Ungewöhnliche Feste und ein zweifelnder Santa Claus

WERDOHL ▪ Es war ein beschwingt-leichter Einstieg in die Adventszeit, den die Besucher des Kleinen Kulturforums am Freitagabend bei der letzten Veranstaltung des Jahres für Erwachsene erlebten. Zu Gast war die Schaupielerin und Rezitatorin Jutta Seifert, die ihren Zuhörern unter dem Motto „Vorsicht! Bescherung!“ eine satirische Weihnachtslesung präsentierte und dabei nicht nur besinnliche, sondern auch herrlich-böse Geschichten vortrug.

Mit der Auswahl ihrer Texte – Gedichte, Kurzgeschichten und auch einige Rezepte – begab sich Jutta Seifert „auf die Zielgerade“ Richtung Weihnachtsfest und beleuchtete dabei heiter und ironisch die eher unangenehmen Seiten des Festes. In der Tat startete der Abend unter dem Titel „Es weihnachtet sehr“ im Oktober mit einer Betrachtung darüber, dass schon Monate vor dem ersten Advent mit dem Weihnachtsfest geworben wird. Die Schauspielerin selbst merkte an, dass jeder selbst das Gefühl kenne, „kaum ist man aus dem Sommerurlaub zurück, liegen schon die Marzipankartoffeln in den Supermärkten.“

Im Verlauf des Abends hörte das Publikum unter anderem von einem an seinem Beruf zweifelnden Santa Claus (Janina David, „Wer glaubt noch an den Weihnachtsmann?“) und von Einbrecher Nick, der sich seine Geschenke gern in fremden Häusern besorgt und dem ein kleines Mädchen eine besondere Bescherung bereitet. In dieser satirischen Reihe von Texten fehlten auch Fritz Eckengas Gedicht „Heiligabend“ nicht.

Im zweiten Teil des heiter-skurrilen Abends dominierten die „Heldinnen“ in den von Jutta Seifert ausgewählten Texten. So entschloss sich beispielsweise eine resolute Seniorin, den Weihnachtsabend nicht mehr mit ihrem „fürchterlichen Sohn“ nebst Schwiegertochter und Enkeln zu verbringen – und stattdessen einen fremden Herrn einzuladen. Dieser Abend endete zwar ohne Rendez-vous und mit dem Verlust des edlen Porzellans, bot der Heldin aber auch einen ungeahnten Befreiungsschlag. Diesen plante auch eine weitere von Jutta Seifert ausgewählte Frauenfigur – indem sie beim Weihnachtsfest kundtat, dass sie sich von ihrer Familie einen nackten, jungen Mann zum 80. Geburtstag wünscht.

Allerdings hatte keiner der Besucher Interesse daran, sich die Rezepte von Henriette Davidis, die Jutta Seifert im „kulinarischen Block“ präsentierte, mitzunehmen: Festtagsbraten wie „Gebratener Pfau“, „Bärentatzen“ oder „Dachspfeffer“ stehen eher weniger auf den Speiseplan der Werdohler im 21. Jahrhundert. Mit Ringelnatz’ Gedicht „Schenken“ endete der Abend im Kleinen Kulturforum, der einen satirischen Blick auf die Begleiterscheinungen, wie Konsumwahn und Familienterror warf, die das besinnliche Weihnachtsfest oftmals zur Qual machen. Und dennoch: Mit ihren liebevoll vorgetragenen Geschichten, die stets ein Augenzwinkern hervorriefen, weckte Jutta Seifert auch die Lust auf eine besinnliche Adventszeit. ▪ gör

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