Coronakrise in Seniorenheimen

Keine einheitliche Linie bei Schnelltests in Senioreneinrichtungen

Coronatests für Bewohner, Besucher und Personal soll es bald in den Altenheimen geben.
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Coronatests für Bewohner, Besucher und Personal soll es bald in den Altenheimen geben.

 In den Senioreneinrichtungen im Lennetal und Hönnetal laufen Besuche trotz steigender Inzidenzzahl noch immer so ab, wie es schon im Sommer der Fall war. Die Heimleiter sind davon erst einmal nicht beunruhigt, wie eine Abfrage in den heimischen Einrichtungen ergibt.

Werdohl/Balve ‒Für Unsicherheit dürfte aber auch kaum Zeit sein, denn die Pflegeteams gehen nicht nur täglich ihrem Job nach, sondern arbeiten derzeit auch an der Umsetzung einer neuen Allgemeinverfügung, die zusätzliche Testungen vorsieht. Im Seniorenzentrum Haus Versetal in Werdohl sind die Planungen schon weit fortgeschritten. Pflegedienstleiter André Sikora hat bereits 25 der sogenannten Point-of-Care-Tests (PoC) vorrätig. 200 davon, so habe er kalkuliert, braucht das Heim ungefähr pro Monat. 250 sind bestellt und sollen bis Ende nächster Woche ankommen. „Die Mitarbeiter, die demnächst Abstriche in Schutzkleidung machen sollen, wurden schon dafür schon geschult“, sagt Sikora.

Im St.-Johannes-Altenpflegeheim in Balve stehe diese Schulung noch bevor, sagt Einrichtungsleiter Franz-Josef Rademacher. In beiden Häusern noch ausstehend ist die Genehmigung der Testkonzepte, die bei der Heimaufsicht beim Märkischen Kreis vorgelegt wurden. Rademacher hat das Konzept vor etwas mehr als einer Woche eingereicht. „Hundertprozentige Sicherheit geben uns die neuen Tests nicht, und sie sind auch nicht ganz so genau wie die PCR-Tests. Allerdings liegt die Treffsicherheit meines Wissens immerhin bei 90 Prozent.“ Damit sei das neuerliche Verfahren mindestens ein guter zusätzlicher Indikator, zum Beispiel, um bei Mitarbeitern mit vermeintlichen Symptomen zwischen Erkältung, Influenza, also der normalen Grippe, und Covid-19 zu unterscheiden.

Eine laufende Nase oder ein Kratzen im Hals beschäftigen uns jeden Tag und belasten die Personalsituation.

Franz-Josef Rademacher, Leiter des Altenpflegeheims St. Johannes in Balve

„Eine laufende Nase oder ein Kratzen im Hals beschäftigen uns jeden Tag und belasten die Personalsituation“, sagt Rademacher. Mitarbeiter der Pflege blieben aus Vorsichtsgründen nämlich deswegen zum Teil zu Hause. Allgemein sei die Situation für das Personal sehr belastens: „Man muss bedenken, dass das Pflegepersonal sich häufig den ganzen Tag mit nichts anderem als dem Coronavirus beschäftigt – zuerst auf der Arbeit und dann in vielen Fällen noch privat zu Hause.“ Mit vielen persönlichen Gesprächen, Teamsitzungen, in denen gemeinsam über das weitere Vorgehen beraten wird, und auch mit kleinen Präsenten wie Obstkörben versuche man im St.-Johannes-Altenpflegeheim das Pflegepersonal etwas zu entlasten.

Das neue Testkonzept, soviel scheint klar zu sein, wird eher eine weitere Belastung sein. Im Haus Versetal sieht es vor, dass die 59 Bewohner regelmäßig, ungefähr alle zwei bis drei Wochen, getestet werden sollen. Bei Symptomen seien darüber hinaus zusätzliche Tests geplant; ebenso, wenn ein Bewohner das Haus Versetal verlässt, um beispielsweise den Wochenmarkt in der Stadt zu besuchen. Das Pflege- und Betreuungspersonal, das in direktem Kontakt zu den Bewohnern steht und dabei Sicherheitsabstände oft nicht einhalten kann, soll einmal pro Woche getestet werden. Für Besucher ist geplant: Wer regelmäßig kommt, muss sich mindestens alle 14 Tage einer Testung unterziehen, unregelmäßige Besucher, sollen sich vor jedem Besuch testen lassen.

Die Abstriche finden zusätzlich zum Screening mit Temperaturmessung statt und „stellen dadurch natürlich eine zusätzliche Belastung für das Personal dar“, sagt Sikora. „Ein Test wird mit Vor- und Nachbereitung – die Mitarbeiter müssen ja Schutzkleidung anziehen – wohl rund 45 Minuten dauern. 15 bis 20 Minuten davon entfallen auf den Test selbst. Das ist ein enormer zeitlicher Aufwand, den wir stemmen sollen – und das bei demselben Personalschlüssel wie vorher. Das hat uns schon Kopfzerbrechen bereitet. Ich bin aber sicher, dass es sich einspielen wird“, sagt Sikora.

Für die Senioren ist es schlimm, komplett abgekapselt zu werden.

Kerstin Medenbach, Leiterin des Perthes-Seniorenzentrums Wichernhaus in Werdohl

Trotz der zusätzlichen Zeit, die die Besucher einplanen müssen, bleibt für sie ein kleiner Lichtblick: Die Testungen sind kostenlos. „Wir bekommen die sechs Euro refinanziert“, sagt Sikora. Dies sei grundsätzlich sehr positiv. Es bleibe aber abzuwarten, ob die PoC-Schnelltests lange lieferbar sein werden. Das Haus Versetal stehe bereits jetzt in Kontakt zu drei verschiedenen Lieferanten.

Im Perthes-Seniorenzentrum Wichernhaus wird wie bei allen befragten Einrichtungen noch nach den alten Maßgaben die Sicherheit der Bewohner gewährleistet. „Glücklicherweise hatten wir bislang weder bei den Bewohnern noch bei Besuchern Fälle“, sagt Kerstin Medenbach, die das Haus in Werdohl leitet. Sie hält es für gut und richtig, dass Maßnahmen ergriffen werden, die die Bewohner zwar schützen, gleichzeitig aber die Möglichkeit sichern, Besuch von Angehörigen zu erhalten. „Für die Senioren ist es schlimm, komplett abgekapselt zu werden“, sagt Medenbach.

Vorerst mache sich Medenbach wegen des hohen Inzidenz-Wertes im Märkischen Kreis keine übermäßigen Soren. Man habe ein gutes Informationsnetzwerk geschaffen, durch das Bewohner, besucher und Mitarbeiter immer auf dem neuesten Stand seien und sich der jeweiligen Situation entsprechend verhielten, sagt sie. Zudem sei das Wichernhaus gut mit Schutzausrüstung und wichtigem medizinischen Material ausgestattet. In der ersten Corona-Hochphase im Frühjahr wurde die Versorgungslage in der Pflegebranche zwischenzeitlich eng.

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