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Kabarett aus dem Homeoffice

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Von: Thomas Krumm

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Kabarettistin Inka Meyer trat mit ihrem aktuellen Programm „Zurück in die Zugluft – die unerträgliche Seichtigkeit des Scheins“ am Sonntagabend in Werdohl auf.
Kabarettistin Inka Meyer trat mit ihrem aktuellen Programm „Zurück in die Zugluft – die unerträgliche Seichtigkeit des Scheins“ am Sonntagabend in Werdohl auf. © Krumm, Thomas

Es ist erstaunlich, wie realistisch Bildmedien inzwischen Wirklichkeiten vorgaukeln: Zahlreiche Besucher glaubten am Sonntagabend in der Stadtbücherei Werdohl die Kabarettistin Inka Meyer zu sehen.

Doch das war offenbar eine Täuschung: „Ich bin immer noch im Homeoffice“, ließ sie ihr Publikum wissen. „Sie sehen mich, aber ich bin eine Illusion.“

Ihre dennoch getroffene Vorsichtsmaßnahme im Umgang mit dem Publikum und dem Coronavirus ließ aber doch leichte Zweifel an dieser kessen Auskunft aufkommen: „Ich bin eine geboosterte und moderne Frau.“ Die Besucher hatten ebenfalls vorgesorgt und die nötigen Dokumente über Impfung oder Genesung mitgebracht. Und so präsentierte die Kabarettistin auf Einladung des Kleinen Kulturforums ihr aktuelles Programm „Zurück in die Zugluft – die unerträgliche Seichtigkeit des Scheins“.

Nahe am Alltagsleben

Das Bühnen-Ich der Inka Meyer blieb in ihrem Programm nahe am Alltagsleben und plauderte viel über persönliche Dinge: familiäre Herkunft aus der „Wesermarsch“, Geburt dennoch in Erlangen, Beruf des Vaters, Alter, gewollte Kinderlosigkeit. „Warum?“, nahm sie eine offenbar beliebte Frage vorweg. „Weil ich es so wollte. Weil ich eine subjektiv erwachsene Entscheidung im Alter von fünfeinhalb Jahren getroffen habe.“ Nein, so eine wie sie wollte sie nicht in einem von ihr mütterlich umsorgten Haushalt haben.

Auf die angebliche Täuschung über ihre Präsenz in der ausverkauften Stadtbücherei folgte eine weitere große Überraschung, die das Urteilsvermögen des Publikums erneut radikal infrage stellte: „In meinem Pass steht Ingolf Meyer“, gestand sie und brachte mit der behaupteten Geschlechtsumwandlung einen ganz anderen Grund für die Kinderlosigkeit ins Spiel. Das war ein bisschen verwirrend. Inka Meyer gab zu, dass sie es auch nicht immer leicht hat mit den vielen Facetten ihres Selbst: „Ohne mich wär’ mein Leben viel einfacher.“

Zahlen, Fakten und CO2-Bilanzen

Doch es wurde auch wieder übersichtlicher: Zahlen, Fakten und CO2-Bilanzen belegten, dass Greta Thunberg, „diese kleine Rotzgöre“, Recht hat: „Heute sind die Kinder die Erzieher ihrer Eltern.“ Und es ging weiter mit der Sichtung lebensnaher Themen: Inka Meyer präsentierte Partnermodelle unter dem Eindruck physischer und/oder psychischer Phänomene der Entfremdung. Viele dieser Varianten sprechen eher gegen eine Fortpflanzung, was immerhin gut für das Klima ist. Manchmal hilft auch die Verteilung der Partner auf Ehebett und Eiche im Garten nicht mehr, und es kommt zu Trennungen und Patchworkfamilien. Inka Meyer führte dem Publikum vor Augen, dass die vielen Halbgeschwister Jesu dafür sprechen, dass dieses Modell schon sehr alt ist: „Josef lebte in einer Patchworkfamilie mit Gott.“

Und dann gibt es da noch die Berufstätigkeit: Sind die Deutschen tatsächlich derart unselbstständig und unkreativ, dass eine Stelle im öffentlichen Dienst für sie „an oberster Stelle“ steht? Inka Meyer zitierte einen tragisch gescheiterten Zeitgenossen, dem die Zeit fehlte, um sein „Burn-out“ auszuleben. Lieber weiterstrampeln bei der „Arbeit im Hamsterrad“, lautet die verzweifelte Devise.

Ein ganz vergnüglicher Abend

Trotz dieser tragischen Feststellungen verbrachte das Publikum einen ganz vergnüglichen Abend zwischen Kalauern, ein paar weniger gelungenen Witzen, gewollten Doppeldeutigkeiten und pfiffigen Überlegungen. Meyers wilder Ritt durch das Programm setzte die Pointen allerdings in einem recht atemlosen Stakkato. Häufig tut es einer Pointe aber gut, wenn sie ein bisschen Weile und Muße haben darf, um ihre volle Wirkung zu entfalten.

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