„Der Rat wird bunter werden“

Bürgermeisterin Silvia Voßloh stellt sich darauf ein, bei der Bürgermeisterwahl im September in eine Stichwahl mit einem weiteren Bewerber gehen zu müssen. Außerdem erwartet sie, dass mindestens eine weitere Partei Einzug in den Rat halten wird.

Was hat das Jahr 2019 geprägt? Und was wird 2020 bringen? Bürgermeisterin Silvia Voßloh (CDU) hat sich im Gespräch mit der Redaktion zu wichtigen Themen der Gegenwart und der nahen Zukunft geäußert.

Am Beginn des Jahres hat Bürgermeisterin Voßloh noch einmal auf die vergangenen zwölf Monate zurückgeblickt und sich an schöne wie wie weniger erfreuliche Ereignisse erinnert. Vor allem ging der Blick aber nach vorne in das Jahr, in dem sich das Stadtoberhaupt bei der Kommunalwahl dem Votum der Bevölkerung stellen muss. 

Wie fällt die Bilanz 2019 aus? 


Für das Jahr 2019 zieht Silvia Voßloh eine durchwachsene Bilanz. Das neue Hallenbad, aber auch die Investitionen bei den Firmen Vossloh, VDM und Superior Industries verbucht sie auf der Positiv-Seite, an die Hiobsbotschaft vom massiven Stellenabbau bei Georg Fischer erinnert sie sich nicht so gerne. Für die betroffenen Mitarbeiter und ihre Familien sei das schlimm. „Stark beschäftigt haben uns auch die Diskussionen über die Schullandschaft und über die Erweiterung des Gewerbegebiets Rosmart“, blickt sie zurück. Insgesamt habe der Rat „viel Positives für Werdohl bewirkt“, findet sie.

Was bringt die Kommunalwahl?

„Ich gehe davon aus, dass der Rat wesentlich bunter werden wird“, sagt Voßloh mit Blick auf eine mögliche Ratsbeteiligung der Grünen nach der Kommunalwahl am 13. September. Die Chancen dieser kürzlich gegründeten Partei um den ehemaligen WBG-Ratsherrn Volker Oßenberg sieht sie durchaus gegeben. Deren Themen könnten bisherige Nichtwähler an die Urnen bringen. Mit einiger Sorge betrachtet sie, dass bei der Europawahl im vergangenen Jahr die AfD in vielen Werdohler Wahlbezirken zweistellige Ergebnisse erzielen konnte. Ob die AfD zur Kommunalwahl antritt, hängt nach Voßlohs Ansicht davon ab, ob sich in Werdohl Menschen finden, die offen für die Positionen dieser in Teilen rechtsextremen Partei eintreten. „Es ist etwas anderes, sich öffentlich zu äußern, als in der Wahlkabine sein Kreuzchen für die AfD zu machen“, sagt sie. Innerlich hat sich Silvia Voßloh, die seit 2014 Bürgermeisterin ist und längst ihre erneute Kandidatur angekündigt hat, schon darauf eingestellt, erneut in eine Stichwahl gehen zu müssen. „Bei drei oder mehr Bewerbern ist es schwierig, im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit zu erreichen“, glaubt sie. Bisher ist sie allerdings die einzige Bewerberin um das Amt. Die SPD wird wohl noch nachziehen, von anderen Parteien oder Einzelbewerbern hört man wenig bis gar nichts.

Wochenmarkt – Erfolg oder Flop?

Vom Umzug des Wochenmarktes auf den Brüninghaus-Platz hat sich mancher Werdohler mehr versprochen, auch aus der Politik gab es kritische Stimmen. Voßloh glaubt allerdings nicht, dass sich durch den von den Händlern mehrheitlich gewünschten Umzug das Kundenverhalten verändert hat. Vielmehr stellt sie die These auf, dass ein Markt in dieser Form aufgrund des demografischen Wandels keinen Kundennachwuchs mehr findet. „Meine Generation kennt das noch, auf dem Markt einzukaufen“, erläutert die 53-Jährige. „Weil aber mittlerweile in den Discountern jeden Tag zwischen 7 und 21 Uhr ein Angebot an frischen Waren erhältlich ist, kaufen gerade Berufstätige nicht mehr donnerstags morgens auf dem Markt ein.“ Eine Chance für Werdohl könnte nach Voßlohs Auffassung ein Nachmittagsmarkt sein. „Die Frage ist, ob sich Markthändler finden würden, die das machen möchten.“

Rosmart 2.0: Sollte Werdohl aussteigen?

