„Integration ist ein Prozess“

Der Deutschkursus von Lehrerin Hacer Beil (vorne, 3. v. r.). Auch sie lernen zur Zeit in den Räumen der Volkshochschule Lennetal.  Fotos: Domke

Werdohl -  Im Märkischen Kreis erhielten im vergangenen Jahr 383 Menschen einen deutschen Pass, nachdem sie erfolgreich ihre Einbürgerung absolviert haben. In Werdohl waren es 64 Einbürgerungen, damit ist die Stadt an Lenne und Verse einer der Spitzenreiter im Kreisgebiet.

Doch bevor die Antragssteller, wie sie im Beamtendeutsch heißen, einen deutschen Pass in den Händen halten, gilt es eine Reihe bürokratischer Hürden zu überwinden.

Bis zu 21 Punkte umfasst die Liste der benötigten Unterlagen zum Antrag auf Einbürgerung. „Es ist viel Bürokratie“, weiß Bettina Downar. Die Mitarbeiterin der Stadt Werdohl nimmt gemeinsam mit ihrer Kollegen Bettina von Kalle die Anträge entgegen und hilft den Bewerbern bei Fragen und Problemen bezüglich des Verfahrens. „Wir haben Vorgaben des Gesetzgebers, an die wir uns halten müssen“, sagt die Verwaltungsangestellte weiter. Wer sich um eine deutsche Staatsbürgerschaft bewirbt, muss neben den vielen ausgefüllten Formularen auch weitere Nachweise erbringen. Ein Einbürgerungstest und die erfolgreiche Teilnahme an einem Integrationskursus müssen ebenso nachgewiesen werden wie eine Berufsausbildung.

Der Einbürgerungstest findet für Bewerber aus Werdohl beim Märkischen Kreis in Lüdenscheid statt. Für 33 Fragen haben die Teilnehmer 60 Minuten Zeit. Wer 17 Fragen richtig beantwortet, hat den Test bestanden und legt somit einen weiteren Grundstein für eine erfolgreiche Einbürgerung.

Der Integrationskursus besteht aus einem Sprachkursus (600 Stunden) und einem Orientierungskursus (70 Stunden). Dieser bereitet die Teilnehmer auf das alltägliche Leben in ihrer neuen Heimat vor. Hier lernen die Migranten Briefe und E-Mails zu verfassen und Formulare in der oft noch fremden Sprache auszufüllen. Auch steht das Schreiben von Bewerbungen auf dem Kursplan. Ziel des Integrationskurses ist der erfolgreiche Abschluss des Sprachtests, der das europäisierte Sprachlevel B1 bescheinigt. Der daran anschließende Test enthält Fragen zum politischen System der Bundesrepublik Deutschland, der religiösen Vielfalt und der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Neben relativ einfachen Fragen wie „Nennen Sie ein Nachbarland Deutschlands“, müssen die Teilnehmer auch wissen, wer den Text der deutschen Nationalhymne schrieb. Dabei stehen jeweils vier Antwortmöglichkeiten zur Auswahl.

Wer in Werdohl einen solchen Kursus besuchen möchte, hat dazu beim Berufsfortbildungswerk, bei der Arbeiterwohlfahrt und bei der Volkshochschule Lennetal die Möglichkeit. Barbara Funke, Leiterin der VHS, weiß, dass der Weg einer Einbürgerung für viele Ausländer ein oftmals steiniger ist. „Viele Menschen wollen ihre bisherige Staatsangehörigkeit gar nicht verlieren, sind aber dennoch dazu gezwungen, wenn sie in Deutschland leben und arbeiten wollen“. Viele erlebten die Einbürgerung als Verlust der eigenen Identität. Sie findet, dass Menschen, die Leistungen in Deutschland beanspruchen, die deutsche Sprache beherrschen und verstehen müssten. Dazu gehöre auch Gesetze und Vorgaben einzuhalten, so Funke. Ein Sprachkursus sei daher für alle unumgänglich.

Dennoch müsse man den Migranten die Möglichkeit geben, ihre Herkunft zu wahren und ihre Kultur weiterhin auszuleben. „Integration ist ein Prozess und kein bürokratischer Vorgang“, mahnt die Leiterin den unvorsichtigen Umgang mit dem Begriff. Funke: „Ausländer, die hier arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen, sind unumgänglich ein Teil Deutschlands.“ Integration heiße, lebenstüchtig zu sein und ein aktives und selbstverantworliches Mitglied der deutschen Gesellschaft zu sein, so Funke weiter.

„Wir verlangen von den Menschen viel und wir bekommen in der VHS hautnah mit, wie bemüht die meisten Kursbesucher sind“, weiß auch Sachbearbeiterin Inge Jülich. Anders als bei vielen Ämtern, bekämen sie Sorgen und Ängste der Menschen mit. Das sei ein Blickwinkel, der vielen verborgen bliebe.

Von Friederike Domke

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