autoritätsperson wahr? Und: Sind Sie mit den Schülern per Du?

Chylka: Das ist ein Mischmasch. Allerdings gibt es schon einen deutlichen Unterschied zur Arbeit in den Jugendeinrichtungen Hier in der Schule siezen wir uns, denn zu einem respektvollen Umgang miteinander gehört auch das Sie. Ein Du hebt das Miteinander auf eine andere Stufe. Das Siezen fällt einigen Schülern schwer, besonders denen, die mich schon von der Arbeit in den Jugendeinrichtungen kennen – und immer „Du“ gesagt haben. Privat, zum Beispiel beim Sport, können mich die Schüler weiterhin duzen. Mit 12 oder 13 Jahren kann man diesen Unterschied verstehen.

Kontaktieren die Schüler Sie auch per Handy?

Chylka: Momentan noch nicht, denn wenn ich meine private Handynummer einmal herausgebe, wird sie garantiert inflationär genutzt. Aber ich bekomme bald ein Diensthandy, das ich dann umfangreich nutzen werde.

Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben in Ihrem Beruf?

Chylka: Wir bewegen uns immer in einem Bereich, wo man nicht auf alles vorbereitet ist. Wenn es zum Beispiel um die Themen Tod und Trauer geht. Vor solchen Situationen habe ich keine Angst – aber Respekt.

Sind Berufseinsteiger in der Schulsozialarbeit gut aufgehoben?

Chylka: Ich meine ja. Wenn man vom Typ her gerne mit Menschen arbeitet, ist man hier richtig. Man darf nur nicht den Anspruch haben, auf alles eine Antwort haben zu wollen. Als Schulsozialarbeiter kann man nicht jedes Problem lösen, in manchen Fällen muss man auch an andere abgeben können. Zum Kennenlernen ist ein längeres Praktikum ideal, damit man wirklich Einblick in die Arbeit eines Schulsozialarbeiters erhält. Sechs Monate sind da schon optimal.
Deitmerg: Warum nicht? Es ist schon hilfreich, dass man in das System Schule eingebunden ist. Und wir werden gut auf diese Arbeit vorbereitet.

An wen wenden Sie sich, wenn Sie Rat brauchen?

Chylka: Wir haben die Möglichkeit, regelmäßig an Supervisionen teilzunehmen. Und es gibt ein Netzwerk externer Berater für Schulsozialarbeiter. Auch die schon erwähnten guten Kontakte zu den Kollegen anderer Schulen helfen weiter.

Ist Schulsozialarbeit für Sie ein Traumjob?

Chylka: Ja, ist er. Obwohl ich mich bei der Stadt auch sehr wohl gefühlt habe. Aber ich kann mir gut vorstellen an der Schule bis zur Rente zu arbeiten. In einer Jugendeinrichtung ist das schwieriger, dort besteht die Gefahr, dass man irgendwann zum Berufsjugendlichen wird. Denn man lebt einfach in einer anderen Blase – mit den Kindern und Jugendlichen.

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