„Für mich ist es ganz klar, dass wir nicht aussteigen dürfen“, sagt Voßloh ganz deutlich. Sie möchte dabei bleiben, um mitbestimmen zu können, was auch auf Lüdenscheider und Altenaer Gebiet im Drei-Städte-Eck passiert. Jetzt müsse das gesamte Gebiet auf seine Eignung für die Gewerbeansiedlung untersucht werden, um nicht in einigen Jahren wieder vor der Frage zu stehen, wo Unternehmen bauen können. Nur einer Abtragung der Kuppe erteilt die Bürgermeisterin eine klare Absage. Das wäre für sie ein zu gravierender Eingriff in die Landschaft und die Natur. „Mein Weg ist, einen Kompromiss zu finden, um den Unternehmen Flächen anbieten zu können, damit sie am Standort bleiben“, sagt Voßloh. Werdohl habe ansonsten nichts anzubieten: „Das Kraftwerksgelände in Elverlingsen steht uns nicht zur Verfügung. Ich habe schon etliche Telefonate mit Mark-E geführt, aber da ist zumindest derzeit nichts zu machen.“

Wie geht’s weiter nach dem Stärkungspakt?

2020 erhält Werdohl letztmals Konsolidierungshilfe – 555 000 Euro – aus dem Stärkungspakt des Landes, danach muss die Stadt den Haushaltsausgleich wieder ganz aus eigener Kraft schaffen. „Wir müssen weiterhin mit Augenmaß darauf achten, welche Dinge wir bewegen können und welche nicht“, betont Voßloh. Offen sei ja beispielsweise die Entwicklung der Zinsen, was für Werdohl wichtig sei, obwohl die Kassenkredite schon um etliche Millionen Euro reduziert worden seien. Es gelte, jeden Euro zwei Mal umzudrehen und Ausschau nach Fördermitteln zu halten. Ein Abweichen vom strikten Konsolidierungskurs könnte sich die Bürgermeisterin bei den Gebühren vorstellen, die die Stadt den Sportvereinen für die Benutzung der Sporthallen in Rechnung stellt. Der Idee von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD), stark verschuldeten Kommunen die Schulden zu erlassen, kann sie übrigens nicht viel abgewinnen. Das sei denen gegenüber unfair, die sich über Jahre um einen Schuldenabbau aus eigener Kraft bemüht und dabei auch schmerzhafte Einschnitte in Kauf genommen hätten.

Was wird aus der Gesamtschule?

Für die Albert-Einstein-Gesamtschule (AEG) ist das Anmeldeverfahren im Februar von existenzieller Bedeutung. Finden sich nicht mindestens 100 neue Fünftklässler, wäre der Schulentscheid im vergangenen Jahr mit dem Beschluss zur Aufgabe der Realschule ein Schlag ins Wasser gewesen. Oder doch nicht? „Wir haben uns mehrheitlich für die Gesamtschule mit dem Erhalt des Abiturs entschieden“, erklärte Voßloh. Die Stadt versuche, die AEG attraktiv zu gestalten, auch das Lehrerkollegium sei darum sehr bemüht. „Jetzt liegt es in den Händen der Eltern, die Schule anzunehmen“, hofft die Bürgermeisterin auf genügend Anmeldungen. Und wenn es zu wenige Anmeldungen geben sollte? „Dann liegt es an der Bezirksregierung, damit sensibel umzugehen“, setzt sie darauf, dass Arnsberg die Stadt und die AEG nicht im Regen stehen lässt.

Wie steht es um die Wirtschaft?

Von Veränderungsprozessen wie bei Georg Fischer – der Konzern will bis Ende des Jahres in Werdohl etwa 300 Arbeitsplätze abbauen und einen Standort schließen – erfahre auch die Bürgermeisterin erst, wenn die Entscheidung bereits getroffen sei, sagt Voßloh. Sie bedauert, dass nicht alle Betroffenen gleich wieder eine Beschäftighung finden können. Immerhin gebe es mit der 65-Millionen-Euro-Investition bei Superior Industries aber für den einen oder anderen eine neue Perspektive. Weitere Arbeitsplätze könnten eventuell auf Rosmart entstehen. Das in der Unternehmensumfrage der Stadt kürzlich kritisierte „negative Image“ Werdohls könne sie sich nur schwer erklären, sagt Voßloh. Eine Stadt von der Größe Werdohls könne nun einmal gewisse Angebote nicht (mehr) vorhalten. „Eine Stadt, die wächst, hat es immer leichter als eine Stadt, die schrumpft“, sagte sie mit Blick auf die Tatsache, dass die Zahl der Einwohner am Zusammenfluss von Lenne und Verse in den vergangenen 40 Jahren von beinahe 25 000 auf jetzt nur noch knapp 18 000 zusammengeschmolzen ist. Für Wirtschaftsförderer Andreas Haubrichs gehe es nach der Auswertung der Unternehmensumfrage nun darum, in Gesprächen herauszufinden, warum Unternehmer das Image Werdohls so empfinden und was man verändern könne.

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