Schuldnerberatung: „Der Bedarf wächst“

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Die Schuldnerberatung ist immer mehr gefragt

Werdohl -  Immer mehr Menschen in Deutschland können ihre Schulden nicht mehr bezahlen. Das ist das Ergebnis des am Freitag veröffentlichten „Schuldneratlas Deutschland“ der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, nach dem 6,9 Millionen Menschen als überschuldet gelten. Wie sich die Lage vor Ort entwickelt hat, darüber sprach Redakteur Markus Wilczek mit Sozialarbeiterin Marie-Christin Preising, die im Auftrag des Awo-Unterbezirks Hagen-Märkischer Kreis Schuldner-, Verbraucher- und Insolvenzberatung für den Bereich Werdohl, Neuenrade und Plettenberg anbietet.

Frau Preising, werden auch im Lennetal die Probleme größer?

Marie-Christin Preising: Der Bedarf nach unserem Beratungsangebot wächst. 2016 hatten wir 260 „richtige“ Beratungsfälle, wo wir überschuldete Personen über Monate begleiten. Hinzu kommen 200 weitere Fälle einer Informations- und Kurzberatung. Für die Insolvenzberatung mussten wir mittlerweile sogar eine Warteliste einführen.

Gibt es eine Gruppe, in der das Problem der Überschuldung besonders auftritt?

Preising: Bei den 30- bis 60-Jährigen fällt der Beratungsbedarf etwas höher aus. Ansonsten ist quer durch alle Einkommensklassen jeder Altersbereich vertreten. Wir haben Klienten zwischen 18 und 90 Jahren.

Wer darf das Beratungsangebot nutzen?

Preising: Unser Angebot steht jedermann kostenlos offen. Wir beraten vom Single bis zur Großfamilie.

Wann sollte man zu Ihnen in die Beratung kommen?

Preising: Spätestens wenn absehbar ist, dass die Ausgaben die Einnahmen längere Zeit übersteigen werden. Um diesen Fall zu vermeiden, bieten wir auch eine vorsorgliche Beratung an, in der wir beispielsweise über die Haushaltsbudget-Verwaltung sprechen, um die Schulden zu vermeiden. Die meisten kommen allerdings erst, wenn bereits die ersten Rechnungen für Telefon oder Versicherung nicht mehr bezahlt werden können und der Dispo überzogen ist.

Wie sieht die Beratung aus?

Preising: Pauschal lässt sich das schwierig sagen, weil häufig die Menschen, die zu uns kommen, sehr verschieden sind. Einige haben nicht nur finanzielle Probleme. Da verweise ich an meine Kollegen hier im Sozialen Beratungszentrum. In diesem Bereich sind wir gut aufgestellt. Generell versuchen wir Tipps zu geben, wo Geld gespart werden kann, stellen einen Haushaltsplan auf, nehmen Kontakt mit den Gläubigern auf und versuchen Regelungen wie Ratenzahlung oder Stundung zu vereinbaren.

Marie-Christin Preising ist Schuldnerberaterin in Werdohl.

Was sind die Hauptursachen für eine Überschuldung?

Preising: Sicherlich Arbeitslosigkeit. Aber auch eine unwirtschaftliche Haushaltsführung, also das Leben über den eigenen Verhältnissen. Dazu kommen Krankheit beziehungsweise Erwerbsunfähigkeit.

Wie nehmen Betroffene Kontakt zu Ihnen auf?

Preising: Der erste Schritt ist für viele der schwierigste. Ich höre ganz häufig, dass Menschen meine Telefonnummer seit Wochen zuhause liegen haben, sich aber einfach nicht trauen, anzurufen. Ist dieser Hürde einmal genommen, fühlen sich viele nach der Erstberatung sehr erleichtert, weil sie anschließend das Gefühl haben, endlich Hilfe zu bekommen.

Wie hoch sind die Schulden der Hilfesuchenden?

Preising: Wir haben Fälle von um die 5000 Euro, aber auch Fälle von deutlich über 200 000 Euro. Auch die Ausgangslage ist sehr unterschiedlich. Einige kommen schon mit einer Auflistung der Verbindlichkeiten, andere tatsächlich mit dem berühmten Schuhkarton oder eine Plastiktüte, die voll ist mit ungeöffneten Briefen.

Wie ist die Erfolgsquote?

Preising: Wir erwarten von jedem Klienten eine aktive Mitarbeit. Dann können wir in den meisten Fällen auch helfen. Ist diese Bereitschaft nicht vorhanden, können auch wir die Probleme nicht im Alleingang lösen.

Die Schuldner-, Verbraucher- und Insolvenzberatung der Awo hat ihren Sitz im Sozialen Beratungszentrum im Bürgerhaus, Schulstraße 2. Marie-Christin Preising ist dort montags bis donnerstags von 8 bis 12 Uhr sowie von 13.30 bis 15 Uhr anzutreffen und zu erreichen unter der Rufnummer 0 23 92 / 50 53 93.

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