Anlaufstelle für viele Wanderer und Radfahrer

Kapelle Distelnblech: Ein Ort der Ruhe in der Pandemie

Die kleine Kapelle Distelnblech: Die Türen sind hier nie verschlossen, sodass viele Wanderer und Radfahrer bei ihren Touren durch die Natur hier Haltmachen und sich auch ins Gästebuch eintragen.
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Die kleine Kapelle Distelnblech: Die Türen sind hier nie verschlossen, sodass viele Wanderer und Radfahrer bei ihren Touren durch die Natur hier Haltmachen und sich auch ins Gästebuch eintragen.

Gut ein Jahr ist seit Beginn der Corona-Pandemie vergangen. Das Virus stellt die Menschen vor immer neue Herausforderungen, bringt Existenzen in Gefahr und drängt zu Vorsicht und Verzicht. In dieser schwierigen Zeit suchen viele Menschen einen Ausgleich.

Möglichkeiten zur körperlichen Ertüchtigung und Orte, um zur Ruhe zu kommen. In Werdohl gibt es so einen Ort, der beides miteinander verbindet: die kleine Kapelle Distelnblech. Sie liegt am äußeren Stadtrand, nah an der Grenze zu Herscheid.

In den umliegenden, idyllischen Wäldern wird viel gewandert. Auch Radfahrer sind mit ihren Mountainbikes in dem Gebiet unterwegs. Christiane Recht wohnt in der Nähe der Kapelle und schaut regelmäßig, ob dort alles in Ordnung ist. Sie berichtet, dass auf den Wanderwegen rund um das kleine Gebäude momentan öfter reges Treiben herrscht. „Gerade an Wochenenden und an Feiertagen.“ Ob dies wirklich dem Lockdown geschuldet ist oder schlicht am guten Wetter der vergangenen Wochen lag, vermag Recht nicht zu sagen.

Drang zu mehr Beschäftigung in der Natur

Einen Drang zu mehr Beschäftigung in der Natur scheint es aber zu geben, denn als die Wiesen noch mit Schnee bedeckt waren, seien in diesem Jahr erstmals auch einige Rodler da gewesen. Ein Pärchen hatte sogar mit dem Wohnwagen einige Tage in der Natur kampiert; sehr zum Ärger von Christiane Recht. Denn die Camper hatten auf einer ihrer Futterwiesen gestanden und dort durch ein Lagerfeuer einen größeren Brandfleck verursacht.

Im Gästebuch finden sich viele Einträge, die sich um das Thema Corona drehen.

Abgesehen davon hat Recht derzeit aber wenig Grund zur Kritik. In der Vergangenheit ging es deutlich turbulenter zu. Unter anderem war mehrfach der Opferstock aus der Kapelle geklaut worden. Jetzt ist es dagegen relativ ruhig und das soll auch so bleiben. Von den Wanderern wünsche sich die Anwohnerin lediglich, dass sie sich in der Natur verantwortungsbewusst verhalten. „Es ist aber nicht so, dass hier doppelt oder dreimal so viele Menschen entlang kommen wie sonst“, berichtet Recht. „Es ist einfach nur wieder etwas mehr los.“ Viele der Wanderer, Wochenend-Ausflügler oder Mountainbiker kommen unweigerlich an der kleinen Kapelle vorbei, die direkt an einem der Waldwege liegt. Sie ist aber auch mit dem Auto über den Ludemerter Weg zu erreichen und rund um die Uhr geöffnet.

Das Coronavirus beschäftigt die Menschen

Liest man die Einträge im Gästebuch der Kapelle, merkt man schnell, dass das Coronavirus die Menschen auf vielfältige Weise beschäftigt. „Viele Leute schreiben anonym ihre Ängste in das Buch“, sagt Recht. „Sie fassen in Worte, was sie bedrückt und worüber sie sich Sorgen machen.“ Die kleine, abgelegene Kapelle sei für Jung und Alt ein willkommener Ort der Besinnung. Selbst die Konfession spiele manchmal keine Rolle, berichtet die Anwohnerin. Sie wisse von muslimischen Besuchern, die regelmäßig in der Kapelle seien, um zu beten. Dass die Kapelle Distelnblech offenbar ein wichtiger Rückzugsort ist, freut Christiane Recht. Wenn sie den Menschen jetzt Kraft gibt, durch diese turbulente Zeit zu kommen umso mehr – so lange, wie eben das Verhalten stimmt.

Die Geschichte der Kapelle

Seit mehr als sieben Jahren passen Christiane Recht und ihr Mann Christian mittlerweile auf die Kapelle Distelnblech auf. Das kleine Gebäude wurde im Winter 2010 gebaut und 2011 eingesegnet. Der Kirchhundemer Forstunternehmer Christoph Hupertz hatte das ganze Gelände gekauft und aus Dankbarkeit die Kapelle gebaut. Vor allem dem im Sommer 2018 verstorbenen Vater von Hupertz, Willi, war die Kapelle eine Herzensangelegenheit. Der Hof gehört Hupertz, Rechts haben das Haus gemietet und kommen jeden Tag mehrfach an der Waldkapelle vorbei. Die Kapelle stehe für jeden und jede offen. Die Tür ist nie abgeschlossen, das kleine Gotteshaus lädt zu Gebet und Nachdenken ein. Nicht willkommen sind jedoch Menschen, die Müll in der Kapelle oder dem direkten Umfeld hinterlassen, oder die gar das Mobiliar beschädigen. Mit Zwischenfällen dieser Art hatte man neben dem Diebstahl des Opferstocks bis 2019 verstärkt zu kämpfen. Dann entschlossen sich Rechts dazu, eine Kamera zu installieren, um der Situation wieder Herr zu werden. Weil es sich um Privatgrund handelt, war dies ohne Weiteres möglich. Seither hat sich die Lage zusehends entspannt. Familie Recht passt aber weiterhin gut auf die Kapelle auf.

Die kurzen Texte im Gästebuch haben ganz unterschiedliche Inhalte. Oft wird um Gesundheit gebeten oder dafür gedankt. „Danke Gott, dass niemand aus unserer Familie an Corona gestorben ist“, heißt es zum Beispiel in einem Eintrag, der so aussieht als wäre er von einem Kind im Grundschulalter verfasst worden. „Bitte pass’ auf uns alle auf. Gerade jetzt in dieser schwierigen Zeit benötigen wir Menschen uns gegenseitig. Sorge dafür, dass wir es schaffen als Menschheit aufeinander aufzupassen“, schreibt ein anderer Autor.

Es geht um Wertschätzung und Solidarität

Gleichermaßen geht es um Wertschätzung und Solidarität: „Danke an alle Ärzte und Ehrenamtlichen, die uns in dieser Zeit helfen“, schreibt ein Besucher. „Gib allen, die von Corona betroffen sind, Mut und Kraft zu genesen“, ergänzt ein anderer.

Im Gästebuch hinterlassen viele Besucher der Kapelle eine Nachricht.

Auch rund um den Jahreswechsel gab es viele Einträge. Oft sind die Worte mit dem Datum des Besuchs versehen, deshalb lässt sich das gut nachvollziehen: „Danke für ein wunderschönes Jahr 2020, trotz der Pandemie und der Hürden, die das Jahr mit sich brachte. Es kann nur besser werden.“ Oder – wieder in Grundschulschrift: „Ich wünsche der Welt ein gesundes 2021.“

Menschen sorgen sich um die Gesellschaft

Aus anderen Texten liest man heraus, dass sich Menschen um die Gesellschaft und den Gemütszustand anderer sorgen. „Ich bin dankbar, dass alle gesund und glücklich sind! Mein Urvertrauen hilft mir durch diese Zeit! Pass auf mich und alle Menschen in dieser Zeit gut auf und lass die Liebe in ihren Herzen!“

Wieder andere berichten von Lichtblicken, die sie in der Pandemie haben: „Ich komme immer wieder hier her und singe ein wenig. Das tut so gut! Danke!“ Auch was die Corona-Pandemie mit Kindern macht, kann man erahnen. Denn in einem Eintrag, der ebenfalls nach den Worten eines jungen Schülers aussieht, heißt es: „Danke, dass ich überhaupt auf der Welt sein darf. Ich bin zwar gerade genervt wegen Corona, aber bitte hilf uns auf der Erde. Viele Grüße auch an meinen Schutzengel.“

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