„Integration ist anstrengend“

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Die beiden Berufsschullehrerinnen Hatice Gündogdu (links) und Ulrike Zenk berichteten rund 30 Werdohlern in der Stadtbücherei von den Erfahrungen ihres Verständigungsprozesses. ▪

WERDOHL ▪ „Integration fällt nicht vom Himmel“, sagte Ulrike Zenk, „sondern ist eine anstrengende Tätigkeit.“ Doch, ein Verstehen-Wollen vorausgesetzt, könne sie auch Spaß machen. Zenk hat in Hatice Gündogdu eine Freundin gefunden. Die beiden Berufsschullehrerinnen aus Sundern und Plettenberg berichteten in der Stadtbücherei bei ihrer Lesung von ihren Erlebnissen.

Selcuk Demir spielte auf der Gitarre anatolische Musik und Werdohler Realschülerinnen hatten für die Pause Köstlichkeiten zubereitet.

50 Jahre alt ist die türkische Migration in Deutschland. Doch immer noch leben die Kulturen nebeneinander. Passenderweise heißt der Freundschaftsbericht von Gündogdu und Zenk „Kampf der Kulturen“.

Das ginge schon dort los, wo die plangesteuerte Deutsche auf die der Flexibilität verpflichtete Türkin trifft. „Sie benutzt weder eine Waage noch ein Kochbuch“, wunderte sich Zenk etwa beim gemeinsamen Backen mit ihrer neuen Freundin.

Im März 2007 beschlossen die beiden einen Verständigungsprozess. Sie besuchten sich gegenseitig, lernten ihre Familien und einander kennen. Und sie legten Unterschiede offen. So lebe der Deutsche nach seinem Terminplan – ein Alltag geprägt von Hektik und Stress. Türken dagegen leben viel entspannter.

Gündogdu sagt: „Wenn ich einen Ausgleich brauche, mache ich nicht Yoga sondern Hausarbeit. Abwechslung ist immer gut.“ Und deshalb plane sie ihre Vorhaben auch nicht: „Der Tag hat 24 Stunden. Abends sehe ich dann ja, für welche Aufgaben ich mich entschieden habe.“ Zuerst mache sie, was ihr Spaß bereite. Dann gingen die ungeliebten Dinge auch leichter von der Hand. Schlichte Worte, die für Deutsche aber wohl fremd klingen mögen.

Überall im Saal wurde unter den rund 30 Zuhörern mit dem Kopf genickt. In den Gedankengängen der beiden Lehrerinnen fanden sich offenbar viele wieder – ob mit oder ohne Migrationshintergrund.

Gündogdu rief dazu auf, Hemmungen abzubauen, Fragen zu stellen. „Diese bringen zwar die Gedanken und Gefühle des jeweils anderen zu Tage. Sie zeigen aber auch die Wertschätzung für das Gegenüber.“ Und so unterschiedlich seien die Welten auch nicht. So gebe es längst auch bei Türken so genannte Patchwork-Familien.

Die kulturelle Identität der türkischstämmigen Deutschen bleibe aber enorm wichtig. „Eine rein deutsche Wertestruktur kann ich meinen beiden 13 und 14 Jahre alten Neffen gar nicht glaubwürdig vermitteln“, gab Gündogdu zu bedenken. Und Zenk gestand ihrer Freundin: „Die Türkenfeindlichkeit, die Du erlebt haben musst, macht es mir auch schwer, Deutsche zu sein.“ Gündogdu sage mittlerweile zwar selbstbewusst: „Ich bin Deutsche“– jedoch immer mit dem Zusatz: „Aber meine Eltern kommen aus der Türkei.“

Zenk bemängelte: „Politiker veranstalten große Gipfel mit hehren Zielen. Doch Integrationsarbeit machen dann doch nur 400-Euro-Kräfte oder Ehrenamtler.“ Das müssten ausgebildete Erzieher machen, obgleich auch diese – wie auch Lehrer – oftmals selbst „bildungsfern“ seien. So berichtete Gündgdu, dass ein fünfjähriges Mädchen aus ihrer Verwandschaft von ihrer Kindergärtnerin gezwungen worden sei, ihre saubere Kleidung in eine Toilette zu stopfen. Das Kind sei wochenlang verstört gewesen.

Zenk betonte aber, dass die Angst vor Fremdenfeindlichkeit auch nicht dazu führen dürfe, dass Verständnis mit Verhätscheln verwechselt werde. Richtig sei es, Kindern und Jugendlichen Regeln und Grenzen zu setzen und Konsequenzen aufzuzeigen – der autoritative Erziehungsstil, der nicht autoritär bedeute. Denn, so die Pädagogin Zenk: Wenn der Lehrer glaube, ein Kind könne nichts, dann leiste das Mädchen oder der Junge tatsächlich nichts.

Eine Lehramtsstudentin im Publikum erklärte diesbezüglich, dass sie in ihren bisher sieben Semestern an der Universität nicht eine Vorlesung zu interkultureller Kompetenz gehabt habe. Dabei fällt Integration doch nicht vom Himmel.

Am Samstag, 19. November, erscheint das zweite Werk der beiden Autorinnen: „Interkulturelle Kompetenz und praktische Integration“. Darin geht es um didaktische Konzepte an Schulen. ▪ Michael Koll

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