„An der Gesamtschule werden Offenheit und Vielfalt gelebt“

+
Reinhard Schulte verlässt die Gesamtschule. Er blickt auf eine ereignisreiche Zeit in Werdohl zurück.

Werdohl - Vier Jahre war Reinhard Schulte Rektor der Albert-Einstein-Gesamtschule. Jetzt verlässt er die Schule am Riesei und übernimmt die Leitung des Landesprüfungsamtes für Lehrämter an Schulen. Im Gespräch mit Redakteurin Carla Witt blickt Schulte auf die ereignisreiche Zeit in Werdohl zurück.

Herr Schulte, was hat Sie dazu bewogen, die Albert-Einstein-Gesamtschule zu verlassen?

Reinhard Schulte: Der Wunsch, näher an meinem Wohnort in Dortmund arbeiten zu können, hat den Ausschlag gebeben. Ich habe mal ausgerechnet, dass ich 16 Tage im Jahr komplett auf der Straße stehe, solange ich in Werdohl tätig bin. Dass diese Fahrerei nun ein Ende hat, ist eine große Erleichterung für mich und meine Familie. Wenn es jetzt gut läuft, erreiche ich meinen neuen Arbeitsplatz mit dem Auto in acht Minuten.

Die ungewisse Zukunft der Gesamtschule hat bei Ihrer Überlegung keine Rolle gespielt?

Schulte: Natürlich hat mich die schulpolitsche Situation in Werdohl nicht gerade glücklich gemacht. Die Schülerzahlen waren schon schwierig als ich kam. Trotzdem ist jahrelang nichts passiert. Ich hätte mir gewünscht, man hätte sich vor langer Zeit zusammengesetzt und überlegt, wie man damit umgeht, dass das Hauptschulgebäude frei wird. In den kommunalpolitischen Arbeitskreis waren keine Schulvertreter eingebunden, auch das ist sehr bedauerlich. Wenn man offener und kommunikativer mit dem Thema umgegangen wäre, hätte mich das gefreut.

Aber jetzt hat sich durch die geplante Kooperation mit der Gesamtschule Finnentrop doch eine echte Perspektive ergeben...

Schulte: Diese Alternativ-Lösung hat hier nicht unbedingt die freudigen Gefühle ausgelöst, die man wohl erwartet hat. Da gibt es noch viele Unwägbarkeiten. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass mir eine Kooperation mit der Realschule lieber gewesen wäre. Wäre diese zustande gekommen, hätten wir jetzt eine stabile Oberstufe.

Also löst die Kooperation mit Finnentrop aus Ihrer Sicht nicht die akuten Probleme?

Schulte: Zumindest wird es durch diese Lage nicht einfacher freie Stellen zu besetzen. Jetzt taucht vermehrt das Problem auf, dass Lehrer Bedenken haben, weil sie möglicherweise noch zwischen den Städten pendeln müssen. Das käme zur täglichen Anfahrt zur Schule ja noch hinzu. Im Sekundarbereich I ist es uns auch im dritten Anlauf nicht gelungen, eine Stelle zu besetzen. Die Sonderpädagogen-Stelle konnte jetzt zum zweiten Mal nicht besetzt werden. Das ist eine sehr missliche Situation. Trotzdem kann man die Bedenken der Lehrkräfte verstehen, denn diese Kooperation ist ja kein Garant dafür, dass die Zukunft der beiden Schulen dauerhaft gesichert ist. Und Menschen brauchen Sicherheit, damit sie ihre Zukunft planen können. Das trifft auch auf Lehrer zu.

Die Albert-Einstein-Gesamtschule Werdohl.


Wie bewerten Sie die Zukunftsaussichten für die Schulform Gesamtschule generell?

Schulte: Was die Oberstufe angeht wird es schwieriger, nachdem die Gymnasien wieder zu G 9 zurückgekehrt sind. Allerdings stimmt das Grundkonzept der Gesamtschulen. Die Schüler haben die Chance länger gemeinsam zu lernen – ohne Angst davor haben zu müssen, nicht versetzt zu werden. Viele Jugendliche, die heute das Abitur in der Tasche haben, hatten das nicht auf dem Zettel als sie zu uns kamen. Das ist die große Chance der Gesamtschulen. In den Städten werden sich die Gesamtschulen weiter positiv entwickeln. Im Ländlichen ist es schwieriger, dort ist die Schullandschaft zergliedert. Die Zeit wird das korrigieren, und es ist schwer zu sagen, wohin die Entwicklung gehen wird.

Wenn Sie an die vergangenen vier Jahre in Werdohl zurückdenken: Was wird Ihnen besonders im Gedächtnis bleiben?

Schulte: Ich bin erstaunt und erfreut, wie viel man mit Mitte 50 noch lernen und erleben kann. An dieser Schule gibt es eine spannende, tolle Schülerschaft. Es herrscht ein Höchstmaß an Vielfalt, es hat viel Spaß gemacht, hier arbeiten zu können. Wir haben an dieser Schule viel zu einer gut funktionierenden Inklusion beigetragen. Mir persönlich lag das sehr am Herzen, auch mit dem Bezug zu meiner familiären Situation, meinem Adoptivsohn, der aus Afrika kommt. Wir sind mit dem Thema Zuwanderung angstfrei umgegangen, das hat sich gelohnt. Es ist klasse, wo einige der Kinder jetzt schon stehen, die damals zu uns gekommen sind. Gerade vor dem Hintergrund irrationaler Ängste, ist es erfreulich zu sehen, wie viel Positives die Zuwanderung auch für ein Land bringen kann.

Abgesehen davon, dass Sie nicht wussten, wohin die Reise in Werdohl schulpolitisch geht, haben Sie auch andere Herausforderungen an der Gesamtschule gemeistert. Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Kommunikation mit den Eltern Ihrer Schüler?

Schulte: Die Gespräche mit den Vertretern der Elternpflegschaft waren stets gut, direkt und klar. Insgesamt war die direkte Kommunikationen mit den Menschen im unmittelbaren Umfeld der Schule sehr gut – bis zu dem Facebook-Storm im vergangenen Jahr. Diese Begebenheit hat mich doch sehr nachhaltig getroffen. Ich habe gesehen, wie dünn das Eis ist, auf dem man lebt. Egal wie groß das eigene Engagement ist. Die pauschalen Behauptungen und unbedachte Äußerungen sind nach wie vor sehr traurig für alle Kinder, die diese Schule besuchen.

Was wünschen Sie der Albert-Einstein-Gesamtschule für die Zukunft?

Schulte: Ich wünsche mir, dass diese Schule bei den Werten bleibt, die hier ganz besonders deutlich gelebt werden. Unter anderem sind das Offenheit und Vielfalt. Auch diesbezüglich sehe ich die Schule bei Sven Stocks, der jetzt kommissarisch die Leitung übernommen hat, in guten Händen.

Zukünftig gehört es auch zu Ihren Aufgaben, junge Menschen für den Beruf des Lehrers zu begeistern. Was sagen Sie jemandem, der darüber nachdenkt, Kinder und Jugendliche zu unterrichten?

Schulte: Du musst bereit sein, voll in diesem Beruf aufzugehen. Es ist eine große Verantwortung. Du bist mit für die Zukunft der Kinder verantwortlich – weil Du persönlich eine Bedeutung für sie hast. Ich würde jedem Interessenten unbedingt zu diesem Beruf raten, der einer der tollsten und herausforderndsten ist, die es gibt. Aber man muss bereit sein, sich selbst in Frage zu stellen und sich weiter zu entwickeln.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare